Ich erspare mir zu fragen, wieso Lehrer der einzige Berufsstand sein sollten, über den niemand etwas sagen darf – außer Lehrern. In diesem Sinne äußerten sich gefühlte 80 Prozent der Pädagogen nach der ZDFlogin-Sendung von Mittwoch. Wieso darf man Lehrer nicht kritisieren? Weil man eben selber noch gar nicht vor einer Klasse gestanden habe.

Kritik nur von innen und von Leidensgenossen zuzulassen – das stellt, pardon, das intellektuelle Modell westlicher Demokratien infrage. Ich empfehle beleidigten Lehrern mal die Dreyfus-Affäre in Frankreich und die Spiegel-Affäre der jungen Bundesrepublik zu studieren, und zwar als Pflichtlektüre.

Gerade hat jemand auf meinen Text über unfähige Lehrer aus der FAS geantwortet. Ich verstehe die Antwort nicht ganz. Da wird zugegeben, dass es miserable Lehrer gibt. Aber ohne diese wichtige Frage weiter zu besprechen, kommt der Autor umstandslos darauf zu sprechen, dass es auch schlechte Schüler gebe. Aha – und nun? Ohne auszusprechen, was daraus folgen sollte – Rausschmiss, Nachhilfe, Sitzenbleiben – geht es dann munter weiter, quer durch den Gemüsegarten der Schulformen über die Inklusion zu einer allgemeinen Gesellschaftskritik. Aber was folgt daraus? Ich jedenfalls erkenne die Intention des Autors nicht: Der Staat hat eine Schulpflicht kodifiziert, er hält Schulen vor, bestückt sie mit Lehrern usw. usf. – da ist es doch ganz ganz logisch, dass er für ausreichend qualifizierte Lehrer sorgen muss, oder? Warum verrät uns der Autor sein Patentrezept nicht?

Kraus: „Bestimmte Lehrer“ nicht 2x in die selbe Klasse

Nun sagen viele Rektoren, sie würden gerne die sehr schlechten Lehrer NICHT MEHR AUF DIE KINDER LOSLASSEN. So ist das. Das führte sogar der Oberlehrer Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, bei @zdflogin (hier die Kompaktversion) aus, er sagte in der Sendung, er wolle manchen Lehrer am liebsten „auf den Mond schießen – und zwar ohne Rückfahrkarte.“ Und nach der Sendung verriet Kraus im kleinen Kreise, was sein wichtigster Job als Schulleiter sei:

Dafür zu sorgen, dass bestimmte Lehrer nicht zwei Jahre hintereinander die selbe Klasse bekommen – weil sie dort zu großen Schaden anrichteten. Noch Fragen?

Was will nun der Autor des kritischen Gegentextes eigentlich? Will er die Schüler rauswerfen? Die Schüler also abservieren, für die der Staat eine Schulpflicht definierte? Er verrät es nicht, weil seine Lösung mit der Verfassung eines demokratischen Landes absolut unvereinbar ist: man darf nämlich Schüler nicht dauerhaft vom Unterricht ausschließen.

Lehrerdiskussionen in Deutschland sind seltsam

Man muss eine Geschichte erzählen, die viel über den Berufsstand des Lehrers erzählt und jene, die in ihn eintreten wollen. Man bekommt ein Mail, in dem sich eine Grundschul-Studentin empört, sie habe einen Noten-Schnitt von 1,5, der böse pisaversteher habe aber erzählt, Grundschullehrer hätten so furchtbar schlechte Abi-Noten. Was habe ich getan: Ich habe eine Untersuchung referiert, die ganz aktuell und sehr valide ist. (Siehe unten) Dass ich damit natürlich nichts über die Noten einzelner Lehrer aussage oder es tun wollte, ist selbstverständlich – aber eben nicht für Lehrer. Sie fühlen sich immer ganz persönlich angegriffen, wenn man über ihre Zunft, deren sozial-ökonomische Bedingungen und deren Herkunft spricht. Warum ist das ein Problem? Weil diese Leute, die total bewusstlos über sich und ihren Beruf sind, Schüler in kritisches und reflexives Denken einüben sollen.

Beamtenfunktionär mit Tarnkappe

Und man muss auch diese Geschichte erzählen: da fragt ein Lehrer scheinbar unbedarft via Twitter und je länger die Twitter-Debatte dauert, desto klarer wird, dass der Typ einfach ein stupender Funktionär ist. Und – er ist es. Die Antwort kommt bisschen umständlich, aber dann entpuppt er sich als Realschule-Beamtenbunds-Lobbyist. Wobei man wissen muss, dass Realschul-Funktionäre das härteste ist, was sich auf dem Markt des Schullobbyismus finden lässt. Denn bei der sukzessiven Integration von Schulen sind die Realschulen die ersten, die mit den doofen Hauptschulen (ihre Worte) fusionieren.

Der lästige unproduktive Diskurs mit den x standesrechtlichen Lehrer-Untergruppen, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben und die natürlich alle total unverwechselbar und unterschiedlich (aus)gebildet sind, wird sich m.E. schrittweise von selbst erledigen. Denn: die Integration der Schulformen schreitet fix voran. Bald wird es keine Lehrämter mehr geben, keine Grund-, Haupt-, Real-, Gesamt-, Ober-, XYZ-Schul-Lehrer mehr, sondern einfach: Lehrer!

Maulereien ad personam

Auf dem Weg dahin gibts paar Enttäuschungen: öffentliche, persönliche Diffamierungen. Sagst du, dass Lehrer als soziologische Gruppe hier oder da ein Problem haben, dann antworten Lehrer mit Maulereien ad personam. Interessant.

Für alle, die des Lesens mächtig sind, hier mein Eingangsstatement aus der Sendung. Ich habe die entscheidenden Stellen gefettet, sodass man u.U. erkennen kann, dass ich nicht pauschal alle Lehrer rausschmeißen will, sondern nur Antworten für eine genau definierte Spezies erwarte. Ich finde Lehrer grundsätzlich toll. Toll und wichtig.

Es gibt viele exzellente Lehrer. Umso schlimmer ist es, wenn pädagogische Totalversager das Lernen versauen. Sie [die pädagogischen Versager] verhindern gute Schule. Vor allem aber gefährden sie ganze Schülergenerationen. Ein guter Lehrer bedeutet alles für die Talente eines Kindes. Ein schlechter Lehrer sollte den Job wechseln. Das heißt, er muss kündbar sein.

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