Hinter verschlossenen Türen haben die Kultusminister seit 2020 die Grundlagen des Abiturs neu festgelegt. Friedemann Stöffler und 450 Schulreformer fordern am Wochenende eine flexiblere Oberstufe – und mehr Demokratie von den SchulministerInnen.

Herr Stöffler, die deutsche Schule befindet sich in einer Art Dauerkrise. Und nun kommen Sie und wollen den letzten Anker lichten, der das deutsche Schulsystems festhält: das Abitur. Muss das sein?

Ja, das muss sein. Wir doktern seit Jahrzehnten am Schulsystem herum und werden nicht besser. Deswegen erleben wir nun schon den zweiten Pisa-Schock: Ein Drittel der Schüler kann weder sinnvoll rechnen noch korrektes Deutsch. Die Regeln für Oberstufe und Abitur werden ab nächstem Schuljahr sogar noch verschärft. Meine tiefe Überzeugung ist: Solange wir das Abitur nicht verändern, wird sich die Schule nicht verändern.

Friedemann Stöffler zur bevorstehenden Abiturreform

Was stört Sie denn am herrschenden Abitur?

Dass es keinen Raum für Flexibilität lässt. Wir haben zum Beispiel eine zunehmend heterogene Schülerschaft. Aber das Abitur ist blind für diese Heterogenität. Wenn wir nicht mehr Möglichkeiten eröffnen, damit jeder seinen individuellen Weg zum Abitur gehen kann, dann schadet es den Lernenden – und unserem Land.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Es gibt Menschen mit Migrationshintergrund, die exzellent in Mathematik sind. Das können sie sehr gut, aber in Deutsch bräuchten sie etwas länger oder auch in anderen Sprachen. Ein – wie wir es nennen – additives Abitur mit mehr Möglichkeiten, seine Kompetenzen einzubringen, könnte hier helfen.

Es gibt keinen Grund dafür, dass die Abiturienten alle Prüfungen innerhalb weniger Tage ablegen müssen.

Es gibt keinen Grund dafür, dass die Abiturienten alle Prüfungen innerhalb weniger Tage ablegen müssen. Sie finden auch keinen anderen Bereich im Bildungssystem, in dem festgelegt ist, dass alle anrechenbaren Leistungen nur innerhalb von zwei Jahren erbracht werden können. In der Qualifikationsphase für das Abitur ist das aber so. Zwei gemeinsame Jahre – nicht mehr und nicht weniger. Und es gibt auch keinen Grund, dass wer eine oder zwei Fächer nicht besteht, alle Fächer wiederholen muss.

Heißt das, Sie wären damit zufrieden, die Phase der Anrechnungsmöglichkeiten auf drei Jahre Oberstufe auszudehnen?

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es geht um mehr. Bisher besteht das Abitur aus zwei Jahren Qualifikationsphase und einer intensiven Prüfungsphase mit vielen Klausuren. Für manche Gruppen wären drei Jahre Quali-Phase besser. Oder auch vier wie etwa in Finnland. Dort gilt die Regel: Bestimmte Module müssen belegt und bestimmte Leistungen erzielt – ohne dass dafür eine starre Zeitvorgabe existiert.

Würden wir da nicht auf ein Abitur zusteuern, das aus einer Unzahl von Einzelfällen besteht?

Warum? Diese Möglichkeiten gibt es in Deutschland ja jetzt schon für Schulen mit einem definierten Leistungsschwerpunkt. Eliteschulen des Sports und der Musik können das bereits machen. Warum nur für diese Schulen? Warum nicht auch für ganz andere Schülerlagen und Schulstrukturen?

Die heutige Bulimie-Prüfungskultur in Oberstufe und Abitur ist in meinen Augen mit dem 21. Jahrhundert nicht vereinbar.

Friedemann Stöffler

Dann müsste man wahrscheinlich auch die Klausur als dominierende Prüfungsform für andere Formate abschaffen.

