Empirie mit der Wünschelrute: Forscher und Tagesspiegel attackieren Grundschule

In #Berlin hat Schulforscher Hans Merkens zwei Grundschulstudien verglichen. Er entdeckt dabei moderate Differenzen zw den Mathe- und Leseleistungen der Schüler nach dem ZWEITEN SCHULBESUCHSJAHR von Migranten und Autochthonen. Der Tagesspiegel jazzt das Ergebnis zu einem Aufmacher hoch – und stellt Früheinschulung sowie jahrgangsübergreifendes Lernen grundsätzlich infrage. Das ist m.E. unseriös. (Tagesspiegel Studie) Die Zeitung schwingt sich sogar zu dieser – kenntnisfreien – Bemerkung auf (Nowakowski im Kommentar):

Ignorieren, was man nicht wissen will: danach handelte die Bildungsverwaltung und gab nie eine Studie in Auftrag.

Das ist barer Unsinn: JÜL ist eine gründlich vorbereitete und untersuchte Lehrform, in Baden-Württemberg genau wie in Berlin. (Siehe unten Nachklapp und Literatur)

Der Tagesspiegel ist unseriös, weil in seinem Text keine einzige Zahl genannt wird: Um wie viel Punkte/Prozent haben sich die Kompetenz-Werte der Grundschüler nach oben oder unten bewegt? Man weiss es nicht. Ehrlich gesagt, gibt es kaum welche. Merkens selbst spricht in seinem Text von geringen Unterschieden.

Was in Berlin stattfindet, ist ein einschneidender Wandel der Lehr-Lernkultur – der Schüler und GENAUSO DER LEHRER. Das kann man messen, man soll sogar. Aber nicht um daraus voreilige politische Schlüsse zu ziehen oder uninformierte Aufmacher zu stricken. Man muss daraus pädagogische Unterstützungen ableiten, also mehr Fortbildung und Unterstützung für die Schulen geben.

Ich finde Empirie wichtig; ich möchte wissen, wie sich Leseleistungen (und andere Kompetenzen nach dem Literacy-Konzept) verändern – und zwar IN ABHÄNGIGKEIT etwa von sozialem Hintergrund, Bücherbesitz oder auch der Nutzung(-sdauer) von digitalen Bildschirmgeräten.

Aber bitte nicht mit der politischen Wünschelrute. Kleine Unterschiede in den Leseleistungen nach so kurzer Zeit von Schrift-Spracherwerb zu messen – und das bei einem Reformbündel, das erst sehr kurz in Kraft ist, – kann nur dann Sinn machen, wenn man zu entsprechend kontextuellen Bewertungen kommt.

Nachklapp und Literatur:

Hier folgt, erstens, die außerordentlich dürre und nichtssagende Zusammenfassung der Studie von Hans Merkens. (in Screenshots)

Und, zweitens, die bemerkenswerte Feststellung, dass Merkens die Evaluierung und wissenschaftliche Begleitung von #JÜL durch Kucharz und Wagener einfach ignoriert. Er hat sie nicht zur Kenntnis genommen. Starkes Stück, wenn ein Wissenschaftler wie Merkens DIE relevante wissenschaftliche Literatur seines Gegenstandes übersieht.

Kucharz, Dietmut / Wagener, Matthea: Jahrgangsübergreifendes Lernen, Eine empirische Studie zu Lernen, Leistung und Interaktion von Kindern in der Schuleingangsphase. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2007. In: EWR 6 (2007), Nr. 3 (Veröffentlicht am 12.06.2007)

Siehe auch hier Ba-Wü

Rezension, siehe hier

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