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Schüler und Studierende erleben eine digitale Revolution

Eine regelrechten Digitalisierungswelle erfasst Jugendliche, Studierende – und die Schulen. 150 Prozent mehr Schulcloudzugang. (Erweiterter Beitrag aus dem Tagesspiegel Background Digitalisierung)

VON CHRISTIAN FÜLLER 

Die Jim-Studie ist das wichtigste Fieber-Thermometer für die Digitalisierung der Jugend. Seit 1998 untersuchen die beiden Landesmedienanstalten Baden-Württembergs und Rheinland-Pfalz´ zusammen mit dem SWR den Medienumgang der 12- bis 19jährigen. Seitdem hat die Studie „Jugend, Information, Medien“ (JIM) keine derartigen Sprünge in der Nutzung digitaler Medien mehr gesehen. Corona hat die Jugend digitalisiert – mit Zuwächsen bei allen digitalen Mediennutzungen von Gaming über TikTok bis hin zu Schulclouds.

Befragungen von Studierenden an mehreren Universitäten bestätigen das Bild: noch nie haben junge Leute die Möglichkeiten digitaler Lerntools so stark genutzt – und geschätzt. Aber der digitale Schub bringt auch Probleme mit sich. Jugendliche und Studierende geben an: wir fühlen uns einsam.

Tagesspiegel Background Digitalisierung wollte wissen, wie die digitale Lage an den Schulen und Hochschulen im Pandemiejahr von den Lernenden und Studierenden selbst eingeschätzt wird. Und hat deswegen alle jüngeren empirischen Erhebungen dazu studiert. Das Ergebnis ist frappierend. Trotz aller Unkenrufe, dass die Digitalisierung besonders der Bildungseinrichtungen hinterher hinke, ist diese These nicht haltbar. Im Gegenteil: das Pandemiejahr hat einen rasanten Zuwachs digitaler Geräte und Anwendungen in Schulen und Hochschulen gebracht. Es findet eine digitale Bildungsrevolution statt.

Bei der Lektüre der am Freitag veröffentlichten Jim-Studie etwa fühlt man sich an die Zeiten der Verbreitung des Smartphones unter Jugendlichen ab 2010 erinnert. Damals eroberte das Smartphone in Riesenschritten die Jugend – mit einem Anstieg von 15 auf über 90 Prozent an Besitzraten. Solche Dimensionen haben die Jahreszuwächse auch im Coronajahr. Die tägliche Zeit, die Jugendliche im Durchschnitt im Netz verbringen, ging von etwas über drei Stunden hoch auf über vier Stunden – täglich. Bei den Online-Games stieg die Nutzung um 50 Prozent auf täglich zwei Stunden. 

Zuwachs bei Schulclouds größer als bei Tiktok

Das am rasantesten wachsenden Soziale Netzwerk ist Tiktok, dessen Nutzung sich mehr als verdoppelt. Im Vorjahr gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, die App zu nutzen. 2020 waren es bereits 33 Prozent. Spitzenreiter bei den Nutzungen ist weiter WhatsApp mit 94 Prozent vor Instagram (72%) und Snapchat (51%). Allerdings könnte die kreative und vielfach umstrittene chinesische App TikTok in der Kategorie Lieblingsapp bald zum Überholen ansetzen. TikTok hat seine Werte als „liebstes Internetangebot“ bei Kindern und Jugendlichen verzehnfacht.

Der schnellste und größte Zuwachs einer digitalen Anwendung ist aber gar nicht im Unterhaltungsbereich zu verzeichnen, sondern – überraschend – bei den Schulclouds. Binnen drei Monaten nach der Schulschließung im März stieg die Nutzung von Lernclouds um 150 Prozent an – das ist mehr als der Trendsetter TikTok schafft. Der Medienverbund, der die Jim-Studien herausgibt, hat dazu eine solide Datengrundlage. Er ließ bereits im April die Schüler erstmals befragen, wie viele von ihnen mit ihren Lehrern via Schulcloud kommunizieren. Da war es ein Fünftel, genau 22 Prozent, die ankreuzten: „Wir arbeiten in der Klasse in einer Cloud“. Bei einer erneuten Befragung Juli gaben bereits 55 Prozent der Schüler an, mit einer Schulcloud zu arbeiten. Das Statistische Bundesamt bestätigte diesen Trend. Im ersten Quartal des Jahres 2020 hätten an den Schulen 59 Prozent der 10- bis 15jährigen Zugriff auf Lernportale gehabt. „Dieser Wert ist mehr als sieben Mal so hoch wie im Vorjahr (1. Quartal 2019: 8 %)“, heißt es in der neuesten Erhebung zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie in privaten Haushalten.

Gegen alle Bedenken und Warnhinweise zum Trotz ist also eine Digitalisierung der Schulen zu beobachten. Das gilt besonders bei Lernmanagementsystemen und Schulclouds, aber auch bei den Tablets. Stand Dezember dürften die Erreichbarkeit der Schüler in einem virtuellen Klassenzimmer, je nach Bundesland, bei bis zu 90 Prozent liegen. Bund und Länder wollen dafür rund zehn Milliarden in digitale Bildung investieren – und tun es bereits. Deswegen wundert es umso mehr, dass die Kultusminister den Wechselunterricht ablehnen oder sogar, wie etwa Nordrhein-Westfalen, das hybride Lernen in Kommunen verbieten. Das könnte sich ändern, nachdem Bayern nun ab Klasse acht in den Wechsel von Präsenz- und Digitalunterricht oder sogar kompletten Fernunterricht geht.

