Erziehungswissenschaftler streiten, ob „pädagogischer Eros“ noch Grundlage ihrer Disziplin sein kann. Anhänger Hartmut von Hentigs wollen ihren Meister rehabilitieren 

(Langversion eines Textes aus der NZZ, mit Links und Nachweisen)

Er ist wieder da. Hartmut von Hentig, der wichtigste lebende deutsche Pädagoge. 2010 hatte er geschworen, sich aus der Öffentlichkeit zurück zu ziehen. Das war, als er in den Verdacht möglicher Mitwisserschaft der Hundertfachen Missbrauchs durch den Schulleiter der Odenwaldschule Gerold Becker geriet. Becker war der Haupttäter an der reformpädagogischen Superschule, die in der Schweiz eine Art Ableger hat, die Ecole d´Humanité im Kanton Bern. Becker war aber zugleich der Lebensgefährte Hentigs, dessen Stern schien damit untergegangen. Nun feiert der Erfinder des sokratischen Lehrer-Eids eine Art Auferstehung – und zwar bei dem wichtigsten deutschsprachigen Pädagogenkongress, dem großen Treffen der „Gesellschaft für Erziehungswissenschaften“.

Seit Sonntag konferieren in Essen Hunderte Pädagogen in Workshops über Schule, Inklusion – und pädagogischen Eros. 

Die Figur Hartmut von Hentig wandelt wie ein Untoter über die Flure des erziehungswissenschaftlichen Kongresses

Hartmut von Hentig wandelt wie ein Untoter gleich durch mehrere Seminare in Essen. Am wichtigsten war wohl jenes Podium, bei dem es am Montag nachmittag um die Aberkennung des bedeutenden „Ernst-Christian-Trapp-Preises“ ging. Hartnäckige Unterstützer verlangten, dass der Gründer der berühmten Laborschule den wichtigen Pädagogik-Preis wieder zurück bekommt. Vergangenes Jahr hatte die Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) dem Nestor der deutschen Reformschulen die Auszeichnung entzogen – weil er in seinem Buch „Noch immer mein Leben“ so unsensibel und unpädagogisch mit Überlebenden des Missbrauchs umgegangen war.

…weil ich fest davon überzeugt bin, dass etwas, was Du jetzt vielleicht nicht willst, letztlich gut für Dich sein wird oder Dich glücklich machen wird (Gerold Becker an einen Schüler, den er missbraucht hat)

Hentig zitiert in dem Buch (es erschien ernsthaft in einem Verlag namens „Was mit Kindern“) zum Beispiel aus Briefwechseln eines damals 15jährigen Missbrauchsopfers mit Rektor Becker. Der mächtige Schulleiter, ein Freund Richard von Weizsäckers, ein Mann, der immer wieder in Radio und Fernsehen auftrat, korrespondiert mit dem Schüler, dass es dem Leser die Sprache verschlägt. Ob er wirklich glaube, fragt Becker, „dass ich irgendetwas tun könnte in dem Bewusstsein, Dir damit zu schaden?“ Es folgt ein langes Abwägen, denn der Junge hatte dem Schulleiter abgesagt. Und dann diese Sätze des pädophilen Mannes: es gebe immer wieder Gelegenheiten, wo er zwar zunächst das Nein respektiere, aber die Hoffnung nicht aufgebe, dass der Schüler doch ja sage: „zum Beispiel, weil ich fest davon überzeugt bin, dass etwas, was Du jetzt vielleicht nicht willst, letztlich gut für Dich sein wird oder Dich glücklich machen wird.“

Zugang zum Archiv des Täters

So zitiert Hentig die Briefe seitenlang. Der Schüler, zigfach von Becker missbraucht, nahm Drogen, wurde früh zum Alkoholiker und kämpfte sich später mit Sport und eiserner Disziplin aus den Fängen des berühmten Schulleiters heraus. Hentig kam an diese Briefe und Passagen, indem er sich des privaten Archivs des Täters bediente – zu dem er als sein Freund Zugang hatte. Den Schüler freilich hat er nie um Zustimmung gebeten.

