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Tod durch Mobbing

(Kommentar am 5. Februar 2019 im rbb-Kulturradio

Eine Grundschülerin hat sich wahrscheinlich wegen Mobbings das Leben genommen. Christian Füller kommentiert

Ein Mädchen ist tot, und das ist womöglich die Folge von Mobbing, also dem gezielten Ärgern und Quälen durch Mitschüler. Der Tod der Grundschülerin muss uns auf eine paradoxe Art aufrütteln: die Schulen sollten der Peer-to-Peer-Gewalt mehr Aufmerksamkeit einräumen. In der Öffentlichkeit aber müssen wir viel weniger über die grausame Situation spekulieren.

Mobbing ist beileibe nicht neu. Nur es hat eine völlig neue Dimension erlangt. Das ist gerade in Berlin so, wo schwierige soziale Lagen stets eine Quelle von Gewalt sind. Generell gilt: seitdem die Smartphones das Leben von Kindern erobert haben, ist nichts mehr, wie es war. Triezten und peinigten Schüler sich früher, so war das Problem nicht klein – aber es blieb begrenzt auf einige Personen. Inzwischen bekommen Schmähungen durch das Internet und die angeblich sozialen Medien eine ungeahnte Reichweite. Veröffentlichte Fotos und Filme stellen die Opfer ein zweites, drittes und viele weitere Male bloß – die Kinderschutzorganisation Innocence in Danger hat dafür extra einen Begriff erfunden: Sharegewalt. Das ist Gewaltausübung durch Teilen verletzender, entblößender, missbrauchender Bilder.

Das so genannte Cybermobbing stellt auch eine neue Konstellation zwischen Opfer, Tätern und Umfeld her. Selbstverständlich sind diejenigen die Schuldigen, die anderen mit Mobbing Gewalt antun. Aber bei Sharegewalt können Kinder mit ihren allgegenwärtigen Smartphones sehr leicht zu Tätern werden. Kinder müssen deshalb früh lernen, dass ihre Telefone nicht nur smart sind – sondern auch eine Waffe sein können. Nicht jede Schule, nicht jede Gruppe in einem sozialen Medium ist für sich bereits toxisch. Aber sie kann es blitzschnell werden. Das Teilen von Ausgrenzung, Beschimpfung und Beleidigung vergiftet soziale Räume per Knopfdruck. Es ist gut, dass der Berliner Senat erst im Dezember dazu Maßnahmen ins Gesetz geschrieben hat und zusätzlich Respekt-Coaches an die Schulen schicken will.

Aber das ist nur eine Seite des Falles. Die andere ist das Teilen der Todesmeldung in den redaktionellen Medien. Wie einige Zeitungen über den Mobbingfall schrieben, war kein Vorbild für Kinder und Jugendliche. Seit den „Leiden des jungen W“ wissen wir, dass Suizidberichterstattung weder reißerisch noch detailreich sein darf – und schon gar nicht spekulativ. Die Familie und die Aufklärer müssen alles über den Fall wissen. Die Öffentlichkeit sollte darüber so wenig wie möglich erfahren. 

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