Ja, das müsste man unbedingt tun. Die heutige Bulimie-Prüfungskultur in Oberstufe und Abitur ist in meinen Augen mit dem 21. Jahrhundert nicht vereinbar. Klausuren können einen Teil der Prüfungsleistung sein. Aber der Schwerpunkt auf einer Notengebung für Produkte, die ein Schüler als Einzelkämpfer ganz allein und ohne jedes Hilfsmittel erschaffen hat, ist keine zukunftsfähige Prüfungskultur. Das hat mit der modernen Arbeitswelt und mit den großen Herausforderungen des Planeten, die wir nur in Teams lösen können, wenig zu tun. Wir brauchen eine Vielfalt der Prüfungsformen, mehr Projektbezug und eine Öffnung für digitale Formate – wie etwa in Brandenburg durch die Einführung von sieben reinen Online-Grundkursen, die aufs Abitur anrechenbar sind.

Warum sind die Prüfungsformate so wichtig?

Weil die Prüfungskultur in direktem Zusammenhang mit der Lernkultur steht – und die ist die Schwachstelle unseres Schulwesens. Wir sollten viel mehr Möglichkeiten zu individuellem Lernen und zu individuellen Formen der Aneignung von Kompetenzen schaffen, wie das viele Schulen heute schon machen. Die Lehrerin oder der Lehrer wird dann vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter.

Es gibt eine Unzahl von Reforminitiativen, Herr Stöffler. Wie können die Bürger darauf vertrauen, dass Ihre relevant ist?

Alle, die in unserer Initiative Flexible Oberstufe engagiert sind, kommen aus einer Schulpraxis, die sie als unzureichend und durchaus ausgrenzend erlebt haben. Die wollen nun denen helfen, die im System gefangen sind, diese Grenzen zu überwinden. Gleichzeitig ist das Bündnis für ein zukunftsfähiges Abitur, dem wir angehören, eine große bundesweite Bewegung vieler Gruppierungen, die sehr ähnliche Forderungen stellen. Wir veranstalten gerade einen Kongress in Berlin, zu dem sich 450 Menschen aus ganz Deutschland angemeldet haben und der schon restlos ausverkauft ist. Die Resonanz ist riesig: Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, aber auch Schulräte und Menschen aus der Schulverwaltung sind dabei. Sie eint, dass sie grundsätzliche Reformen für ein zukunftsfähiges Abitur für notwendig und auch möglich halten.

Nicht nur Sie haben sich auf den Weg gemacht. Die Kultusminister haben ihrerseits das Goldene Kalb Abitur verändert – ohne die Öffentlichkeit daran zu beteiligen.

Ja, das stimmt. Der Ausgangspunkt dafür war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das 2017 festgestellt hat, dass das Abitur nicht überall gleichwertig ist. Dann aber haben die Kultusminister einen Weg eingeschlagen, der aus unserer Sicht genau in die falsche Richtung führt. Die wollen noch mehr Uniformität erzeugen – und zwar eine Einheitlichkeit, die fast ausschliesslich an formalen Dingen sich festmacht, wie Stundenzahlen in den Fächern und gleiche Klausuren. Ich bin der festen Überzeugung, dass man das Urteil aus Karlsruhe auch ganz anders hätte interpretieren können.

Klausur, Klausur, Klausur: das neue Abitur

Die Schulminister haben immerhin den Verfassungsauftrag, ein einheitlicheres Abitur für ganz Deutschland herzustellen. Und Sie wollen genau das Gegenteil.

Die Frage ist: Was muss eigentlich einheitlicher werden? Die Kultusminister wollen über formale Festlegungen wie die Zahl der Unterrichtsstunden oder die Zahl und Länge der Klausuren Vergleichbarkeit herstellen. Wir glauben dagegen, dass die Kompetenzen im Mittelpunkt stehen sollten, die Schülerinnen und Schüler am Ende haben müssen.

Sie folgen dem Prinzip Pisa: Die internationale Vergleichsstudie fragt nicht nach der Art der Prüfungen oder nach ihrer Zahl, sondern allein nach den Kompetenzen der SchülerInnen.

