Individualisiertes Lernen, gefährliche Nähe zum Kind, die Katastrophe im Odenwald und die Blindheit der Gemeinde

Reformpädagogen wollen, dass Kinder selbstbestimmt lernen. Reformschulen ist daher eigen, dass sie Schülern mehr Freiheit und Verantwortung für ihr Lernen übergeben. Das bedeutet zum Beispiel, dass es so genannte Wochenplan- oder Freiarbeit gibt, bei der die Kinder ihr Lerntempo bestimmen. In Lernprojekten und -werkstätten wählen sie sogar die Themen aus. „Wir unterrichten Kinder, nicht Fächer“, nennt Jens Großpietsch, Leiter der reformpädagogischen Gemeinschaftsschule Heinrich-von-Stephan in Berlin das Grundprinzip.

Individuelles Lernen

Statt von Unterricht spricht man an Reformschulen gern von individualisiertem Lernen. Es gehen nicht mehr ganze Klassen im Gleichschritt durch den Lehrplan, sondern jedes Kind bestimmt seine Lernfortschritte individuell. Diese Lernform ist wahrscheinlich der größte Impuls, den die Reformpädagogen den Regelschulen gegeben haben. Vor allem nach dem Schock, den die internationalen Pisa-Studien ausgelöst haben, ist das Konzept „in Beziehung und individuell lernen“ interessant geworden. Denn viele Eltern haben das Gefühl dass die Staatsschule versagt. Sie sehnen sich nach nicht-frontalen, selbstgesteuerten Lernformaten für ihre Kinder, die mehr Geborgenheit bieten als die Lehrplanschule.

Die Reformpädagogik stammt aus der Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert. In ganz Europa entstand damals eine Gegenbewegung zu den Lehranstalten, in denen – überspitzt gesagt – Wissen mit Drill und Rohrstock in Schüler eingetrichtert wurde. Ellen Key und andere Reformpädagogen versuchten hingegen, Schüler nicht allein als Lernende, sondern als Kinder, die Spaß am Lernen haben sollten. Es wurde das „Jahrhundert des Kindes“ ausgerufen. Reformpädagogen wie Maria Montessori oder Peter Petersen entwickelten verschiedene Reformkonzepte, Unterrichtsformate und Lernmaterialien. Bei aller Verschiedenheit haben die Strömungen eines gemeinsam: Die Nähe zum Kind.

Montessori, Steiner, Summerhill

Die wichtigsten reformpädagogischen Strömungen sind die Montessorischulen, die Waldorfschulen (Steiner), die graswurzeldemokratischen Alternativschulen (Vorbild Summerhill), die Jenaplan-Schulen (Petersen) und die Landerziehungsheime, die in Deutschland um 1900 die Vorhut der reformpädagogischen Schulen waren. Die wichtigste von ihnen ist die Odenwaldschule Oberhambach, kurz OSO, 1910 von Paul Geheeb gegründet. In den 1970er Jahren sind weitere stilbildende Reformschulen entstanden, etwa die Laborschule und das Oberstufenkolleg in Bielefeld oder die Glockseeschule in Hannover. Einen weiteren Boom haben Reformschulen nach der Wiedervereinigung im Osten der Republik erlebt, als unter dem Dach evangelischer Schulstiftungen reformpädagogische Konzepte zur Basis von über 100 Neugründungen gemacht wurden.

Die Reformschulen sind oft privat. Ihre Lernformen werden aber längst von staatlichen Schulen adaptiert. Staatliche Grundschulen praktizieren seit längerem den Verzicht auf Noten oder das jahrgangsübergreifende Lernen. Auch die Gesamt- und die neuen Gemeinschaftsschulen orientieren sich an reformpädagogischen Vorbildern. Individuelle und beziehungsreiche Lernformate werden aktueller denn je durch die Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention. Darin verpflichten sich die Bundesländer zur Inklusion, das heißt, grundsätzlich jedem behinderten Kind den Zugang zur Regelschule zu ermöglichen. Der gemeinsame Unterricht geht nur durch individualisiertes Lernen.

Gefährliche Nähe zum Kind

Dennoch steckt die reformpädagogische Bewegung in einem Dilemma. An der lange wichtigsten deutschen reformpädagogischen Schule, der Odenwaldschule, wurde ihre Grundidee missbraucht: Die Nähe zum Kind. Mehrere pädosexuelle Lehrer haben dort über viele Jahre Schülern sexualisierte Gewalt angetan; ein Untersuchungsbericht nennt 125 Opfer.

