Immer mehr Länder holen textgenerierende KI in die Schulen: ein Dutzend Länder bietet nach den Ferien LLM an – oder bereitet sie vor. Drei Länder verweigern sich. Den Clou bringt ein Land: es gibt seinen Schülern keine KI – erlaubt die KI aber in Prüfungen. 
Von Christian Füller
Trotz zögerlicher Haltung in der Kultusministerkonferenz holen immer mehr Bundesländer große Sprachmodelle in die Schulen. Sachsen stellt rund 2.000 Lehrkräften den KI-Assistenten „KAI“ zur Verfügung, Brandenburg und Berlin haben Ähnliches vor. Bayern gibt jeder Schule sogar ein eigenes KI-Budget, damit sie „KI-Werkzeuge, die auf generative KI zugreifen, für den pädagogischen Einsatz finanzieren“ können.
Damit steigt die Zahl der Anwendungen generativer KI in den Ländern von bisher sechs auf zehn. Bisher gab es schon in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz landesweite Lizenzen für generative KI. Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern hatten Pilotversuche. Nun kommen Sachsen, Brandenburg, Berlin und – vorsichtig – Schleswig-Holstein hinzu. Zwei Bundesländer, Hessen und Bremen, befinden sich in der Vorbereitung von Large Language Models (LLM) für Lehrkräfte. Sie konnten aber noch nicht sagen, wann die Tools zur Verfügung stehen.
Keine KI für Lehrkräfte in Hamburg, Saarland und Thüringen
In vier Bundesländern gibt es keine KI-Angebote des Landes. Das sind Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Thüringen – und ausgerechnet das als Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz bekannte Saarland, wo die derzeitige Präsidentin der Kultusminister Christine Streichert-Clivot (SPD) zuhause ist. Allerdings bereitet NRW einen Pilotversuch mit KI vor, zu dem sich 25 Schulen bewerben können. Er startet nächstes Jahr.
Prüfungen für private KI-Nutzer geändert
Streichert-Clivot entlarvt nun allerdings unfreiwillig, dass die Kultusminister in Sachen große Sprachmodelle eine Pseudopolitik veranstalten. Auf Anfrage von Pisaversteher ließ die Ministerin mitteilen, dass „aktuell den Schulen keine Large Language Modelle (LLM) zur Verfügung gestellt werden.“ Gleichzeitig erlaubt die Ministerin aber den Einsatz von KI in Prüfungen in der Schule. Das Saarland ändert die Prüfungsordnung, sodass künftig der Einsatz von KI-Modellen in Prüfungen adäquat bewertet werden kann. Es gelte, Antworten auf ein sich veränderndes Lernverhalten der Schüler zu finden und sich den Herausforderungen durch Digitalisierung und KI zu stellen, sagte die Ministerin der dpa.
Was die Ministerin allerdings tut, ist nicht progressiv, sondern erzeugt eine Zweiklassen-Schule: KI gibt’s nicht für alle Schüler im Saarland – dafür können die wenigen Lernenden, die KI privat bezahlen können und einsetzen wollen, jetzt die Vorteile in Prüfungen daraus ziehen. Das ist einer öffentlichen Schule unwürdig. Die Prüfungen für wenige KI-Nutzer anpassen, aber die KI vielen verweigern. Im neuen Leistungsbewertungserlass (Screenshot ⬇️) sind KI-basierte Anwendungen wie LLM erlaubt – aber eben nur für die wenigen, die sie privat besitzen.

Diana Knodel, Gründerin von Fobizz, traut sich zu, innert zwei Jahren 800.000 Lehrkräfte mit KI-Grundausbildung zu versehen.
Mobile Schule, Hannover
Einzelne Schulen schaffen von sich aus Zugänge zu Sprachmodellen. Die kommerziellen Anbieter SchulKI, Fobizz und Fiete.ai teilten mit, dass sie in allen Bundesländern vertreten sind. Weitere Anbieter wie EduBot drängen auf den KI-Markt. Fobizz aus Hamburg gab bekannt, dass bereits 7.500 Schulen seine KI-Tools bundesweit nutzen. Fobizz stellt Künstliche Intelligenz per Landeslizenz in den Klassenzimmern von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz bereit. Diana Knodel, Gründerin von Fobizz, sagte bei der mobile Schule-Tagung in Hannover, sie traue sich zu, innerhalb von zwei Jahren alle 800.000 Lehrkräfte in Deutschland mit einer KI-Grundausbildung zu versehen. Das ist wichtig, weil der AI Act verlangt, dass ab August 2026 KI-kundige Lehrkräfte die entsprechenden Anwendungen betreuen.