Genau, und hier können Sie auch einen der Gründe entdecken, warum Deutschland so schwach bei dem weltweiten Schulvergleich abschneidet: Weil wir so viele festgelegte enge Prüfungsformate haben, schneiden Länder mit offeneren Prüfungsformaten viel besser ab. Warum ist das so?

Unsere Schule ist noch stark von Auslese geprägt. Und Prüfungen dienen in einem selektiven Schulsystem dazu, Menschen auszusortieren – statt ihre Kompetenzen zu stärken.“

In meinen Augen, weil unser System noch stark von Auslese geprägt ist. Prüfungen dienen in einem selektiven Schulsystem dazu, Menschen auszusortieren, statt ihre Kompetenzen zu stärken und ihre Fähigkeiten zu vertiefen. In anderen Ländern, zum Beispiel Kanada, ist das meist anders. Dort heißt es eher: Wer eine Englischprüfung nicht schafft, wiederholt sie, damit er besser wird. Wir sagen: Er darf höchstens einmal wiederholen – dann wird er aussortiert.

Müssten Sie dafür nicht das deutsche Bildungsbürgertum in ein Reeducation-Camp stecken? Die Vorstellung der Deutschen ist doch, erstens, dass das Abitur das Maß aller Dinge ist, und, zweitens, dass es am besten in allen 16 Bundesländern möglichst gleich sein soll.

Stimmt, das ist aber eine uralte Debatte. Eigentlich müssten wir dringend eine andere führen: Was wird angesichts der Veränderungen von Bildung durch KI anders? Als das Abitur im 18. Jahrhundert eingeführt wurde, war klar: Schülerinnen und Schüler sollten in der Schule Wissen bekommen, zudem sie anders keinen Zugang hatten. Heute ist die Situation zumindest in der Oberstufe eine ganz andere. Jugendliche können sich Wissen aus allen Ländern und in vielen Sprachen beschaffen. Dafür brauchen sie die Schule nicht mehr. Sie brauchen Lehrkräfte vielmehr dafür, um Kriterien dafür zu entwickeln, welches Wissen wichtig oder unwichtig ist, und um kritisch über dieses Wissen nachzudenken. Und genau darum muss sich das Abitur verändern: Die Aufgabe von Schule hat sich grundsätzlich verändert – ohne dass die Schule sich das in ihrer Gesamtheit wirklich klargemacht hätte.

Das neue Abitur wird erstmals 2030 abgelegt. Im kommenden Schuljahr soll der erste Jahrgang in die Oberstufe starten. Sind alle Länder schon soweit?

Die Details sind noch nicht überall klar. Einige Länder sind mit ihren Bestimmungen schon weit, andere nicht. Zum Teil ist vereinheitlicht worden, wie viele schriftliche und mündliche Prüfungen es geben soll. In manchen Ländern wird auch eine Projektprüfung eingebaut, in anderen nicht. Das ist ein wichtiger Punkt: Es wäre sinnvoll, Projektprüfungen, Portfolios und mündliche Erörterungen über KI-Texte in allen Ländern zu ermöglichen. Aber das System, das sich die Länder in den vergangenen Jahren in Geheimgesprächen ausgedacht haben, verändert nicht das Paradigma des Lernens. Das neue Abitur ist in also veraltet, bevor es in den Ländern ab kommenden Jahr abgenommen wird.

Im Regel-Abitur fällt die Entscheidung innerhalb weniger Wochen, alle müssen gleichzeitig geprüft werden. Das sind Dinge, die Veränderung brauchen – aber kaum jemand wagt sich da ran.

Friedemann Stöffler

Wie sähe der Ausweg aus dieser verzwickten Situation aus?

Eigentlich müsste man sagen: Geben wir den Schulen Raum für eine Erprobungsphase. Die gab es übrigens schon mal vor Einführung der reformierten Oberstufe 1973 mit Beschluss der KMK! Zwei Jahre lang könnten sie innerhalb großer Rahmenbedingungen unterschiedliche Modelle ausprobieren. Ein Beispiel: Die Eliteschule des Sports in Potsdam hat eine Ausnahmegenehmigung und darf ein additives Abitur organisieren. Dort können Prüfungen über zwei bis vier Jahre verteilt werden. Das sollten auch andere Gymnasien, Gesamt- und Gemeinschaftsschulen ausprobieren dürfen.