Als Haupttäter gilt der damalige Leiter der Schule, Gerold Becker. Er war, neben seinem engen Freund und Mitbewohner Hartmut von Hentig, der wichtigste und prominenteste Reformpädagoge der 1970er und -80er Jahre in Deutschland. „Der Gerold konnte die Reformpädagogik so gut erklären wie kein zweiter“, sagte die reformpädagogische Gemeinde über ihn. Er trat oft im Fernsehen auf und hielt 1978 in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf Astrid Lindgren als Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Zuhause in der Odenwaldschule hatte er auf dem Nachttisch in seiner Internatsfamilie stets ein Dose Vaseline stehen. Opfer Beckers berichten, er habe sie gebraucht, um seine Schüler besser vergewaltigen zu können. Insgesamt fielen 86 Jungen dem Schulleiter zum Opfer, die Zahl stammt aus dem halbamtlichen Untersuchungsbericht.

Die Treue der reformpädagogischen Gemeinde zu Becker ist nicht endgültig gebrochen.

„Wo sollte er denn hin mit seiner Sexualität“, fragte einer der wichtigsten Reformpädagogen des Landes (der dieses Zitat anschließend sperren und verbieten ließ).

Man müsse zugeben, sagte ein anderer, dass Becker nur zu einem Teil ein Monster gewesen sei; im übrigen sei Becker ein glänzender Pädagoge gewesen. (Dieses Zitat darf namentlich nicht verwendet werden. Es stammt von einem Mann, der beinahe jede Woche auf einem Podium irgendwo in Deutschland davon erzählt, wie wunderbar Reformschulen sind.)

Nationalisten, Schrate, Euthanasierer, Päderasten

Sieht man genauer hin, so erkennt man, dass Gerold Becker kein Einzelfall war. An der Wiege der Reformpädagogik standen zum Teil merkwürdige Figuren. Zu ihnen gehören nicht nur Nationalisten wie Hermann Lietz, Esoterische Waldschrate wie Paul Geheeb, Euthanasie-Befürworterinnen wie Ellen Key oder Mussolini-Umschmeichlerinnen wie Maria Montessori.

Die Päderastie selbst ist als „pädagogischer Eros“ doppelt in das Stammbuch der Reformpädagogik eingeschrieben:

Pädokrimineller Schulreformer

Erstens durch die Person Gustav Wynekens, einem fanatischen und verurteilten Päderasten – der in der Szene der Reformpädagogen gleichwohl als der eloquenteste und demokratischste Schulreformer gefeiert wird, bis heute. Wyneken ist Galionsfigur der frühen deutschen Reformpädagogik. Und zugleich die Verbindungsperson zur Jugendbewegung, einer von Anbeginn semi-pädosexuellen Veranstaltung älterer Herren, die in der sogenannten Knabenliebe einen weihevollen Akt zur Zeugung politischer Bünde sahen.

Zweitens in der Päderastie der alten Griechen, die den pädagogischen Eros erfunden haben. Der Eros, entwickelt in der Schrift Symposion von Platon gilt als das Gründungsdokument der europäischen Philosophie und Pädagogik – und zugleich als Rechtfertigung für sexuelle Gewalt gegen Jungen. Pädagogischer Eros wurde von Platon als eine geistige und sexuelle Verkehrsform definiert: Die höchste Stufe des Eros ist die körperlose Liebe, die zweithöchste der geschlechtliche Verkehr mit einem Jungen.

Die Gemeine debattiert – nicht

Der Fall der Odenwaldschule hat eine intensive Debatte über die reformpädagogischen Ideen ausgelöst. Ausgerechnet von Teilen der Anhängerschaft wird sie aber vehement abgelehnt. Die reformpädagogische Community hat sich dem Thema bislang nicht aufklärerisch genähert. Es gibt bisher keinen Kongress, keine Tagung, bei der explizit die Frage gestellt wird: Was kann und muss die Reformpädagogik aus ihrem angeborenen Herzfehler lernen? Kann man einer Pädagogik weiter nach dem Mund reden, die den sexuellen Übergriff als ihre Gründungsidee versteht?