Die Hochschule auf den Kopf gestellt

Um zu eruieren, wie die 12- bis 19jährigen Schüler die digitalen Lernangebote im Detail finden, war das Frageraster der Jim-Studie allerdings etwas zu grob. Mehr qualitative Antworten finden sich in der Vielzahl von Befragungen und Studien, welche die Online-Lehre und die Digitalisierung der Hochschulen seit April vermessen haben. Auch dort lief die Digitalisierung rasch ab, sogar schneller als an den Schulen. Die beiden Corona-Semester sind von Präsenz- zu Onlinelehre praktisch auf den Kopf gestellt worden. Die größte Studie über Hochschulen zeigt, dass die Rate der Studierenden, die ihre Lehrveranstaltungen komplett online erhielten von fünf Prozent auf 68 Prozent im Sommersemester stieg. Das fand die aktuelle Befragung des Deutschen „Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung“ heraus, als sie 28.600 Studierende um ihre Meinung zum Online-Semester bat.

Das interessante ist, dass die Online-Lehre viel besser abschneidet, als oft kolportiert wird. Viele Studierende finden es laut der Befragungen gut oder sehr gut, dass sie durch asynchrone Nutzung von Lehrveranstaltungen flexibler im Studium sind. Je nach Befragung geben zwischen zwei Drittel bis zu fast 90 Prozent der Studierenden an, die zeitliche Flexibilität des digitalen Studiums zu nutzen. 66 Prozent der Studierenden sagten dem DZHW, „durch den Einsatz digitaler Lernformate bin ich zeitlich flexibler“. Eine Studie in Göttingen ermittelte bereits im Mai, dass „fast drei Viertel aller Studierenden die Bereitstellung von Lehrmaterialien und Videos zum zeitunabhängigen Selbststudium den Live-Übertragungen von Veranstaltungen vorziehen.“ Bei Chemie- und Medizinstudierenden waren es sogar 86 Prozent. In Hildesheim gaben über 60 Prozent der Studierenden an, dass asynchrone Lernangebote „mehr Flexibilität in der Arbeitsgestaltung“ geben – und sogar die Möglichkeit, überlappende Vorlesungen zu belegen. 

Eine ganz andere Dynamik als im Präsenz-Seminar

Was bedeutet asynchrones Arbeiten? Alexander Lasch, Linguist an der TU Dresden, ist einer jener Professoren, die bereits seit Jahren mit digitaler Lehre experimentiert. Er sieht den Vorteil digitaler Tools wie Videoaufzeichnungen, Messenger oder kollaborativer Schreibplattformen darin, sich von den 90 Minuten Präsenz an einem Ort zu lösen. „Wir sind zum Beispiel über die Messenger-Gruppe jederzeit verbunden. Das heißt, wenn jemand eine Idee hat, kann er das dort jederzeit posten.“ Kollaborative, zeitversetzte Plattformen geben dem Lehrenden die Möglichkeit, auf offene Fragen, die Link-Sammlungen und Texte zu reagieren. „Hier entwickelt sich eine ganz andere Dynamik als in der Präsenz, die in einem Seminar zu sehr sehr guten Ergebnissen beitragen kann“, sagt Lasch. 

Diesen Vorteil sehen auch die Studierenden in den Befragungen. Wenn sie offen antworten können, wird die neue Dimension von Online-Lehre im Vergleich zu reiner Präsenz deutlich. „Das digitale Semester ist eines der besten, das ich je hatte, in Bezug auf meinen Lernfortschritt und das Vorankommen im Studium“, gab ein Studierender aus Hildesheim im Juli in einer Befragung an. Er lobt „die Möglichkeit des freien Einteilens von Lernphasen und Arbeitsphasen sowie das eigenverantwortliche Lernen“.

Ich erwarte eine tieferes Verständnis des Stoffes“

Die Universität Duisburg/Essen legte ebenfalls im Juli eine Studie vor, die asynchrones Arbeiten als einen Schwerepunkt künftiger Universität sieht. Sie zitiert Studierende aus ihrer qualitativen Erhebung mit den Worten: „Ich erwarte dadurch ein tieferes Verständnis des Stoffes.” Ein anderer Studierender gibt zu Protokoll: „Asynchrones eLearning ist extrem genial. Online Vorlesungen hingegen wirklich herausfordernd.” Ein Student sagt: „Das Studium bietet endlich die nötigen Vorteile für Berufstätige oder zum Beispiel Alleinerziehende.”

Allerdings hat asynchrones Studieren eine Kehrseite: Die Arbeitsbelastung steigt offenbar massiv an. Beinahe ausnahmslos findet sich in dem Dutzend an Befragungen das Problem, dass die Studierenden digitale Lehrer als anstrengender empfinden. Die Studierenden leiden zudem sehr unter dem Mangel der direkten Begegnung mit den Kommilitonen. Kontaktreduzierung war zwar das Ziel der Uni-Schließung – belastet die Studierenden aber sehr. Die Autoren der Studie in Hildesheim mit 2.400 Teilnehmern fassen die digitale Revolution in einem Satz zusammen: „Neue Möglichkeiten für wenige – begrenzte Potenziale für viele Studierende.“

In der Befragung äußert es ein Befragter so: „Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass das Wintersemester se auch digital werden soll. Für mich ist das eine Katastrophe“, sagt der Student. „Ich fühle mich sehr einsam, isoliert und habe keine Motivation im Digitalen… Schulen sind auf, Büros auch, Menschen reisen und wir sitzen vor dem Laptop fest.“

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