Aber manche in der Digitalszene kneifen davor die Augen zu

Oder: Eine Studie – und was daraus mit einer Art linken Pegida-Masche gemacht wird. Update vom 3.März, siehe unten. 

Eine neue Studie bringt alte Gewissheiten: nicht nur Computer- besser Onlinespiele können süchtig machen, das gilt auch für social media. Wobei die Risikogruppe für #Onlinesucht bei den Games größer ist als bei Social Media Disorder. Bei Onlinespielesucht gelten 5,6 Prozent als riskant, bei Social Media „nur“ 2,6 Prozent. Hochgerechnet auf rund 10 Millionen Schüler kann manwürde ich sagen: eine Viertelmillion der deutschen Schülerinnen und Schüler sind gefährdet für Onlinesucht. 

WhatsApp, Instagram oder Snapchat können süchtig machen.

Ich poste hier nur die Links und eine Serie von Tweets dazu. Am Ende gehe ich noch auf Renegaten und  Verleugner Verharmloser wie Martin Lindner und ihre spezielle Technik des 3-Affen-Prinzips ein. Lindner ist – so leid es mir tut, das sagen zu müssen – in seiner Art des Augenzudrückens und Fakten-Verdrehens für mich so etwas wie ein Repräsentant einer linken AfD- und Pegida-Social-Media-Masche. Das war schon so, als der Freitag mit diesen wunderbaren Illustrationen etwas über die neue Volksdroge Online-Sucht machte. Doch dazu später.  

Die Autoren der Studie – ein Team aus DAK-Experten, Meinungsforschern von Forst Forsa und Medizinern des Uni-Klinikums Hamburg-Eppendorf – sehen als besonders alarmierend den Zusammenhang von exzessiver Online-Nutzung und Depressionen. Wer von Sozialen Medien abhängig ist, habe 4,6 Prozent höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken als Nichtsüchtige. 30 Prozent der als abhängig eingeschätzten Jugendlichen zeigen entsprechende Symptome. Allerdings: die Forscher haben noch keinen eindeutigen Henne-Ei-Zusammenhang identifiziert: möglicherweise ziehen sich depressive Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurück und entwickeln deshalb ein Suchtverhalten, berichtet das Ärzteblatt.

Mehr Mädchen als Jungen Social-Media-süchtig 

Illustration der Freitag: https://www.freitag.de/autoren/christian-fueller/die-neue-volksdroge

Für die DAK-Studie „WhatsApp, Instagram und Co. – so süchtig macht Social Media“ hatte das Forsa-Institut 1.001 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren befragt. Erstmals wurde so die Häufigkeit einer Social-Media-Abhängigkeit in einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe untersucht. Grundlage sind wissenschaftliche Kriterien aus den Niederlanden, eine Social Media Disorder Scale. Werden mindestens fünf von neun Standardfragen mit „ja“ beantwortet, liegt laut Fragebogen eine Social-Media-Abhängigkeit vor. Ergebnis: 2,6 Prozent der Befragten sind bereits süchtig nach Social Media – Mädchen mit 3,4 Prozent etwas häufiger als Jungen (1,9 Prozent). Auf alle 12- bis 17-Jährigen in Deutschland hochgerechnet entspricht dieser Prozentsatz etwa 100.000 Betroffenen. Die Studie gibts hier im Original als PDF. (Die Autoren sprechen von 100.000 Betroffenen, weil sie sich auf die Gruppe der 12- bis 17-Jährigen beziehen. Wer sich die Nutzerraten bei den 6- bis 12-jährigen ansieht, weiß: diese Hochrechnung ist m.E. zu klein. „Es ist eine Lawine, die auf uns zurollt“, sagte der Suchtforscher Matthias Brand dazu in einem Interview mit dem Freitag.)

Der findige Bob Blume hat nun die Studie ergänzt durch die Ergebnisse einer kleinen Umfrage unter Sechstklässlern, die er anonym in einer Vetretungsstunde machte. Blume illustriert damit die Studie der DAK – er erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf eine methodisch einwandfreie empirische Sozialforschung. Ihm gehts darum, die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen.

