Durchgefallen! Der Mister Kreativ des ZDF verhaut seinen wichtigsten Test. Die Pisa-Studie

Harald Lesch ist einer meiner TV-Helden. Er wirkt wie der nette Opi von nebenan, ist in Wahrheit aber ein kleiner großer Forscher, der Themen ziemlich unkonventionell fürs Fernsehen aufbereitet. Mit Leschs Kosmos in das Universum einer geordneten Welt zu gucken lohnt immer. Eigentlich.

Nun hat er sich der Schule angenommen, und herausgekommen ist Leschs Kuhle. Kein Weltraum mit unendlichen Weiten, sondern ein Erdloch mit dunklen Wänden. Ich habe selten eine derart einseitig recherchierte und betreiberische Sendung zum Lernen gesehen. Dabei ist Leschs Grundhaltung zum verkrusteten deutschen Schulsystem, das den Kindern die Neugier austreibt, ganz richtig: mit Stillsitzen, Auswendiglernen und Dauerprüfen kommen wir nicht weit im 21. Jahrhundert. Schule muss die Kreativität der Kinder wecken. Siehe etwa seinen legendären Beitrag: Die deutsche Schule ist Mist!  In seiner Sendung „Durchgefallen? Schule auf dem Prüfstand“ ist das nun leider nicht rübergekommen. Im Gegenteil: weil der Professor den Pisa-Test offenbar nicht mag, hat er seinen ganzen Kosmos bonsaisiert.

Spinner und Interessenvertreter

Lesch ließ zunächst Eltern den Pisa-Test absolvieren. Dabei kam dann offenbar nicht raus, was er erwartet hatte. Die Väter und Mütter bestanden den Test, und sie lobten ihn obendrein: die Art des Prüfens sei intelligent – und die Breite der Themen groß. Weil das den Redakteuren nicht passte, schlugen sie einen Salto rückwärts. Gerade zitierten sie die Eltern noch mit der Ansicht, dass der Pisa-Test „ein breites Wissensspektrum abfragt“. Aber nun schwenkte der Text aus dem Off schnurstracks in die andere Richtung – es werde lediglich „ein minimaler Ausschnitt aus dem Bildungsgeschehen“ geprüft: „Denn der Test fragt nur die Fähigkeiten ab, die später für die Wirtschaft relevant sind“. Allein kognitives Wissen aus Mathematik, Naturwissenschaft und Schreiben stehe im Fokus. Und das nütze „nur der Wirtschaft“. Skandal! Zu einem deutschen Kanon gehörten ja wohl auch musische Bereiche, literarisches Wissen und politische Bildung – was „überhaupt nicht berücksichtigt“ werde. Prompt firmierte der wichtigste Schulvergleichstest des Jahrhunderts als „umstritten“. Was eine Behauptung ist. Ich kenne, ehrlich gesagt, wenige fundierte Pisakritiker, sondern vor allem Spinner und Interessenvertreter, die an dem Programme for International Student Assessment herumnölen.

Pisa soll wirtschaftsorientiert sein? Wie albern! Es ist ein fundamental an die Mündigkeit des Individuums appellierender Test

Der Deutschen oberster Bildungsbegreifer: Wilhelm von Humboldt

Was Lesch und seine Redakteure zu dem internationalen Vergleichstest fabrizierten, war nahe an der Falschmeldung. Pisa testet gar keinen deutschen Kanon. Wie auch? Er muss ja den Kompetenzen und Wissenskulturen von 77 Staaten weltweit gerecht werden. Daher macht er bei Schülern die so genannte Literacy zur Grundlage. Das ist ein bisschen mehr als Belesenheit, im Grunde läuft es auf Wilhelm von Humboldts Urteilsfähigkeit hinaus: Schüler müssen zunächst einen Text lesen, in dem ein Sachverhalt geschildert wird. Das gilt auch für Mathe- und Science-Aufgaben. Dann müssen die zu Testenden den Text verstehen und anwenden, bei der anspruchsvollsten Antwortkategorie sollen sie die Aufgabe sogar diskutieren. Und das also, so behauptet Leschs Kosmos, soll eine wirtschaftsorientierte Aufgabe sein? Wie albern! Es ist eine fundamental an der Mündigkeit des Individuums orientierte Aufgabe: ein Schüler soll lesen, auffassen und schreiben lernen. Das ist die undiskutierbare Grundlage von Schule – und von künftigen Bürgern. Das Wissenschaftsmagazin des ZDF sieht das wohl anders. Interessant.

