Alle warten auf Geldtöpfe für SchulleiterInnen. In manchen Bundesländern gibt es sie längst. Sie sind gezielt einsetzbar – um SchülerInnen Nachhilfe zu ermöglichen

Amadeo Gaigl hat eine – auf den ersten Blick – ganz normale Online-Nachhilfe. Aber mit „Bildung digital“ (bidi) schafft der Co-Gründer etwas, was in Zeiten von Pisa-Krise und Lehrermangel Not tut. Die digitale Unterstützung kommt sehr schnell jenen Schülern zugute, die im Unterricht nicht mitkommen. Für die Zielgenauigkeit der Nachhilfe garantieren die Schulleiter: sie verwenden die Mittel für ihre Sorgenkinder. Wie sie die Mittel verwenden, für einen Schulhund, für zusätzliches Personal oder für Online-Nachhilfe, können sie selbst entscheiden.

Die selbstbestimmte Verfügung von Mitteln ist spätestens mit dem Starchancenprogramm in aller Munde. Eine der drei Säulen des Programms das Chancenbudget für Schulleiter. Aber während die ersten 1.000 Schulen noch bis Sommer 2024 warten müssen, sammeln Schulen in Sachsen und Baden-Württemberg schon seit dem Programm „Corona Aufholen“ Erfahrungen mit zusätzlichen Schulleiterbudgets. Die sind so gut, dass beide Länder die Sondertöpfe für ihre Rektoren aus eigenem Geld weiterführen.

„In der Schule meckert mich die Lehrerin an“

Davon profitiert zum Beispiel Talea aus Sachsen. Die 12-jährige besucht dort eine Oberschule (eine Haupt- und Realschule). In Mathematik geht es ihr manchmal im Unterricht zu schnell. Deswegen hilft ihr ein Nachhilfelehrer, der ihr online noch einmal erklärt, was Brüche bedeuten und wie man sie berechnet. „Wenn man fragt, weil man etwas nicht verstanden hat“, berichtet Talea von ihrer Lehrerin in der Schule, „dann meckert sie einen halt an.“ Die digitale Nachhilfe bei bidi muss Taleas Mutter nicht selbst bezahlen. Die Schulleitung hat ihr einen Gutschein über zehn Nachhilfe-Stunden gegeben.

Auch der Schulleiter des Gymnasiums in Engen (Baden-Württemberg) agiert mit diesen Gutscheinen. Thomas Umbscheiden berichtet, dass an seiner Schule ständig circa 50 Schüler bei Nachhilfelehrern von bidi Förderung bekommen. „Wir sind eine Schule im ländlichen Raum, für uns ist dieses Online-Angebot ideal, weil niemand weite Wege für Präsenz-Nachhilfe fahren muss“, sagt der Schulleiter. Er will weder auf den Einzelunterricht des Anbieters noch auf das freie Budget verzichten. Als bidi-Mitarbeiter am Tag der offenen Tür das Angebot vorstellten, so berichtet es der Rektor, gaben hinterher 20 Eltern „Bildung digital“ als Grund dafür an, ihre Schüler ans Gymnasium Engen geschickt zu haben.

Viele Schulen gehen personell am Stock

Dass an einer öffentlichen Schule staatlich angestellte Lehrer Förderangebote machen sollten, lässt Umbscheiden nicht gelten. „Wir brauchen jeden Lehrer, um den Normalbetrieb aufrecht zu halten – wir gehen am Stock“, sagt er Table.Media. Deswegen hat er als Vize-Vorsitzender der regionalen Schulleiter-Vereinigung Südbaden das Schulministerium in Baden-Württemberg gebeten, die freien Schulbudgets unbedingt aufrecht zu erhalten.

Beim Amtschef des Ministeriums, Daniel Hager-Mann, ist er damit auf offene Ohren gestoßen. Das aus der Corona-Zeit stammende Programm „Lernen mit Rückenwind“ wurde verlängert. „In Regionen mit Lehrermangel berichten mir Schulleiter, wir haben zwar ein Problem, Lehrkräfte zu finden, aber ‚Lernen mit Rückenwind‘ gibt uns die Flexibilität, das Personal zu organisieren, das wir brauchen“, sagte Hager-Mann zu Table.Media. Dabei gibt es ganz verschiedene Formen der Förderung: über Kooperationspartner oder über Einzelpersonen „oder über Bildungsgutscheine, mit denen sich die Schüler auf dem Nachhilfemarkt Leistungen kaufen.“ 

Auch Sachsen hat nach Auslaufen des Corona-Sonderprogramms das flexible Schulleiter-Budget verlängert – insgesamt acht Millionen Euro können Direktoren dort vergeben. Ebenso finden sich in Brandenburg und Sachsen-Anhalt ähnlich Programme. Allerdings sind sie dort nicht so unkompliziert für Personal oder Online-Hilfe zu verwenden. Und: es handelt sich auch nicht um wirklich zusätzliche Geldmittel für Schulleiter. Sie werden vielmehr aus so genannten Budgetierungen gewonnen, also der Ausbezahlung von Mitteln für Lehrerstellen, die nicht besetzt sind.

Nachhilfe ist da, wo ein Klavier im Wohnzimmer steht

Amadeo Gaigl hat bidi auch deswegen mitgegründet, weil es ihm in seiner Jugend wie Talea aus Sachsen ging. Gaigl wuchs bei seiner Oma auf, die ihm weder bei den Hausaufgaben helfen noch genug Geld für Nachhilfe aufbringen konnte. „So eine Möglichkeit hätte ich als Schüler auch gut gebrauchen können“, sagt Gaigl. Er findet das Argument falsch, dass kommerzielle Angebote für Schulleiter ungerecht seien – im Gegenteil. „Nachhilfe als effektive Unterstützung für Schulkinder findet in der Regel nicht da statt, wo Familien am 25. des Monats das Geld ausgeht“, sagt er. „Nachhilfe gibt‘s da, wo das Klavier im Wohnzimmer steht – bei bürgerlichen Familien.“

Es existiert eine ganz offizielle Möglichkeit, wie auch Familien im Bürgergeldbezug sich Nachhilfe vom Staat bezahlen lassen können. Aber die Beantragung dieser Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket ist derart kompliziert, dass bis zu 70 Prozent des Geldes für Nachhilfe gar nicht abgerufen werden. Versuche, die Beantragung digital zu vereinfachen, werden wohl noch dauern, ehe sie in der Praxis ankommen.

Für Bayern ist kommerzielle Online-Förderung kein Thema

Aber warum gibt man dann nicht einfach den Schulen die Möglichkeit, Risikoschülern aus eigenen Budgets gezielt zu helfen? Bayerns Schulministerin Anna Stolz (Freie Wähler) weicht aus. Das Bundesland, in dem „Bildung digital“ seinen Sitz hat, verwehrt sich kurzfristigen Kooperationen mit Anbietern für schnelle Nachhilfe. Sie setze auf grundständig ausgebildete Lehrer und Quereinsteiger, sagte Stolz dem Bayerischen Rundfunk auf Nachfrage. Kommerzielle digitale Angebote „sind für uns aktuell kein Thema.“

Für Talea aus Sachsen aber hat sich genau das gelohnt. Sie hat drei Einsen in Mathematik geholt – nachdem sie der Nachhilfelehrer beim Lernen unterstützt hat.