Pisaversteher hat heute in der F.A.S. eine Nachricht zum Anwachsen der Studienzeiten im Bachelor. Danach brauchen die Studierenden deutlich mehr als die Regelstudienzeit.

Das Thema ist wichtig, weil die Verkürzung der Studienzeiten eines der wesentlichen Motive für die Bologna-Reform war, also die Gliederung des Studiums in eine erste Phase mit dem Abschluss Bachelor und eine mögliche zweite Phase mit dem Abschluss Master. Die letzte „amtliche“ Messung nahm der Wissenschaftsrat für das Jahr 2009 vor. Er ermittelte mit Daten des Statistischen Bundesamtes eine mittlere Studiendauer von 5,8 Semester – eine regelrechte Fabelzeit, die noch unter der Regelstudienzeit von sechs Semestern lag. Aber das ist lange her.

Im jüngsten Bundesbildungsbericht 2014 hieß es zum Zusammenhang von Bolognareform und Studienzeitverkürzung:

Mit der Studienstrukturreform war die Erwartung verknüpft, dass die stärkere Strukturierung die Studiendauer näher an die (in den meisten Studiengängen gegenüber früher kürzere) Regelstudienzeit heranführt.“

Bildungsbericht 2014: Studiendauer
Bildungsbericht 2014: Studiendauer

Diese Erwartung ist nach den Zahlen, die pisaversteher in der F.A.S. präsentierte, nicht mehr haltbar:

In Nordrhein-Westfalen, wo rund ein Viertel der deutschen Studierenden eingeschrieben ist, machten die Bachelor im Jahr 2013 ihren Abschluss nach 8,64 Hochschulsemestern. In Berlin lag die mittlere Studiendauer an Universitäten im Jahr 2013 bei 7,8 Semestern.“

Die Zahlen aus NRW stammen aus einer Zusammenstellung der Landesbehörden für pisaversteher. Die Berliner Zahlen kamen heraus, als der Berliner CDU-Abgeordnete Stefan Schlede eine Anfrage an die Berliner Wissenschaftsverwaltung richtete. Berlins Studienzeiten haben sich von 2010 bis 2013 von 7,0 auf 7,8 Semester gesteigert. Allein an der TU Berlin stieg die Studiendauer von 6,5 auf 8,3 Semester. (Foto)

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Die Bundesregierung verwies darauf, dass die Studienzeiten allgemein sinken würden. Weitere Zahlen für das Jahr 2013 gebe es erst im September vom Statistischen Bundesamt. Pisaversteher liegen aber bereits jetzt Daten aus dem Jahr 2013 zur Studiendauer aus diversen Bundesländern vor. Aus ihnen ist vor allem eines abzulesen: eine längst ausgestorbene Spezies ist zurück – der Langzeitstudent.

Bachelor: 7,8 Hochschulsemester über alle Fächer

Freilich reicht ein Blick auf die erfolgreichen Prüfungen aus 2012, um zu erkennen, dass die Fabelstudienzeiten von 2009 längst passé sind: Die Zahl der Hochschulsemester, die Bachelor bis zum Abschluss brauchen, lag 2012 bei 7,8 Semestern über alle Fächer hinweg. Sprachwissenschaftler brauchten 7,9, Germanisten 8,1 und Juristen sogar 8,9 Semester.

Das Anwachsen der Studienzeiten allein im Bachelor ist noch kein Problem; addiert man den in der Regel folgenden Master hinzu, ist man aber bereits jetzt wieder mit den alten Studienzeiten gleichauf. Die Bundesregierung war zuletzt von 10,8 Semestern (Bachelor plus Master) zu 12,4 Semestern in Diplom/Magister ausgegangen. Bei einem Schnitt von knapp acht Semestern Bachelor plus vier Master ist man indes bereits bei 12.