Ein Haufen von Prüfungen – ohne Pisa

Harald Lesch hatte nun in seiner Moderation die Chance, den Beitrag der Redakteure abzumildern, aber, nein, er spitzte die verkürzte These noch weiter zu. Man spüre den Durchgriff des Geldes auf die Schule. Dieses Wirtschaftswissen werde durch den dreijährigen Wiederholungszyklus von Pisa einer Art Dauerkontrolle unterzogen. „Auch so ein Begriff aus der Wirtschaft: Qualitätskontrolle“. Pisa laufe auf ein einziges Testen hinaus. O Mann, Lesch! Das deutsche Schulsystem ist ein großer Haufen von Klausuren mit der Krone aller Prüfungen obenauf, dem Abitur. Aber nicht Pisa macht aus dem deutschen Schulsystem den schieren Prüfungswahnsinn. Dafür ist die gegliederte Schule verantwortlich, wo man Kinder ständig überprüfen muss, damit sie auch alle richtig sortiert sind. Dass ein TV-Nachrichtenredakteur das nicht in 1:30 Minuten rüber bringt, okay. Aber von Harald Lesch, dem Potzobermohr Graf Koks des großen Weltverstehens, hätte man erwartet, dass er unterscheiden kann zwischen den nicht enden wollenden Kopf- und Ausleseprüfungen der Schüler und dem Systemcheck Schule, den Pisa unternimmt. Konnte er aber nicht. Ich denke, er wollte es nicht. Hätte nämlich seine These kaputt gemacht.

Pisa hat nichts weniger getan, als dem deutschen Schulsystem die Maske herunter zu reißen: dass es nicht eines der Dichter und Denker, sondern kreuzungerecht ist.

Was nach dieser Moderation kam, war derart haltlos, dass ich am liebsten den – neuen! – Fernseher aus dem Fenster geworfen hätte. Lesch musste nämlich nun zugeben, dass Pisa doch für etwas gut war – nämlich herauszuarbeiten, wie ungerecht das deutsche Schulsystem ist. „Deutschland – Ungerechtland“, sagte der Professor bedeutungsschwanger in die Kamera. Wie gut, dass auch er das bemerkt hat. Pisa hat das gezeigt – vor 17 Jahren! Pisa hat nichts weniger getan, als dem deutschen Schulsystem die Maske herunter zu reißen: dass es nicht eines der Dichter und Denker, sondern kreuzungerecht ist. Indem es nämlich SchülerInnen bereits mit zehn Jahren in gute, mittlere und schlechte Schulschubladen sortiert.

Marienthalschulen

Das konnte man, na klar, vorher wissen. Aber den Deutschen, die nie eine politische Revolution samt Einführung einer demokratischen Schule zustande brachten, musste die OECD wissenschaftlich beweisen, dass das Unsinn ist: Früh-Auslese nach Leistung, die in Wahrheit eine nach sozialer Herkunft ist. Lesch hätte das haarklein mit Hilfe von Pisadaten und -grafiken nachweisen können, besonders der legendären Vertiefungsstudie von Jürgen Baumert (1) über „differenzielle Lernmilieus“ oder auch Marienthalschulen, also Schulen der totalen Hoffnungslosigkeit, von denen es in Deutschland blöderweise besonders viele gibt. Aber das konnte der Welterklärer ja schlecht, weil er vorher den Pisatest ungespitzt in den Boden hatte rammen lassen. Also musste ein neuer Zeuge her. Und was war, tätä, eine Sommerferienstudie aus den USA. Krass! Was hatte das nochmal mit Deutschland zu tun?

Ein Schulsystem, das demokratisch, also für alle da sein will, muss zuvörderst auf Mindeststandards pochen. Das bleibt weiter unerfüllt

Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Man verlor die Lust, dem sonst so wiefen Lesch zu folgen. Sondern sinnierte ein bisschen. In Wahrheit ist des Professor turmhoher Anspruch an Bildung schlicht elitär. Das, was Humboldt und die Idealisten wollten, nämlich das sokratische Gespräch unter Gebildeten, ist Dünkel. Punkt. Schon die Eltern, die er eingeladen hatte, waren allesamt Gebildete. Dass ein Schulsystem, wenn es demokratisch, also für alle da sein will, zuvörderst auf Mindeststandards pochen muss, das forderte Lesch nicht. Denn das steht seit fast 20 Jahren in den Pisa-Auswertungen. Und ist vollkommen richtig. Weil Bildung ein Grundrecht ist. Es bleibt aber weiter unerfüllt – auch wenn die Abiturquote seit Pisa explodiert ist und die Hauptschulen, Pisa sei Dank!, endlich aussterben.

Kein Aufklärer

Der ZDF-Mann hat sich oft als Aufklärer hervorgetan. Er machte seine Zuschauer klüger, indem er ihnen einen Hintergrund zu einem Sachverhalt erzählte und so das Phänomenale sichtbar machte. Diesmal unterließ Lesch das. Schade. Leschs Kosmos ist geschrumpft. Hunderttausende von Bildungsverlierern und Risikoschülern hätten seine Hilfe gut gebrauchen können.

PS. Die Links werden nachgeliefert. Muss erst den Fernseher aus dem Garten holen


1* Baumert, Jürgen, Petra Stanat, Rainer Watermann (2006). „Schulstruktur und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus“. In: Baumert et al Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen: Differenzielle Bildungsprozesse und Probleme der Verteilungsgerechtigkeit, S. 95-188

 

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