Überall auf der Welt tobt der Wettlauf an die Spitze der KI. Nur ein (kleines?) europäisches Dorf namens deutsche Wissenschaft tobt nicht mit. Die Förderung generativer KI beginnt 2026!

Die Zeichen verdichten sich, dass auch das Jahr 2025 für die KI-Grundversorgung von Forschung und Lehre ein verlorenes Jahr wird. Während überall auf der Welt ein großes „In KI investieren“-Gebrabbel stattfindet, herrscht hierzulande beinahe Grabesruhe, wenn es um Sprach-KI für Hochschule und Forschung geht.

Die Sitzung des Ausschusses für Forschung, Raumfahrt usw. brachte nun die Zahlen auf den Tisch, die man befürchtet hatte: nicht einmal die vier KI-Servicezentren in Deutschland bekommen eine Schippe drauf, um generative KI für alle Lehrenden, Forschenden und Studierenden bereit stellen zu können.

„Die Förderung von 5,5 Millionen Euro für die überregionalen KI-Servicezentren sind nur Peanuts.“

Ayse Asar, Bündnis90/Die Grünen

In Zahlen: Die KI-Servicezentren – eingerichtet vor der KI-Zeitenwende durch ChatGPT – hatten 2023 immerhin 33 Millionen Euro an Budget, 2024 sank der Förderbetrag auf die Hälfte, und für 2025 sind gerade noch fünf Millionen Euro vorgesehen. (Grafik)

Games Top, KI Flop

Dass Ausgaben für generative KI ab 2023 sinken, ist an sich schon unverständlich. Besonders augenfällig aber ist der Vergleich zur Gamesförderung. Die 10-Mrd-Euro schwere Gamesindustrie bekommt mehr Förderung als die für die Hochschul-KI lebenswichtigen KI-Zentren. Im Jahr 2025 steht es 88:5 für Games gegen Sprach-KI an Servicezentren. Skandal ist kein schönes Wort – hier passt es ganz gut.


„Die einzelnen Hochschulen sind sehr kreativ beim Entwickeln KI-gestützter Tools. Trotzdem müssen wir sicherstellen, dass alle Studierenden und Lehrenden zugriff auf eine leistungsfähige und datenschutzkonforme KI bekommen. Da ist auch der Bund gefragt.“ 

HRK

Warum verlässt die Wissenschaftsministerin eigentlich ein forschungspolitisches Event, um schnell nach Köln auf die Gamescom zu düsen und dort eine massive Ausweitung der Gamesförderung zu verkünden? Ist sie Wissenschaftsministerin oder Games-Ministerin?

Nun ist die KI-Förderung ganz allgemein in Deutschland keine gefährdete Tierart. KI-Geld schwirrt überall herum. Das Bildungsministerium unter Bärs Vorgängerin schickte einmal eine KI-Förderliste herum, die viele viele Seiten hatte.

Drei Maßnahmen

Trotzdem stellt sich die Frage nach den drei Maßnahmen, die fast immer genannt werden, wenn es darum geht, wie fit Hochschulen und Forschung für Sprach-KI sind:

1️⃣ Es braucht eine KI-Grundversorgung für alle Lehrenden, Forschenden und Studierenden.

2️⃣ Exzellente KI-Forscher, von denen es in Deutschland nicht so wenige gibt, müssen Rechenzentren haben, in denen sie Modelle trainieren, finetunen oder auf bestimmt Fachdomänen fokussieren können

3️⃣ Jede Kommilitonin sollte eine Schnellbesohlung in generativer KI, Prompten und Halluzinationen bekommen

Dieser Dreiklang gehört zu jedem KI-Event – sei es ein Wirkshop oder eine große Konferenz.

Aber in realem politischen Handeln findet davon nicht so viel statt. Das kann man am besten in den Ländern sehen, die das industrielle Rückgrat der Republik sind. NRW z.B. ist ein Trauerspiel. Es hat ein KI-Zentrum gegründet, das, erstens, gut ist, zweitens, so komplex, dass nicht mal alle Beteiligten durchsteigen und, drittens, häufiger durch zerknirschte Papiere über KI auffällt als durch reale Anschlüsse und Zugänge für Studis oder ForscherInnen.