Die Hentig-Fans sind dennoch über den Entzug des Trapp-Preises für solche Prosa erzürnt. Sie sagen, es sei eine „’Höchststrafe‘ für Lebensleistung und Reputation“ ihres Meisters. So steht es in einer Stellungnahme, die über 100 Professoren und Pädagogen unterzeichnet haben. Zwischen ihnen und den wenigen öffentlich auftretenden Hentig-Kritikern kam es am Montag in Essen zum Showdown.

Ludwig Huber trug als Verteidiger Hentigs vor, die DGfE, habe keine Stelle in Hentigs Buch nachgewiesen, die Fehlverhalten gegenüber Betroffenen belegen würde. 

Aktualisierung 25. März 15:12 Uhr: Doppelmoral: Ludwig Huber hat sich beschwert, dass das Video seines öffentlichen Statements bei der DGfE ins Netz gestellt wurde – ohne seine Zustimmung.  

Der gleiche Ludwig Huber findet es übrigens korrekt, wenn Hartmut von Hentig aus den privaten Briefen eines 15jährigen Opfers zitiert – ohne dessen Zustimmung.

Jens Brachmann hingegen zählte Hentig zum größeren Kreis des Unterstützer-Systems für Beckers Missbrauch.

Hentigs Verteidigern geht es grundsätzlich darum, den einstigen Parade-Intellektuellen wieder zu einem satisfaktionsfähigen Mann zu machen. Sie betonen seine Unschuld an der sexuellen Gewalt, die allein Gerold Becker ausgeübt hatte: „Eine Mitwisserschaft oder gar Mittäter­schaft“, schreibt etwa der Bildungshistoriker Ulrich Herrmann, „wurde von Herrn von Hentig im letzten Band seiner Lebenserinnerungen ausgeräumt.“ Dass Hentig selbst Missbrauch verübt habe, hat bisher niemand behauptet. Für seine Mitwisserschaft sind beweiskräftige Belege naturgemäß schwer zu finden, freilich existieren Mutmaßungen. Andreas Huckele, eines der Opfer von Gerold Becker, legt dies in seinem Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien“ nahe.

Missbrauch heißt jetzt pädagogischer Eros

Hartmut von Hentigs Kritiker fordern indes etwas ganz anderes. Sie wollen, dass die Pädagogik endlich den Spuren sexualisierter Gewalt in ihrem Theoriegebäude nachgeht. Selbstverständlich heißt der dazugehörige Begriff dann nicht etwa „Missbrauch“, sondern „pädagogischer Eros“. Hinter diesem Terminus verstecken Pädagogen seit dem antiken Athen die Erziehung eines Jungen zu einem angesehenen Bürger mittels der sogenannten Päderastie oder, auf Deutsch, der Knabenliebe. Sie bedeutet: ein erwachsener Mann führt einen Jungen in die Gesellschaft ein – dafür darf er sich an dem Kind befriedigen. Dieses Konzept hielt zunächst als pädagogischer Eros, später abgewandelt als „pädagogischer Bezug“ Einzug in die Grundlagen der Pädagogik.

Noch heute streichen in der Erziehungswissenschaft bekennende Anhänger dieser Praxis herum. Den Aufruf für Hentigs Rehabilitation, der gerade in Essen diskutiert wird, unterschrieb eine ganze Reihe von Anhängern des pädagogischen Eros. Allen voran Marita Keilson-Lauritz. Auf einer Tagung kurz nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs an der Odenwaldschule, feierte sie den „Eros als die Quelle der pädagogischen Leidenschaft“. Keilson-Lauritz findet es bedenklich, den erotischen Aspekt der Pädagogik „ausmerzen zu wollen“. Wenn ein päderastischer Lehrer und sein Schüler „wie Götter aneinander denken“, sagte sie ausweislich eines Mitschnitts, sei das „heilsamer als welche Schadensersatzforderungen auch immer“.