Auch hier lassen die Zahlen der erfolgreichen Prüfungen des Jahres 2012 aufhorchen. Hier liegt der Durchschnitt über alle Fächer beim Masterabschluss bei 10,8 Semestern. In den großen Fächern sieht es so aus: Maschinenbau 10,9 Semester, Mathematik 10,3, Wirtschaftswissenschaften 10,9, BWL 10,8, Politik 10,4, Germanistik 10,7, Geschichte 11,7.

Median lässt Langzeitstudis unter den Tisch fallen

Diese Zahlen sehen zunächst ganz gut aus – aber sie tun es auch deshalb, weil es sich dabei um so genannte Mediane handelt. Das bedeutet, es wurde die Studienlänge der mittleren Hälfte der Studenten genommen – sprich man rechnet das erste Viertel der (besonders schnellen) Studierenden und das letzte Viertel der (besonders langsamen) Studierenden heraus. Das macht Sinn, um die Funktionsfähigkeit eines Studienganges für den „Normalstudenten“ zu beschreiben.

Aber: es schönt zugleich das ganze Bild auf die Studiendauer. Sieht man sich die Zahlen im oberen Quartil an, so kommt man der Realität der Studiendauer in der sich ausbreitenden Bachelor-Master-Kette wohl am nächsten: Durchschnitt über alle Fächer: 12,7 Semester. Im Detail: Geschichte 14 Semester, Germanistik 12,6, Politik 12,5, BWL und Wirtschaftswissenschaften 12,5, Mathe 11,6 und Maschinenbau 12,7 Semester.

Aber auch die inzwischen Tausenden Absolventen, die erst nach der zwei- bis dreifachen Regelstudienzeit (12 bis 20+ Semester) abschließen, gehören zum Big Picture dazu. Nach Tabellen, die pisaversteher vorliegen, gibt es allein in NRW und Niedersachsen 7.000 Absolventen im Jahr 2013 von über 12 Semestern.

Politik mit geschöntem Blick auf Studiendauer

Verkürzt kann man sagen: Die Politik und die Hochschulstatistik gehen mit einem vielfach geschönten Blick an die realen Studiendauer im Bachelor heran:

  • die Politik interessiert sich vorwiegend für alte Messungen aus dem Jahr 2009. Damals gab es gerade mal 36.000 Bachelor-Absolventen in ganz Deutschland; im Jahr 2013 hatten wir allein in NRW 47.000 Bachelorabsolventen.
  • es wird in politischen bzw. öffentlichen Mitteilungen stets nur die Fachsemesterzahl angegeben (obwohl die Zahl der Hochschulsemester die realistische ist)
  • es wird mit Medianwerten gerechnet, bei der die oben genannten Langzeitstudenten unter den Tisch fallen

Wie lange die Hunderttausenden Bachelorabsolventen heute studiert und bis zu ihrem Abschuss gebraucht haben, weiss man freilich nicht. Dazu gibt es kaum Daten und keine Ausarbeitung. Weder der Wissenschaftsrat noch das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, beide von der Bundesregierung bezahlt, haben auch nur den Auftrag für einen Faktencheck für die wichtigste Frage der Bologna-Reform: Die Studienzeiten. „Ein Papier zur Studiendauer ist derzeit nicht in Vorbereitung“, ließ etwa der Wissenschaftsrat kühl mitteilen. Gerade so, als seien die Kölner Regierungsberater gar nicht zuständig.

Dabei sagte der damalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Wolfgang Marquardt, bei der Präsentation der Turbo-Bachelor von 2009: Ob der Trend zu kürzeren Studienzeiten stabil sei, „muss die weitere Aufarbeitung nach Beendigung der Übergangsphase in etwa drei bis fünf Jahren zeigen.“

Vielleicht hat es auch einen ganz einfachen Grund, dass es eine solche Ausarbeitung nicht gibt.

Der 15. Geburtstag des Bachelor-Studiengangs sollte nicht durch schlechte Nachrichten getrübt werden.

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