Künstliche Intelligenz ist fast überall. Nun wollen Kultusminister die KI auch in den Unterricht integrieren – sogar an Grundschulen. Wissenschaftler und Lehrer warnen.

Dieser Text erschien am 16. Juli im Weser-Kurier - er wurde sachte und sichtbar angepasst. 

Von Christian Füller

Das ist eine handfeste Überraschung. Die Schulminister der Länder planen ausweislich eines unveröffentlichten Papiers, die neue Form von Künstlicher Intelligenz rasch an den Schulen in Deutschland einzuführen. Laut ihrer „Handlungsempfehlung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz“ soll die KI überraschend sogar schon bei Grundschülern zum Einsatz kommen. Die Minister stellen sich damit gegen eine ausdrückliche Empfehlung ihrer eigenen Wissenschaftlichen Kommission. Diese hatte dazu geraten, generative Künstliche Intelligenz frühestens ab der achten Klasse an Schulen einzusetzen. Denn: „Wird hier Textproduktion durch LLM ersetzt, unterminiert dies möglicherweise fachbezogene Lernprozesse.“

„Wird hier Textproduktion durch LLM ersetzt, unterminiert dies möglicherweise fachbezogene Lernprozesse.“

Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK

Bisher geben drei Bundesländer „Large Language Models“ (LLM) an Schulen weitgehend frei. Im neuen Schuljahr stößt Bayern unter anderem mit einem KI-Assistenten für alle Lehrkräfte im Freistaat hinzu. (Link zum Bericht) Ziel der Handlungsempfehlung, dessen „vertraulicher Entwurf“ Pisaversteher vorliegt, ist es nun, „eine ländergemeinsame Position zum Umgang mit KI in schulischen Bildungsprozessen zu finden.“ Das Plenum der Kultusminister wird das Papier voraussichtlich im Herbst kommende Woche beschließen.

KI soll bei Grundschülern die Kulturtechnik Lesen fördern

Laut der Empfehlung erwarten die Schulminister von der neuen Generation von Sprach-KIs „einen tiefgreifenden Einfluss auf schulische Bildungs- und Lernprozesse“. Durch KI-Nutzung könnten Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten passgenau gefördert werden. Genau hier sehen die Schulminister eine große Chance schon für den Anfang des schulischen Lernens: Sie erhoffen sich, dass die KI schon Grundschülern helfen kann, Kulturtechniken wie das Lesen zu stärken. Daher erscheint den Ländern, so steht es wörtlich in dem Entwurf, „ein weitgehender Verzicht auf KI-Sprachmodelle in der Grundschule und in den ersten Jahren der Sekundarstufe I, wie ihn die SWK empfiehlt, erörterungsbedürftig.“ Die SWK ist die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusminister.


Die Entwurfsfassung des KMK-Papiers zu der Beschluss-Empfehlung, den die Kollegen von Bildung.Table präsentieren, unterscheidet sich im wesentlichen durch die Einführung von Passagen zum AI-Act.

  • Der Handlungsempfehlungen-KI-Entwurf betont detaillierter die Notwendigkeit einer „positiven Fehlerkultur“ und die „Prozessorientierung“ als neue Bewertungsgrundlage.

Chancengerechtigkeit und digital divide.

  • Beide Dokumente erkennen die Wichtigkeit der Chancengleichheit (bei der KMK Chancengerechtigkeit genannt) im Kontext von KI an. Der finale Entwurf geht intensiver auf die spezifischen Aspekte von „first-level-divide“, „second-level-divide“ und „third-level-divide“ ein.

„Bei der Entwicklung weiterer KI-Anwendungen achten die Länder verstärkt auf die digitale Teilhabe aller Lernenden“ (KMK)

Die beiden für KI zuständigen Forscher der SWK, Ulrike Cress aus Tübingen und der Kieler Professor Olaf Köller, sehen die KI-Nutzung für Kinder hingegen kritisch. Die beiden plädieren daher für eine Altersgrenze von 14 Jahren bei der Nutzung von Sprachmodellen wie ChatGPT im Unterricht. „Wir wollen dieses Tool in den Grundschulen noch nicht in den Händen von Schülern sehen“, sagte der Vorsitzende der Ständigen Kommission, Olaf Köller. Im Gutachten der SWK heißt es: „In der Grundschule und zu Beginn der Sekundarstufe I sollte weitgehend auf LLM verzichtet werden. Stattdessen sollte der systematische Aufbau von basalen Lese- und Schreibkompetenzen fokussiert werden.“

„Textgenerierende KI in Grundschulen nicht sinnvoll“

Auch Florian Nuxoll, ein Lehrer und KI-Experte aus Tübingen, ist gegen den Einsatz von generativer KI in der Grundschule. „Lesen, Schreiben und Rechnen müssen Schüler selber lernen. Ich weiß nicht, wie da eine textgenerierende KI in Schülerhand sinnvoll sein soll“, sagte Nuxoll, der sich als abgeordneter Oberstudienrat an der Uni Tübingen mit KI befasst. Der Lehrer unterschied davon zum einen die KI-Assistenten, die Lehrkräften beim Vorbereiten ihres Unterrichts helfen. Und zum anderen so genannte intelligente tutorielle Systeme, die mithilfe von KI den Lernstand von Schülern messen. Diese beiden KI-Formate seien auch für Grundschulen geeignet, sagte Florian Nuxoll.

Die Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz für KI befinden sich im Moment im Anhörungsverfahren bei KI-Experten. Ein allgemeines Verbot von KI, etwa für Facharbeiten oder Hausaufgaben, sei „weder zielführend, wünschenswert noch durchhaltbar“. Deswegen empfiehlt die KMK den Ländern, „Prüfungsformate, die juristisch nicht einwandfrei der in der Aufgabe geforderten eigenständigen Leistung einer Schülerin bzw. eines Schülers zugerechnet werden können, abzuschaffen oder grundlegend weiterzuentwickeln.“

Kultusminister: KI zeitnah und kostenfrei an Schulen holen

Die Minister streben auf zwei Wegen an, die KI in die Schulen zu holen. Sie wollen zunächst „zeitnah eine ländergemeinsame Schnittstellenlösung zum datenschutzkonformen und kostenfreien Zugang zu LLM im schulischen Bereich bereitstellen.“ Das entspricht der Variante, mit der die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz KI in die Schulen geholt haben. Darüber hinaus soll „ein hoheitlich betriebenes, datenschutzkonformes, für pädagogische Zwecke trainiertes und damit didaktisch besonders zielführendes LLM für den schulischen Bildungsbereich“ entwickelt werden.

Zugleich geben die Minister in ihren KI-Handlungsempfehlungen zu bedenken, wie offen die pädagogische Zukunft der Schulen unter den Bedingungen von KI ist. Es sei „nicht vorhersehbar“, welche Technologien sich mittel- oder langfristig etablieren werden. Weil Sprach-KI auch bei Schülern rasant Einzug hält, sei es notwendig, schnell mit der Fortbildung der Lehrkräfte zu beginnen.