Aber ist das wirklich schlecht? Wieso die BILD-Debatte vom eigentlichen Problem ablenkt

Das Interview mit dem DRadio dazu: Studio 9. Das Stück im Freitag

Die Bild-Zeitung hat einen vermeintlichen Bildungsforscher (ein älterer Herr, 76 Jahre alt) aufgetan, der die schlechte Rechtschreibung bei Schülern beklagt. Der Befund stimmt einerseits. Andererseits:

Wollen wir zur Paukschule zurück, die Kindern wie im vergangenen Jahrhundert Lesen und Schreiben per Diktat verordnete?

Kinder schreiben heute tatsächlich flüssigere und besser erzählte Aufsätze. Was Besseres kann uns nicht passieren. Literacy vor Rechtschreibung! Der springende Punkt ist ja auch wo ganz anders. Es geht nicht um die vermaledeite Rechtschreibreform der 1990er, sondern um die tsunamiartige Verbreitung von internetfähigen Smartphones. Diese Welle droht eine Kulturtechnik wegzuspülen, die vielleicht zu fundamental ist, um sie einfach aufzugeben: die verbundene und flüssige Handschrift.

Das schlechtere Lese- und Schreibverhalten hat nichts mit der Rechtschreibreform zu tun, sondern mit Smartphone und Internet: Es fällt Eltern, Lehrern und Schulen grundsätzlich schwerer, die digitale „Generation always on“ zum Lesen zu bewegen.

Tatsächlich werden mehr Fehler gemacht. Am besten dazu die Studie von Wolfgang Steinig aus dem Jahr 2013 lesen, der Schüler verschiedener Jahrgänge den selben – gehörten – Text zum schriftlichen Nacherzählen gab. Die Kinder berichteten 2002 und 2012 interessanter, bunter und kommentarreicher als 1972. Aber sie machten auch mehr Schreibfehler, 2012 waren es 17, im Jahr 1972 hingegen nur sieben. (Siehe Text dazu in Spektrum)

Grundschullehrer berichten, dass anstrengende Schönschreibübungen mit Smartphone-Usern praktisch nicht mehr zu machen sind. Darüber findet allerdings kaum ein Diskurs statt – weil das unbequem ist und keiner eine echte Antwort hat. Die Frage also, wie wir damit umgehen, dass die fundamentale Kulturtechnik der verbundenen Handschrift verloren geht, ist ungeklärt. Das ist meines Erachtens wichtiger als die von der BILD-Zeitung nun losgetretene Debatte über die Rechtschreibreform

Moderne und liberalere Lernmethoden haben in der Tat zu einer größeren Fehlertoleranz geführt. Die Lese- und Schreiblernmethode „Lesen durch Schreiben“ (nach Jürgen Reichen) war seit den 1970ern eine Abkehr vom strengen, oft quälenden Rechtschreib-Pauken. Das Pendel schwang vom Schreibzwang hinüber ins Laissez faire. 

Verantwortungsvolle Grundschullehrer wenden heute einen Mix von frei schreiben und Fehler berichtigen an. Sie achten beim Lesen- und Schreibenlernen auf den Fluss, der entstehen soll. Das heißt sie arbeiten mit Anlauttabellen und lassen freies Schreiben zu. Die Idee dabei: Kinder sollen Sätze und Gedanken entwickeln, aber nicht Fehler vermeiden. Gleichwohl korrigieren Lehrer Fehler im Sinne von „Hinweisen“. Das ist deswegen nicht mit früher vergleichbar, weil Sanktionen wie Noten oder Sitzenbleiben in der Grundschule kaum noch vorkommen. 

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