Der Vergleich hinkt zweifellos an vielen Stellen. Aber vielleicht macht es Sinn, ihn doch einmal zu ziehen: Ähnelt das widersprüchliche Neben- und Übereinander von technischer (kommunikativer) Revolution und reaktionärer Rückwartsgewandtheit in der Kaiserzeit/Industrialisierung vielleicht unserer Situation heute?

Zur Erinnerung: Im Deutschen Reich ähnelte der Zuwachs an Fernsprechstellen in seiner Dynamik (plus 1000 Prozent nach 1872) durchaus der Ausbreitung von smartphones und anderer Kommunikationsgimmicks heute. Die Sprechmöglichkeiten explodierten damals, die neue Industrienation kommunizierte auf dem Niveau des 20. Jahrhunderts.

Gleichzeitig erschien anno 1890 mit Julius Langbehns „Rembrandt als Erzieher“ eine Hommage an ein Bildungsideal aus dem beginnenden 17. Jahrhundert. Ein versponnen-reaktionäres Pamphlet, das in unendlichen 39 Auflagen unter das Volk gebracht wurde.

Und heute? Füllt Manfred Spitzer die Hallen in der Provinz. Er, der ganz weit oben in den Bestsellerlisten rangiert, rät nervösen Müttern, ihren 14-jährigen Söhnen das Internet ganz einfach zu verbieten.

Wieso hinkt der Vergleich?

Weil Spitzers Wirkung gar nicht vergleichbar ist mit der des Rembrandtdeutschen. Sie ist kleiner.

Und es gibt noch einen Widerhaken: Die Sprache Langbehns, diese halbesoterische Verkündungspredigerei auf eine neue helle Zukunft, sie wird nicht von Spitzer gesprochen, sondern von den naiv-quirligen Propagandisten des Internets.

Geschichte wiederholt sich eben nicht.

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