Warum wird denen, die Topathleten parallel durchs Abitur bringen, etwas erlaubt, was vielen anderen Abiturienten gar nicht erst angeboten wird?

Weil man in einer Art Einzelfallentscheidung jenen Schülerinnen und Schülern Ausnahmen erteilt, die in europäischen oder weltweiten Wettbewerben erfolgreich sein wollen und deshalb am normalen Unterricht nicht teilnehmen können. Dann bekommt jemand Aufgaben zugeschickt oder darf zum Beispiel seine Geschichtsprüfung früher machen. Andere können Leistungen aus einem dritten oder vierten Jahr einbringen. Eigentlich wird dort vom Menschen her gedacht – und genau das ist unser Prinzip. Warum gilt das nur für Elitesportler? Warum nicht auch für Menschen, die sich politisch engagieren oder wegen Krankheit mehr Zeit brauchen? Bei SportschülerInnen respektiert man den individuellen Weg. Im Regel-Abitur dagegen fällt die Entscheidung innerhalb weniger Wochen, und alle müssen weitgehend gleichzeitig geprüft werden. Das sind Dinge, die Veränderung brauchen – aber kaum jemand wagt sich da ran.

Künstliche Intelligenz übt eine enorme Faszination und zugleich viel Druck auf die Lernkultur aus. Was bedeutet diese KI-Revolution für Ihre Form des Abiturs?

Wir wissen nicht, was in ein oder zwei Jahren mit KI sein wird. Deshalb wäre ich mit Prognosen vorsichtig. Am klügsten wäre es, das Schulsystem insgesamt zu einem lernenden System zu machen, um auf Veränderungen zeitnah reagieren zu können.

Aber KI verändert das Lernen doch!

Ja, KI ermöglicht, um nicht zu sagen, erzwingt eine ganz andere Lernkultur. Jede Schülerin und jeder Schüler kann sich mithilfe von KI Fragen erklären lassen, Beispiele bekommen oder Aufgaben erzeugen, die beim Lernen weiterhelfen – etwa in Mathematik beim Satz des Pythagoras. Das heißt wir haben durch die marktüblichen Großen Sprachmodelle, besonders aber durch spezialisierte Schul-KIs eine sehr leicht zugängliche Möglichkeit, Lernen auch zu individualisieren.

Hugo von Trimberg wollte Bücher nicht in Schülerhand geben. Eine sehr ähnliche Debatte führen wir jetzt bei KI.

Könnte man die KI in der Abiturprüfung nicht einfach verbieten?

Hugo von Trimberg war im 13. Jahrhundert Lehrer an der Stiftsschule in Bamberg. Er wollte noch vor Einführung des Buchdrucks Bücher nicht in Schülerhand geben, weil er glaubte: Was Schüler nicht selbst geschrieben haben, können sie nicht so gut; zudem werde der Lehrer überflüssig. Eine sehr ähnliche Debatte führen wir jetzt bei KI. Manche glauben, Veränderungen durch Verbote aufhalten zur können. Unser Punkt muss aber sein: Wir müssen proaktiv damit umgehen, sonst werden wir zu Getriebenen.

Was heißt das konkret?

Wir sollten Strukturen schaffen, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, kritisch mit KI umzugehen. KI ersetzt nicht die Lehrerinnen und Lehrer – aber sie verändert deren Rolle. KI ersetzt auch nicht das Schreiben von Hand. Deswegen sollten wir sehr kritisch prüfen, was wir zulassen. Aber es wäre zugleich verrückt, diese neue Technologie nicht zu nutzen, um Lernprozesse zu intensivieren und zu vertiefen und die Selbstlernkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Die Governancestruktur von Schule, also die KMK, ist schon zu langsam, um das Abitur zeitgemäß zu gestalten. Ist sie in ihrer derzeitigen institutionellen Verfassung überhaupt fähig, mit den rasanten Veränderungen durch KI mitzuhalten?