Im weiß-blauen Freistaat gibt es ab Schulbeginn im September eine nochmals deutlich vergrößerte Bandbreite an KI-Nutzungen. Der KI-Assistent des zentralen Lehrerbildungsinstituts greift dann auch auf die Sprachmodelle Gemini, Claude und Open-Source-Lösungen zu. Bis 31. August standen bereits ChatGPT 3.5 und 4o zur Verfügung. Der KI-Assistent speichert die Anfragen der jeweiligen Lehrkraft, sodass sie in den bisherigen Chat-Verläufen nachschlagen kann. Wie stark der KI-Boom ist, lässt sich auch am Interesse der Lehrerinnen und Lehrer zeigen. Die Fortbildungen für die KI-Assistenten sind beständig ausgebucht.
Sachsens „KAI“ gilt ab Ende August auch für SchülerInnen
Im Freistaat Sachsen können Lehrkräfte nach einer Fortbildung „KAI“ nutzen. Dabei handelt es sich um eine Eigenentwicklung, die an verschiedene ChatGPT-Modelle von OpenAI andockt. Das Tool ist zunächst als Lern- und Übungsanwendung für die Lehrkräfte gedacht. Allerdings kann dabei auch das Klassenzimmer einbezogen werden. „Die Lehrkräfte können über das Tool natürlich KI im Unterricht mit den Schülern nutzen“, sagte ein Sprecher Sachsens. Ende August wird das Tool offiziell vorgestellt.

Brandenburg kooperiert bei seiner Künstlichen Intelligenz für Lehrkräfte mit Sachsen-Anhalt, das eine Eigenentwicklung namens emuKI-GPT für Lehrer hat. Das nun auch Brandenburg zugängliche Tool sei eine „leistungsfähige text- und bildgenerierende KI-Anwendung“, die auf Schnittstellen zum Sprachmodell ChatGPT und dem Bildgenerator DALL-E aufbaut. Die KI soll auch auf die Nutzung durch Schülerinnen und Schüler ausgeweitet werden, sagte eine Sprecherin. Auch im benachbarten Berlin ist zum Schulbeginn Ende August ein KI-Assistent für Lehrkräfte geplant.
KI in Vorbereitung: Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein
Bei Schleswig-Holstein ist nicht klar, wann die KI-Tools konkret zur Verfügung stehen. Es gibt dort ein Pilotprojekt, dass spätestens Anfang des Jahres 2025 starten soll. Darin werden Lehrkräfte die Modelle ChatGPT, Mistral und Phi anwenden können. „Da alle Nutzer vollständig gegenüber der KI Schnittstelle anonymisiert werden, können auch Schülerinnen und Schüler die KI-Anwendung nutzen“, hieß es. Auch Hessen und Bremen teilten mit, dass sie in konkreter Vorbereitung der Künstlichen Intelligenz für Schulen stehen. Hessen will dabei den bayerischen Weg gehen. Jede Schule bekommt ein Budget, aus dem sie sich dann eigene KI-Anwendungen anschaffen soll. Allerdings sind diese Schulen dann auch selbst dafür verantwortlich, die Datenschutzkonformität zu gewährleisten.
Brandenburg hat seiner KI den Namen „jwd“ gegeben. Das bedeutet „janz weit draußen“ oder „jetzt wirklich digital“.
Steffen Freiberg
Beim Datenschutz machen sich die Bundesländer einen schlanken Fuß. Nur in Rheinland-Pfalz besteht eine neu geschaffene Rechtsgrundlage für die Anwendung von Künstlicher Intelligenz. Brandenburg hat als einziges Land eingeräumt, „dass derzeit keine landesrechtlichen Normen für die Anwendung von generativer KI durch Schülerinnen und Schüler“ gibt. Die anderen Bundesländer beziehen sich pauschal auf ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag, der meistens in Paragraph eins des Schulgesetzes festgehalten ist. Kein einziges Bundesland hat bisher für die generative KI eine Datenschutzfolgenabschätzung vorgenommen – obwohl dies laut Datenschutzbehörden nötig ist.
Immerhin ist ein gewisser Humorfaktor in Sachen KI festzustellen. Das Land Brandenburg hat seiner KI den Namen „jwd“ gegeben. Das bedeutet nicht nur „janz weit draußen“, sagte Minister Steffen Freiberg (SPD), sondern auch „jetzt wirklich digital“.
Dieser Text erschien in abgewandelter Form am 31. Juli 2024 im Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI.
