oder: duale ausbildung zwischen pest und cholera

+++ kurzmitteilung +++

so oft wie in diesen tagen hat man selten gehört, wie toll das deutsche berufsbildungssystem doch sei. da muss sich jemand mut anreden. offenbar machen der nicht zu stoppende abiboom – 2016 werden 55% des jahrgangs die schule als abiturienten verlassen – und die riesige zahl an unbesetzten lehrstellen die leute nervös. 

NIEDRIGSTE ZAHL NEUER LEHRVERTRÄGE SEIT 1976

in der tat ist der trend eindeutig: im jahr 2015 hatten wir niedrigste zahl an neuen ausbildungsverträgen seit 1976. zwar deuten die zahlen aus dem handwerk an, dass es dieses jahr ein wenig besser werden könnte; aber das ist nicht mehr als ein hoffnungsschimmer. die duale ausbildung beim meister und in der berufssschule ist angeknackst. eigentlich hat die pest sie befallen. 1969 war das verhältnis 30:70 zwischen abitur und ausbildung. heute liegt es bei 60:40.  Bildschirmfoto 2016-07-28 um 01.15.45

dabei ist ein einfluss noch gar nicht berücksichtigt – die digitalisierung. sie wird, wenn man die experten beim samsung digital lunch talk ernst nimmt, die ausbildung zerstören. zerstören, das hat im digi-blabla ja eine positive bedeutung, es wird disruption genannt und wird ähnlich angesehen wie baumbeschneidung: alte äste müssen abgeschnitten werden, damit das neue spriessen kann.

BERUFSWISSEN WANDERT IN DEN ROBOTER

die disruption der berufsbildung sieht so aus, dass fachlichkeit und beruflichkeit zeitliche segnen. in der vollautomatisierten fabrik, das kann auch eine handwerks“fabrik“ sein, wandert das wissen um das gewerk in den roboter ab. der mitarbeiter hat nur noch die aufgabe – so der chef der berliner technologiestiftung nicolas zimmer – betriebsmittel für die roboter nachzufüllen und sie hin und wieder neu zu programmieren.

im tischlerbetrieb von sebastian bächer kann man wie unter der lupe sehen, wie fachlichkeit entschwindet. er überlege sich immer mal wieder, ob er überhaupt tischler ausbilden soll, sagte bächer. die ausbildungsordnung zu starr, die lehrzeit zu lang, die produktpalette zu fluide. „da nehme ich mir lieber leute, die bestimmte tätigkeiten ausführen, die sind dann wie angelernte hilfsarbeiter.“ die klassische tischler-lehre ist viel zu eng geführt, um die vielen kompetenzen ab- und auszubilden, die er benötigt: cad/cam-software und -computing, apps programmieren, das betriebssystem linux betreuen. „ich habe allerdings einen tischler, der tatsächlich noch mit holz arbeiten will“, sagte bächer mit einem bewundernden unterton.

„ich habe einen tischler, der tatsächlich noch mit holz arbeiten will“

der satz und das staunen enthalten alles, was man über ausbildung, beruflichkeit und digitalisierung wissen muss: ein zimmermann, schreiner oder tischler, der allen ernstes noch was mit dem grundwerkstoff zu tun haben will – dass es sowas noch gibt! bei bächer werden viele materialien kombiniert. die neueste errungenschaft ist ein laser zum gravieren – damit kann man selbst gehwegplatten mit inschriften versehen. ein service des tischlers2.0.

mehr systematisch kann man sagen: das fachliche wissen des alten, aus den zünften entstammenden gewerks, das know how über das material, es wandert aus den köpfen der gesellen und meister aus in die computer und roboter. wie zum Beispiel baxter.

das aber war der kern des dualen systems: dass man den lehrlingen die fachlichkeit beibrachte, das machte die berufsausbildung aus. die menschen in der fabrik von morgen aber sind für hilfsarbeiten zuständig – und für metakompetenzen: programmieren, vernetzen, entwerfen. diese neuen kernkompetenzen sind ziemlich nah an dem, was andreas schleicher für die 21century skills hält: kollaborieren, kommunizieren, kreativ und kritisch sein.

DIGITALISIERUNG NUR EIN BAUSTEIN DES DUALEN?

die leiterin der bildungsabteilung des dihk, esther hartwich, wies scharf zurück, dass die ausbildung am ende sei. die duale ausbildung ist weltweit anerkannt. digitalisierung sei hingegen nur „ein baustein“, sagte sie, und nicolas zimmer lächelte still in sich hinein. in der tat. ausbildung und handwerk, das dürfte das einzige arbeitsfeld sein, wo das digitale lediglich als ein mosaiksteinchen dazugeschoben wird – um das okaye bild noch ein wenig abzurunden.

in wahrheit ist es so, dass das digitale WIE die cholera für die ausbildung ist. die digitalisierung bleibt kein randphänomen, sie infiziert die beruflichkeit und entkernt sie dann von innen. wie der gallenbrechdurchfall den körper.

pest und cholera. das hat noch keiner überlebt.

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