Wenn sie nicht reformfähig wäre, würden wir als Initiative Flexible Oberstufe uns nicht so ehrenamtlich dafür engagieren. Allerdings gibt es strukturelle Hemmnisse, die Reformen enorm schwierig machen. Die Konferenz der Bildungsminister, wie sie heute heißt, ist in ihrer derzeitigen Verfassung allerdings selbst ein strukturelles Hemmnis. Das war mal anders.

Wann?

Anfang der 1970er-Jahre hatte sie selbst eine Idee für Reformen, da gab es bis tief in die CDU hinein eine große Offenheit für Reformen und Beteiligung der Schulen an Reformprozessen Zurzeit ist es aber oft umgekehrt: Schulen, die etwas Neues wollen und innovativ arbeiten, wirken wie Störenfriede; die anderen gelten als die normalen Schulen. Man müsste es umdrehen: Normal sind die Schulen, die sich auf den Weg machen und Neues schaffen. Und zum Störfaktor werden die Strukturen und Personen, die Veränderung verhindern. Dieser Wechsel im Denken wäre entscheidend.

Die KMK ist ein Gremium der Exekutive. Es gibt kein Antragsrecht für Eltern oder Lehrer. Es gibt auch keine Praxis, Schulen und andere Akteure im Reformprozess anzuhören.

Friedemann Stöffler

Schaffen eigentlich alle Länder den Start 2027 für die Schülerinnen und Schüler, die dann in die Oberstufe kommen? Also können die Bundesländer ihre eigene Reform überhaupt umsetzen?

Ich bin kein Experte dafür, wie weit die einzelnen Ministerien an dieser Stelle sind. Ich glaube, sie werden das im Wesentlichen schaffen. Nur wird sich dadurch nichts Grundsätzliches ändern. Deshalb ist auch nicht die entscheidende Frage, ob diese Veränderung umgesetzt wird. Entscheidend ist, dass diese Veränderung nicht die letzte bleibt.

Wie kann es eigentlich sein, dass die Kultusminister seit Jahren in ihren Gremien Abitur und Oberstufe diskutieren, ohne Schulen, Lehrkräfte und Eltern auch nur zu informieren?

Die Kultusministerkonferenz ist ein Gremium der Exekutive und nicht der Legislative. Sie ist älter als der Bundesrat, war also vor den heutigen föderalen Strukturen da. Es gibt kein Antragsrecht für Elternvertretungen, Lehrerverbände oder andere Verbände. Es gibt auch keine Praxis, Schulen und andere Akteure im Reformprozess anzuhören. Es gibt keine öffentlichen Protokolle und offiziell keine Anhörungen. Man weiß teilweise nicht einmal, wer in den Gremien sitzt, wenn man den Mitgliedern schreiben will. Letztlich haben wir an dieser Stelle ein erhebliches Demokratiedefizit. Auch andere Kommissionen haben gefordert, die Verfahren so zu verändern, dass eine offene Debatte entstehen kann.

Dabei ist das Abitur wahrscheinlich das Schulthema, das die Bildungsrepublik am tiefsten bewegt.

Ja, gerade über die Struktur des Abiturs müsste öffentlich diskutiert werden. Das war auch ein Grund dafür, dass wir den Kongress am 18. und 19. September selbst veranstalten: Wir haben gemerkt, dass die bundesweit notwendige öffentliche Debatte über das Abitur von der KMK nicht angestoßen wird. Und diese öffentliche Debatte kann nicht in nur einem Bundesland geführt werden, sie muss bundesweit stattfinden.

Ist das nicht, in meinen Worten, ein Skandal, dass man das Abitur in Deutschland verändern kann und kaum einer bekommt es mit?

Es ist vor allem eine vertane Chance. Für unsere gesamte Gesellschaft ist es enorm wichtig, dass wir aus den Schulen Menschen bekommen, die selbstständig und kritisch denken können, im Team arbeiten und dadurch fähig werden, unser Land zukunftsfähig mit zu gestalten. Wenn hier nicht alle mit einander diesen Veränderungsprozess wollen und gemeinsam gestalten, dann werden wir den transformativen Wandel nicht schaffen.