Im Mittelpunkt des erstmals vergebenen KI-Schulpreises stehen eine private Grundschule, ein Gymnasium mit eigenem KI-Rechenzentrum und eine Schule, bei der Künstliche Intelligenz Vorschläge zur Schulentwicklung mach
Die Neue Grundschule Potsdam baut die Art des Lernens grundsätzlich um. (Siehe dazu auch das Interview mit der KI-Koordinatorin Kristin van der Meer im Stern.) In der Duisburger Sekundarschule am Biegerpark analysiert ein KI-Tool alle anfallenden Lern- und Verwaltungsdaten. Und im Gymnasium Tirschenreuth (Bayern) haben Lehrkräfte ein von der Umwelt abgekapseltes Rechenzentrum mit acht GPUs errichtet. Insgesamt haben es 18 Schulen aus ganz Deutschland in die Endrunde gebracht. Der Preis wird heute in Heilbronn vergeben und von der Telekom Stiftung und der Dieter Schwarz-Stiftung mit 100.000 Euro dotiert – die sich die sechs Gewinner Schulen teilen müssen.
Keine Lehrkraft ohne KI
Drei Schulen werden für einzelne KI-Konzepte ausgezeichnet, das kann etwa ein Fach „Digitale Ethik“ sein oder ein KI-Assistent, den Lehrkräfte für ihre Kollegen gebaut haben. Drei weitere Schulen werden für das KI-Gesamtkonzept ausgezeichnet – und die folgenden Schulen sind meines Erachtens dafür besonders prädestiniert. 
In der Duisburger Schule lässt sich gut beobachten, wie sehr Künstliche Intelligenz Schule inzwischen prägt. „Im gesamten Verwaltungstrakt gibt es niemanden mehr, der ohne KI arbeitet“, sagt Madzirov. „Keine Lehrkraft ist mehr ohne KI-Tool oder ohne Fortbildung; das Kollegium stellt sich regelmäßig gegenseitig die KI des Monats vor; es gibt eine Elternbildungsreihe zum Thema KI, die derzeit wöchentlich stattfindet.“ Die Schule zählt 750 Schüler und bereitet auf diverse Schulabschlüsse bis zum Abitur vor.
Das Herz der Schulentwicklung ist ein frei verfügbares Analyse-Tool, das alle eingespeisten Daten der Schule, des Lernens und der Leistungen untersucht. Auf diese Weise verändert sich die Schule insgesamt. Die KI hat zum Beispiel für die Lehrkräfte transparent gemacht, wann der Unterrichtsausfall im Schuljahr am größten war – und woran das überraschenderweise lag: an vielen kleinen Vorbereitungen und Abstimmungsprozessen zum Beginn des Schuljahres. Die Schule hat auch einen neuen Blick auf die SchülerInnen bekommen, die vom Gymnasium an die Sekundarschule zurückversetzt werden. Die Lehrkräfte können diese Gruppe nun besser begleiten und ihre Sorgen aufgreifen.
„Wir haben daher nicht zuerst Tools geschult, sondern Lernstrategien, Unterrichtsöffnung und Selbstregulation gestärkt“
Kristin van der Meer
Die Analyse solcher Daten geht inzwischen blitzschnell. Allerdings berichtet der Schulleiter von dem großen Aufwand, der zuvor betrieben werden muss. „KI macht Spaß. Der einzige Bereich, der anstrengend werden kann, ist das Anlegen von strukturierten Datenblättern, die die KI interpretieren kann.“ Die Schule hat zugleich einen enormen Aufwand betrieben, um die Lerndaten der Schule so zu pseudonymisieren, dass keine personenbezogenen Informationen über Schüler oder Lehrer das Datenzentrum der Schule verlassen.