„nicht mehr so viel Hate, nicht so lange dran bleiben“

Blume schreibt:

Bevor ich den Fragebogen austeilte, erklärte ich den Schülerinnen und Schülern der 6.Klasse (11 und 12 Jahre), was ich mit „Onlineverhalten“ meinte. Dies tat ich (soweit das möglich ist) neutral. Mir ging es darum, (…) ihnen klar zu machen, dass jede Antwort legitim, die Befragung anonym und ohne Zensur oder sonstige Bewertungen betrachtet wird. In vorherigen Stunden lernten mich die Schülerinnen als einen Lehrer kennen, der sich nicht maßregeln, sondern ihnen zuhören will. Auch „erlaubt“ war es, gar keine Antwort zu geben. Die Schüler*innen arbeiteten sehr ruhig, voller Motivation und gewissenhaft.

Die Ergebnisse kann jeder auf dem Blog von Bob nachsehen, ich fasse das hier mit Hilfe der Tweets zum Thema zusammen. Zunächst der Einführungslink – und dann darunter ausgewählte Zitate von Schülern:

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Wenn man das einschätzen will, dann kann man sagen: Die Äußerungen der Schüler aus der Klasse von Bob zeigen anekdotisch und eindrucksvoll, wie aus der großen Zahl der DAK-Studie ein sehr konkretes reales Problem für Kinder und Jugendliche wird. Sie merken, eher ahnen sie, was diese Dauernutzung mit ihnen macht. Und sie wünschen sich Hilfe. Das haben übrigens viele Befragungen und Studien gezeigt.

Pisaversteher schrieb hier, hier, hier und hier über das Thema Onlinesucht


Wischiwaschi, Hin und Herspringen

Damit könnte man es nun bewenden lassen. Außer, man guckt sich nochmal genauer an, was daraus auf Twitter von den einigen Digital Fans gemacht wurde: Süchtig? Das gibts nicht! Das darf nicht sein! Also kann es auch nicht sein.

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Man muss sich ansehen, wie Martin Lindner hier vorgeht. Das ist kein Zufall, das ist Strategie. Er antwortet nicht auf die harte Untersuchung der DAK mit den Kriterien für social media disorder, er bezieht sich auf die weiche kleine Befragung von Bob Blume. Obwohl der nur mit Schülerzitaten illustrieren wollte und ausdrücklich keine harten Standards vorgab, wird er nun auf Schwammigkeit und Umwissenschaftlichkeit festgenagelt.

Bob Blume war kein bisschen polemisch. Er war trocken und deskriptiv. Er zeigte einfach auf, was die Schüler einer sechsten Klasse dazu sagen.

Die Methode Lindner – um jetzt selbst ein wenig polemisch zu werden – muss man kategorisieren und einordnen. Sie gehört meines Erachtens in den weiteren Instrumentenkasten der Fake- and Falsenews-Maker des Internets. Nein, der Martin macht natürlich keine Haltespeech. Die Cyberarmee der AfD und der Pegida-Strumtruppen zeigen, wie man sowas macht. @MartinLindner wendet ein feineres Gift in seiner Twitterstrategie an: Leugnen, falsche Bezüge herstellen, Behauptungen in die Welt setzen, den Gegenüber für nicht satisfaktionsfähig erklären.

Nicht mehr alle Latten am Zaun

Bob Blume – der liefere ja nur Boulevard-Müll-Belege, twitterte Martin jüngst. Woraufhin sich mehrere Lehrer-Twitterer ganz oder zeitweise abmeldeten. Sie begingen sozusagen Twitter-Suizid. Natürlich ist Martin Lindner politisch mit den rechten Pegida-Heinis nicht auf eine Stufe zu stellen. Diesen Vergleich ziehe ich nicht. Es geht mir um die Art, wie er diskutiert und Twitter nutzt. Das ist kein Dialog, der Fakten zur Kenntnis nimmt, kein herrschaftsfreier Diskurs des Webs – den Lindner ja permanent wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Sei du mein Fußnoten- und Fakten-Apportierhund – ich interpretier` das dann

Martin sagte jüngst am Telefon zu mir, er sei nicht dafür da, die Fakten zu besorgen, das sei mein Job als Journalist.

