Update: pisaversteher wird die wichtigsten online verfügbaren Studien zum Vergleich von G8/G9 am Ende dieses Beitrags sammeln.

Heftige Debatte um G8

Gerade wird heftig über das Gymnasium mit acht Jahren diskutiert, das G8 oder Turbo-Abitur. Soll man es, zwei Jahre, nachdem der erste Jahrgang durchgelaufen ist, schon wieder ganz abschaffen? Pisaversteher hat dieser Tage bei Spiegel Online Ergebnisse von Forschern vorgelegt und hat am Freitag im Freitag weitere unveröffentlichte Studien zitiert, die belegen: G8 ist nicht stressiger als G9 und führt auch nicht zu schlechteren Ergebnissen. Bildungsforscherin Svenja Kühn von der Uni Duisburg-Essen findet es schwierig, flächendeckend zum G9 zurück zu kehren. Zu viele mit G8 zufriedene Schulen und Schüler würden dabei übergangen. Und die Rückreform sei viel zu aufwändig. Die vielen kritischen Elterninitiativen werben zum Teil damit, dass die Rückkehr zum G9 „in einem halben Jahr gut machbar“ sei. Das freilich ist unmöglich, wie man am Beispiel Niedersachsen sehen kann. Überhaupt ist das rot-grün regierte Land sehr hilfreich – um zu sehen, wie man es nicht machen darf.

Freitags Aufmacher (Ausriss, siehe unten)FreitagG8

„G9-neu pädagogisch nicht geändert“

Wenn das Land Niedersachsen komplett zum Gymnasium G9 zurückgekehrt sein wird, schreiben wir das Jahr 2022. Das hieße dann, dass man in Niedersachsen 20 Jahre Schulreform am Abitur betrieben hat – für nichts. Denn dann wäre man zwei Jahrzehnte nach dem Beginn der Abiturreform zum Gymnasium mit den gleichen pädagogischen Unzulänglichkeiten zurückgekehrt, die es schon immer hatte. Svenja Kühn hat die nach den ersten Elternprotesten wieder eingerichteten Gymnasien G9 unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind mehr als ernüchternd. Sie hat die grundsätzliche Beobachtung gemacht, „dass die Mehrheit der Lehrkräfte ihre Unterrichtspraxis durch die Einführung von G9-neu nicht verändert hat.“ (Kühn, Svenja: Gymnasiale Strukturreformen und individuelle Förderung: Routine oder Veränderungsimpuls? – erscheint demnächst)

Resümee: „die Befunde für die Mehrheit der Lehrkräfte weisen auf relativ starre Unterrichtsroutinen am Gymnasium hin, die gegenüber veränderten äußeren Rahmenbedingungen äußerst beständig zu sein scheinen.“

Die Rückkehr Niedersachsens zum G9 lohnt es, genauer betrachtet zu werden. Sie ähnelt, wenn auch in der anderen Richtung, der gezielten Einführung von oben durch Edmund Stoiber. Bayerns damaliger Ministerpräsident entschied Anfang der 2000er Jahre quasi im Alleingang, das Abitur nach 12 Jahren einzuführen. Er zwang seine Kultusministerin Monika Hohlmeier praktisch dazu.

Rot-Grün hat das in Niedersachsen selbstverständlich ganz anders gemacht. Aber die Methode top-down war die gleiche. Die Regierung berief eine Kommission, um u.a. mit Elternverbänden und Lehrerorganisationen darüber zu beraten, wie mit dem schnellen Abitur umzugehen sei. Die Kommission, genannt Dialogforum, diskutierte einige Wochen und erstellte dann einen Abschlussbericht. Aber es war nicht die Kommission, die entschied, dass Niedersachsen zum G9 zurückkehren soll. Das Dialogforum empfahl das nicht einmal. Das war gar nicht möglich – denn die Kommission war sich darüber höchst uneinig. Einigkeit bestand darin, dass das G8 überstürzt eingeführt und dass es nicht durch pädagogische Reformmassnahmen unterlegt worden war. Eine komplette Rückkehr zum G9, das war kein Konsens des Dialogforums.

Rot-Grün kaschiert top-down

Den brauchte es auch nicht, denn diesen Willen bestimmte Ministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) gleich selbst. Sie entschied, dass Niedersachsen komplett zum G9-Gymnasium zurückkehren werde. Und sie verkündete das auch ganz offenherzig. „Mit der Entscheidung für ein neues, modernes Abitur nach 13 Jahren“, sagte die Ministerin vergangene Woche im Landtag, „hat die Landesregierung eine wesentliche Festlegung aus der Koalitionsvereinbarung von SPD und Bündnis 90/Die Grünen erfolgreich erfüllt.“ Mit anderen Worten: Das Dialogforum hat lediglich dazu gedient, eine Entscheidung mit öffentlicher Legitimation zu versehen, die bereits getroffen war.

Bei Rot-Grün muss es eben demokratisch aussehen.