Im Vergleich zu der Schule in Nordrhein-Westfalen werden an der privaten Neuen Grundschule Potsdam noch keine digitalisierten Lerndaten produziert. Dort hilft die KI jeder Schülerin und jedem Schüler individuell mit digitalen Assistenten zu lernen. Im Klassenzimmer der KI-Beauftragten der Schule, Kristin van der Meer, arbeitet zum Beispiel praktisch jedes Kind an einer anderen Aufgabe. Es wird dabei von der Künstlichen Intelligenz unterstützt und angeleitet. Dabei entstehen überraschende Lernsituationen. Einem Mädchen hat das KI-Tool empfohlen, sich für das Lernen von Vokabeln eigene Lernkarten zu erstellen – und zwar mit Karton, Schere und Stift.
Schule mit eigenem KI-Rechenzentrum
Im Mittelpunkt der Künstlichen Intelligenz an der Grundschule steht nach Meinung van der Meers nicht die Technologie. „Wir haben daher nicht zuerst Tools geschult, sondern Lernstrategien, Unterrichtsöffnung und Selbstregulation gestärkt“, sagt die Politologin und Quereinsteigerin in den Lehrerberuf. „KI wurde erst danach zum ‚hybriden Lernpartner‘“. Im Klassenzimmer sieht diese Arbeitsteilung wie folgt aus: Die SchülerInnen fragen zunächst die Schul-KI Fobizz, wenn sie etwas nicht verstehen. Kommen sie auf diese Weise nicht weiter, gehen sie zu ihrer Klassenlehrerin.
Ganz ähnlich sieht der Unterricht am Gymnasium im bayerischen Tirschenreuth aus. „Es gibt Momente, in denen der Schüler einfach hängt“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Martin Putzlocher. „Der Lernende müsste nun warten, bis die Lehrkraft Zeit hat für ihn. Jetzt muss er nicht mehr warten, jetzt kann er die KI fragen.“ Allerdings mutet das Gymnasium am Rande der Tschechischen Republik inzwischen wohl eher wie ein Rechenzentrum mit angegliederten Klassenzimmern, als eine Schule mit KI-Unterstützung an. In Tirschenreuth sorgen eigene Server und Grafikkarten dafür, dass die IT-Experten und Administratoren Open-Source-LLM-Modelle auf die Schüler und ihr Lernen zuschneiden.
Der pädagogische Überbau, der bei Fobizz oder FelloFish implementiert wurde, ist für uns gar nicht mehr so hilfreich.“
Martin Putzlocher
Die Schule in dem strukturschwächsten Region des Freistaats hat sich daher von den am Markt angebotenen KI-ChatBots bereits gelöst. „Wir haben schon viele der Schul-KIs getestet“, sagt Informatiker und Rechenzentrumsleiter Putzlocher. „Fobizz und FelloFish, vorher Fiete.ai. Der pädagogische Überbau, der da implementiert wurde, ist für uns gar nicht mehr so hilfreich.“ Nur das Leipziger Tool „SchulKI“ ist dort neben den selbst konfigurierten LLM noch im Einsatz. Die Schule setzt darauf, dass das Preisgeld ihre digitale Autonomie weiter stärkt. Die 40.000 Euro des Hauptpreises „würden uns helfen, denn es macht in etwa ein Drittel des Jahresbudgets unseres Gymnasiums aus.“
Einige Gewinner des KI-Schulpreises stehen bereits jetzt fest. Es sind die KI-ChatBots fürs Lernen: Fobizz, FelloFish und SchulKI. An den 18 Schulen, die es bis auf die Shortlist geschafft haben, benutzen 18 diese pädagogischen Anwendungen. 13 Schulen verwenden den Hamburger KI-Bot Fobizz, drei haben das Feedback-Instrument von FelloFish und zwei lassen ihre Lehrer und Schüler mit der „SchulKI“ von Julian Dorn in Leipzig arbeiten. Allerdings ist absehbar, dass nun das neue KI-Angebot der Länder namens Telli in viele Klassenzimmer Einzug hält. In der Duisburger Schule ist das bereits der Fall. Die Anwendung entspricht nach Ansicht von Schulleiter Pavle Madzirov „dem Wunsch vieler Lehrkräfte, vom Dienstherrn eine Art amtliche KI-Anwendung zu bekommen, ohne sich selbst Gedanken machen zu müssen.“