Einige der heutigen Unterzeichner der Pro-Hentig-Petition lauschten Keilson-Lauritz im September 2010 in der „Internationalen Akademie für innovative Pädagogik“. Darunter auch der emeritierte Professor Jürgen Zimmer, der für Hentigs Verteidigung eine eigene Webseite eingerichtet hat. Auf einem der Videos der Seite ist Hartmut von Hentigs Meinung über Missbrauchsopfer zu bestaunen: „Kinder, denen das geschehen ist, schütten Kübel von Gemeinheit über mich aus“, sagt Hentig darin. „Mit denen kann ich leider kein Mitleid haben.“

Hartmut von Hentig über die Kinder von damals from Noch immer Mein Leben on Vimeo.

Aber auch ein anderes Podium, bei dem es in Essen um Pädagogik und Missbrauch geht, hat es in sich. Es findet am Dienstag statt. Dort wird die Frage gestellt, ob „Disziplin und Fachgesellschaft in pädagogische Gewaltverhältnisse verstrickt sind“ – so lautet die Umschreibung für sexualisierte Gewalt. Auf dem Podium sitzt unter anderen Hans Thiersch, ein Tübinger Pädagoge und Bekannter Gerold Beckers. Als Beckers Taten 1999 erstmals öffentlich wurden, gehörte Thiersch jener Ethikkommission der Gesellschaft für Erziehungswissenschaften an, die dem Missbrauch nachgehen sollte. Freilich unternahm Thiersch damals gar nichts. Da Beckers Taten laut Staatsanwaltschaft verjährt waren, stellten er und seine Zweitgutachterin die Nachforschungen ein. So kam es, dass das viel feinere Raster, das eine Erziehungs-Fachgesellschaft an das Ethos eines Pädagogen anlegt, nicht zum Tragen kam. Becker durfte in der Gesellschaft für Erziehungswissenschaft bleiben, erst 2010 schloss sie ihn aus. Da war Becker von zwei Unabhängigen Aufklärerinnen als ein Kernpädophiler portratiert worden, der über 80 Schüler missbraucht und zum Teil vergewaltigt hatte.

Es habe überhaupt keinen Anlass gegeben, an Missbrauch oder Übergriffe zu denken

Auf dem Verstrickungs-Podium nimmt ebenfalls Barbara Rendtorff Platz. Die heutige Forscherin der Uni Paderborn hatte einst ein Kind in einer der frühkindlichen Betreuungseinrichtungen, für die Daniel Cohn-Bendit traurige Berühmtheit erlangte. In einem Text beschrieb er, wie er sich von Kindern in den Hosenstall greifen und streicheln ließ. Cohn-Bendit hat sich von dem Text inzwischen vielfach distanziert. Frühen Freispruch erhielt er freilich in einer Erklärung, die eben jene Barbara Rendtorff unterzeichnet hatte. Will man sie danach fragen, wie die Ehrenerklärung für „Dany“ zustande kam, ob es damals zum Beispiel Gespräche mit dem Autor der abstoßenden Zeilen, Nachfragen in der Kita oder ähnliches gab, wird Rendtorff barsch. Es habe überhaupt keinen Anlass gegeben, an Missbrauch oder Übergriffe zu denken, sagte sie auf Anfrage. Kein Anlass? Die Schilderung des damaligen Erziehers Cohn-Bendit lautete im Original: „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Das stellte mich vor Probleme“, fährt er fort. „Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.“ 

Auf dem Podium in Essen war Rendtorff nun in ganz neuer Rolle: um darüber zu diskutieren, wie man Gewaltverhältnissen in der Ausbildung von Pädagogen vorbeugen kann.

Nicht zugelassen sind auf dem Verstrickungspodium übrigens Opfer. Obwohl sie gut beschreiben könnten, dass dem Missbrauch zum Beispiel an der Odenwaldschule nicht selten kleine Vorträge über die Selbstverständlichkeit des Eros bei den alten Griechen vorausging. „Dass keine Überlebenden dabei sind, kann man uns jetzt natürlich zum Vorwurf machen“, sagte Kongress-Organisator Fabian Kessl. Warum nicht auch Missbrauchsopfer zu Wort kommen, schob der Essener Professor auf die knappe Zeit. Das Podium sei bereits vor Monaten geplant worden. „Das nächste Mal würden wir das anders machen.“

Die Enthüllung des hundertfachen Missbrauchs an der Odenwaldschule ist allerdings nicht drei Monate her, sondern immerhin schon zwei Jahrzehnte.

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