An einer anderen Stelle war das Dialogforum aber ehrlich – die Rückkehr zum G9 erfordert einen großen Aufwand. Es müssen ein Gesetz und 13 Erlasse und Verordnungen geändert werden. Zeit umzudenken für die Bürger, denn in ihrer Vorstellung wird gerade verankert, dass man zum G9 zurückkehrt gerade so, als ob man ein altes Fahrrad, das noch funktioniert, aus dem Schuppen holt und einfach wieder losfährt. So ist es aber nicht. Das alte Fahrrad wurde komplett umgebaut. Es wurde am Rahmen gesägt und dann wurden alle funktionalen Einzelteile darauf hin angepasst: Die Größe der Räder, die Länge der Kette, der Lenker. Alles wurde verändert. Und das muss jetzt wieder zurückgebaut werden. Mit anderen Worten: Niedersachsen schickt sein Gymnasium zwecks Totalumbau in die Werkstatt – zum zweiten Mal binnen zehn Jahren.

Das bedeutet, die Rückkehr zum G9 ist der Akt einer Wahnsinnsrepublik. Sie beruht auf falschen Tatsachen, resultiert auf der fatalen Liaison zwischen unfähigen Politikern und frustrierten Eltern und er führt zu keinem Fortschritt. Aber sie dauert – 20 Jahre.

* Milde-Busch befragte SchülerInnen von G8/G9 nach Schmerzsymptomen; Anlass waren die heftigen Vorwürfe, das G8 mache krank. Ergebnis: „Statistisch gesehen, gebe es laut dieser Studie keine nachweisbaren Unterschiede zwischen den Jahrgängen bei der Häufigkeit von Kopfschmerzen oder anderen körperlichen Beschwerden.“ Allerdings: Beide Gymnasialjahrgänge waren körperlich belastet. Das hieße dann, in der Logik der G8-Protestanten, das Gymnasium abzuschaffen?!?

* Kess/Lau: Im Vergleich der Leistungen zwischen G8- und G9-Abiturienten zeigte sich, dass es kaum Leistungsunterschiede gibt

* NIW. Das niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung untersuchte zwei Jahrgänge in Sachsen-Anhalt. Ergebnis: die G8er sind in Mathematik schlechter als die G9er, in Deutsch lassen sich keine Unterschiede nachweisen. Das NIW untersuchte die Persönlichkeitsentwicklung und stellte dabei fest: Keine. Unterschiede zwischen G8 und G9.

G8-Schüler in BaWü: mehr Zeit für Orchester und Sport als G9er

* Tübingen:

Dem Freitag liegen zum Teil unveröffentlichte Studien von zwei renommierten deutschen Forschungsgruppen vor. Diese haben G8 und G9 nüchtern verglichen, ihre Erkenntnisse sind so valide wie stabil. „Es konnten keine erheblichen Unterschiede zwischen G8 und G9 festgestellt werden“, lautet die Zusammenfassung von Jochen Kramer. Er leitet die Studie der Tübinger Abteilung für „Empirische Bildungsforschung & Pädagogische Psychologie“, welche die baden-württembergischen G8 und G9-Abiturienten wissenschaftlich befragte.

Die G8-Abiturienten schnitten zum Beispiel nur um 0,07 Notenstufen schlechter im Abitur als ihre Mitschüler ab, die ein Jahr mehr zum Abi Zeit hatten. Sie berichteten ein „Belastungserleben“, das um 0,18 Stufen stärker waren. Sie gaben gesundheitliche Beschwerden an, die um 0,06 Punkte über den G9ern lagen. Es finden sich lauter minimale Unterschiede – bis auf einen: Die G8-Absolventen sind ein Jahr jünger als die des G9. Das war der Plan. Die Mission G8 ist erfüllt.

„Wir haben in der Tendenz etwas mehr gesundheitliche Beschwerden bei den G8-Schülern gefunden“, sagt Kramer. Er schränkt aber ein, dass „die Unterschiede so gering waren, dass man sich fragen kann, ob sie praktisch bedeutsam sind. Und wir wissen auch nicht, ob sie auf das G8 zurückzuführen sind, denn es gab parallel noch andere Veränderungen wie die Umstellung der Lehrpläne.“

Die Tübinger Arbeitsgruppe untersuchte aber noch etwas anderes: Wie viel Zeit steht den G8-Abiturienten zur Verfügung – neben dem Unterricht. Das ist die Gretchenfrage, die Eltern von G8-Schülern stets herausheben, wenn sie über das G8 klagen: Die Kinder haben für nichts mehr Zeit! Die Wahrheit der Forscher, die über 2.500 Abiturienten befragt haben, sieht anders aus. Die G8-Schüler hatten nach ihren eigenen Angaben tatsächlich weniger Zeit für ihre Freunde – eine halbe Stunde pro Woche, genau: statt 11,5 Stunden nur 11 Stunden. Sie hatten auch 15 Minuten weniger Zeit für Jobs. Aber die G8er hatten noch Zeit für Nebenjobs. Für Orchester, Sport, Computer und ihre Eltern nahmen sie sich sogar mehr Zeit als ihre G9-Konkurrenten.

 

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