Von anderen wird sie indes aufgegriffen. Matthias Hofmann, Berliner Lehrer einer Freien Schule, hat 2013 ein Buch geschrieben, in dem er erstmals für die Ebene der Pädagogen herausarbeitet, wie viele Schreibtischtäter sich unter den hochdekorierten Reformern von Key bis Petersen, von Lietz bis Wyneken befinden. „Gerade in den Freien Schulen gibt es einen großen Bedarf an Auseinandersetzungen wegen der besonderen Nähe, die in solchen Schulen zwischen Erwachsenen und Kindern bestehen“, heißt es etwa in einem neu erschienen Buch des „Bundes Freier Alternativschulen“.

Montessorischulen arbeiten nach dem Konzept der italienischen Ärztin Maria Montessori, die behinderte und kranke Kinder integrieren wollte. Die entwickelte dazu Materialien z.B. für das begreifende Lernen von Zahlenräumen. Montessorischulen sind bei einer Elternklientel sehr beliebt, die ihrem Kind mehr Zeit geben will. Es gibt 400 Montessorischulen, von denen 300 Grundschulen sind; etwa zwei Drittel sind in privater Trägerschaft.

Die privaten Waldorfschulen sind mit 232 Schulen die zweitgrößte geschlossene Gruppe von Alternativschulen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Gesamtschulen sind. Sie bieten spezielle Lernformate an, zum Beispiel den Epochenunterricht (langfristige Projektarbeit) oder die Eurythmie, einen Ausdruckstanz. Waldorfschulen haben einen Schwerpunkt auf künstlerischer Ausbildung, jeder Lehrer verwendet die Lehrbücher, die er will. Waldorfschulen erwarten von Eltern viel Mitbestimmung und Mitarbeit.

Die rund 100 Freien und Alternativschulen sind oft Elterngründungen und am ehesten unter dem Prinzip Summerhill zu fassen. Das bedeutet, dass sie den Kindern viel Freiraum lassen und teilweise überhaupt keine Vorgaben fürs Lernen machen. Auch Freie Schulen fordern Mitarbeit.

Die etwa 20 Landerziehungsheime gehören zu den ältesten deutschen Reformschulen. Sie sind reformpädagogische Internate, die Schüler und Lehrer teilweise in so genannten „Internatsfamilien“ zusammen wohnen lassen. Die Idee besteht darin, die Trennung von Lernen und Leben aufzuheben.

Aus den Landerziehungsheimen hat sich der „Blick über den Zaun“ (BÜZ) entwickelt, ein Verbund mit rund 100 Reformschulen verschiedener Prägung. Sie arbeiten grundsätzlich nach dem Prinzip eines möglichst individuellen und selbstgesteuerten Lernens. Aus den BÜZ-Schulen wiederum entstand prominente „Deutsche Schulpreis“, mit dem die Bosch-Stiftung seit 2006 die besten deutschen Schulen auszeichnet. Die wichtigste Äußerung des Blick über den Zaun zum Missbrauch ist diese. Cornelia von Ilsemann laudatierte auf dem ersten Treffen des BÜZ Gerold Becker als großartigen Schulreformer – und erwähnte in ihrem Referat
wenige Monate nach Aufdeckung mit keinem Wort die Taten Beckers.

… nur über das Gute sprechen

Ilsemann, die eine prägende und leitende Funktion in der Kultusministerkonferenz hatte, erklärte hinterher, warum es ihr nicht nötig schien, auf die Missbrauchstaten von Becker einzugehen. „Das war ja nicht mein Thema. Ich sollte über Reformpädagogik heute sprechen“, sagte die höchste reformpädagogische Schulbeamtin. „Die Reformpädagogik sollte nicht vernichtet werden, reformpädagogische Ideen sind für Schulentwicklung nach wie vor sehr wichtig“

Literatur:

Ulrich Bartosch. Rezension vom 28.10.2014 zu: Damian Miller, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter? In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16370.php, Datum des Zugriffs 27.11.2014.

Füller, Christian. Sündenfall: Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. DuMont 2011

Hofmann, Matthias. Geschichte und Gegenwart Freier Alternativschulen, Klemm&Oelschläger 2013, 14,80 Euro, 159 S.

Kriesel, Nicola. Schätze bergen: Alltag in Freien Alternativschulen. Tologo 2014

Kullak-Ublick, Henning. Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten zur Waldorfpädagogik. Verlag Freies Geistesleben 2014, 19,90 Euro, 147 S.

Miller, Damian und Jürgen Oelkers (Hrsg.): Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 358 S.

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