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Das ist die Hybris von jemandem, der sich selbst als Essay-Großmeister sieht. Die anderen spricht er so an: sei du mein Fußnoten und Fakten-Apportierhund – ich interpretiere sie dann. Ich fragte Martin damals, ob er noch alle Latten am Zaun hat: geh‘ selber suchen! Nun ging die DAK los und brachte Daten bei. Aber die kann man ja geschickt umkurven, wenn man sich auf die Zitate von doofen Sechstklässlern stürzt.


update vom 3.3.2018 (inzwischen geht die Debatte drüben bei Bob Blume im Blog weiter. Ich hefte unten einen Kommentar an, der das eigentliche Problem benennt: Kinder können vielleicht gar nicht selbstgesteuert mit Smartphones umgehen – weil ihr Steuerzentrum „Emotionskontrolle“ dafür noch nicht ausgebildet ist.)

Kleine Ergänzung, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann. Hier sind zwei Kernpassagen über eine mögliche Social-Media-Sucht. Einmal der Forscher des Uni-Klinikums. Zum andern die Kommentare von Martin Lindner dazu.

Statement von Prof. Dr. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters am UKE, im Rahmen der Pressekonferenz am 1. März 2018 in Berlin (aus zitierter DAK-Studie Seiten 29ff. Stellen Seite 30 und 32)

Hier nun Martin Lindners Einschätzung zu den Anmerkungen des Suchtforschers:


Tatsächlich spielt der präfrontale Cortex eine wichtige Rolle. Dort liegt die Emotionskontrolle, die Menschen erst mit 20 ausüben können. Von da aus stellt noch eine wichtige Frage an die Idee der selbstgesteuerten Mediennutzung: wie sollen Kinder, deren Emotionskontrolle noch gar nicht ausgebildet ist, mit dem Dopaminbeschuss zurecht kommen, den Gamedesigner und Algorithmeningenieuren von Facebook etc ausklügeln.

Hier beginnt die wirkliche kritische Debatte, die unter anderem Jean Twenge (Siehe Video) führt und die jüngst durch Äußerungen des Facebook-Mitbegründers Jean Parker angeheizt wurden. Er sagte sinngemäß, dass die Aufmerksamkeitsingenieure gezielt auf die Dopaminsteuerung im Gehirn Einfluss nehmen. Sie tun es so: „exploiting a vulnerability in human psychology“.* Inzwischen haben sich einige Mitstreiter gemeldet und das bestätigt.

Wir wissen natürlich nicht, wie das soziale und psychologische Massenexperiment – iPhone 24/7 an Kinder ab 4 Jahren zu geben – ausgehen wird. Aber diese simplem Zusammenhänge, wie sie Matthias Brand schildert, sind nicht gerade beruhigend: „Das limbische System ist Zentrum unsere Gefühle (Angst, Liebe, Wut, Lust … ). Kontrolliert werden diese Emotionen aber durch den präfrontalen Cortex. Dieser Teil ist bei Jugendlichen aber nicht entwickelt. Daher haben sie es schwerer, sich kontrolliert zu verhalten.“

Man könnte es auch anders sagen: Kinder können mit Smartphones und ihrer Überladung mit Zerstreuung und Glücksbeschuss nicht umgehen, weil sie noch kein Organ dafür haben. Wir wollen Tennis spielen mit Leuten, die keinen Arm besitzen…

* Parkers Äußerungen: „The thought process that went into building these applications, Facebook being the first of them, … was all about: ‚How do we consume as much of your time and conscious attention as possible? […] And that means that we need to sort of give you a little dopamine hit every once in a while… And that’s going to get you to contribute more content, and that’s going to get you … more likes and comments. […] It’s a social-validation feedback loop … exactly the kind of thing that a hacker like myself would come up with, because you’re exploiting a vulnerability in human psychology.“ Sean Parker

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