Trauerspiel NRW

Tatsächlich hat einer der verantwortlichen KI-Leute in NRW Pisaversteher gerade berichten lassen, dass es jetzt angeblich richtig losgehen soll. Danach sind über 2,5 Jahre nach ChatGPT 22 von 36 Hochschulen in NRW dabei, sich an die KI anzustöpseln, die das Land über die beiden Projekte „kI:connect:nrw“ und „OpenSource-KI.NRW“ bereit stellt. Wie weit die 22 Hochschulen damit konkret sind, ist schwer zu sagen – und noch schwerer, wie viele echte NutzerInnen das KI-Wissenschaftstool des Landes eigentlich hat. Verdächtig ist in diesem Zusammenhang folgende Mitteilung:

„Die Auswertung konkreter Nutzendenzahlen von Studierenden, Forschenden und Lehrenden obliegt den Hochschulen. Dazu kommt, dass das Projekt erst zu Beginn des Jahres mit einem Testbetrieb gestartet ist und sich gerade erst in der Roll-out-Phase befindet, sodass Zahlen noch nicht aussagekräftig sein dürften.“

Auf deutsch heißt das: nichts genaues weiß man nicht!

Eines der vier KI-Servicezentren hatte sich relativ früh dafür verantwortlich gemacht, an der KI-Grundversorgung zu arbeiten. Zusätzliches Geld ab es dafür nicht. So ist die KI-Situation derzeit: alle reden über große Sprachmodelle, feingetunte ChatBots, Gigafactories usw. usf. Aber ganz konkret mit Geld und Gesetzen tut sich wenig.

Opposition und HRK

Was sonst selten vorkommt: inzwischen geht das den Beteiligten so auf die Nerven, dass sie den Mund aufmachen und schimpfen.

Ayse Asar etwa sagt: „Die Förderung von 5,5 Millionen Euro für die überregionalen KI-Servicezentren sind nur Peanuts im Vergleich zu den Bedarfen, die wir bei Künstlicher Intelligenz sehen.“ Asar ist die grüne Berichterstatterin für den Wissenschaftshaushalt. „Frau Bär hat einfach den Haushaltsentwurf Ihrer Vorgängerin übernommen. Bei der für die Zukunft so wichtigen Technologie kann sich Deutschlands Wissenschaftssystem aber keinen Aussetzer leisten.“

Und die HRK lässt durch einen Sprecher mitteilen: „Wir haben an den Hochschulen viele Baustellen von der Zig-Milliardenlücke im Hochschulbau bis zur KI-Grundversorgung. Das sind Strukturfragen, die Zukunft sichern, und bei denen es auch auf den Bund ankommt. In den Haushaltsplanungen spiegelt sich das aktuell aber noch nicht angemessen wider. Das ist ärgerlich.“ 

Ärgerlich ist das. Und zukunftsvergessen. Denn die vielen verschiedenen ChatBots, über die LLM zugänglich werden, verändern gerade das Lernen und Studieren massiv. Wenn das Wort disruptiv irgendwann mal stimmt, dann jetzt. Studien zeigen, dass die Studierenden die Tools wie selbstverständlich nutzen. Aber eben nicht die aus den Unis, sondern vor allem die freien Tools wie Claude, Perplexity, ChatGPT, Gemini und wie sie alle heißen.

Gespaltene Hochschule

Das bedeutet: die Hochschule ist ein gespaltener Laden.

Die einen nutzen Sprach-KI, um ihre Hausarbeiten damit zu schreiben. Die anderen schreiben trübselige Papiere.

Die Studis pulverisieren mit ihrer unangeleiteten KI-Praxis das herrschende Lehr-Lern-Modell. Hin und wieder tauchen „Untergang des Abendlands“-Texte darüber in den Feuilletons auf.

Die anderen, die Hochschulverantwortlichen, geben Durchhalteparolen aus. „Wir sind da dran.“ „Wenn wir frühzeitig auf KI setzen.“ Usw.

Fragt man die Zuständigen an den Hochschulen, wie viele Studis eigentlich schon die leistungsstarke, datenschutzkonforme und günstige Hochschul-KI nutzen, erntet man: Schweigen.

Sie wissen es einfach nicht.