Was heißt Reformpädagogik heute?

Für mich heißt das: Heinrich-von-Stephan-Schule, reformpädagogische Gemeinschaftsschule.

Und wieso?

Weil die Stephan-Schule mit ihrem Team Modelle und didaktische Konzepte auf eine komplizierte Klientel anwendet – ohne sie zu verabsolutieren und heilig zu sprechen.

Beispiel: Lernbüro und individuelles Lernen – das läuft hier ganz anders, wird immer neu justiert, und man verabschiedet sich dann auch von einem Aspekt wie dem Lernbüro. Und macht das individuelle Lernen halt anders.

Beispiel: Handy-Verbot. Das war vor ein paar Jahren gut begründbar, heute geht das nicht mehr. Und, schwupps, geht die Schule einen neuen Weg. Und lädt ein EduCamp zu sich ein.

Beispiel: Dass diese Flexibilität überhaupt geht, ist toll. Hier gibt es eine lebendige Demokratie, die von Schulleiter Großpietsch gleichwohl stark geleitet wurde. Und das ist auch gut so. Ich sehe andere Reformschulen, da darfst du nur ganz leise mit Birkenstockschuhen gehen und auf keinen Fall sagen, um was es geht. Das rosarote Bild darf nicht getrübt werden. Entscheidungen dauern Jahre. Das ist fast so schlimm wie an Waldorfschulen.

Das heißt: Die Stephan-Schule ist keine Schule der schönen Rede, so wie viele Reformschulen, die stets in eine mildes Licht getaucht werden. Etwa vom David Hamilton der Schulfilmerei Reinhard Kahl, in dessen „Treibhäusern“, wie er seine Schulen nennt, alles toll und schön ist. Oder von David Richard Precht, dem neuen Prediger.

Precht steht für die Schule der schönen Rhetorik auf eine besonders kitschige Art. Er preist in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ [„Alles an Prechts Diagnose stimmt, nichts an ihr ist originell.“] etwa das jahrgangsübergreifende Lernen der Jenaplanaschule in Jena und ihren Erfinder Peter Petersen in den höchsten Tönen. Die bittere Wahrheit ist, erstens, dass die Jenaplanschule seit Jahren eine schwere Krise durchläuft. Der eine Teil der Lehrer hat inzwischen die Schule verlassen, der andere versucht herauszufinden, was Petersens Lernmodell von Klasse 1 bis 13 in jahrgangsgemischten Gruppen heute eigentlich bedeuten kann.

Aber Precht kann den Jenaplan ganz ungeniert laudatieren, weil er, zweitens, nie da war. Er kennt die Schule überhaupt nicht. Er hat sein Wissen schlicht abgeguckt – in einem Film von Reinhard Kahl. Aber dieser Film ist mehr als zehn Jahre alt. Das heißt: Dieser Film und das, was sich dann Precht daraus zusammendichtet, das stimmt gar nicht. Es hat jedenfalls mit der realen Jenaplanschule nichts zu tun. Die freundlichen Jenaplaner haben Precht zu sich eingeladen. Der Philosoph hat die Schule, die er so toll findet, nicht einmal einer Antwort für würdig empfunden. Warum auch? Wozu sollte er die kritische Realität zur Kenntnis nehmen, wenn er aus der Ferne faktenbefreit die schöne Schule bejubeln kann!

Reformpädagogik heute heißt:

  1. kritisch reflektieren, was Nähe und Distanz eigentlich heißt; es ist – bei allen Unterschieden – der gemeinsame Herzfehler aller Reformpädagogiken, dass sie alle eine größere Nähe zum Kind haben. Und diese Nähe in der Katastrophe geendet ist, mindestens an der Odenwaldschule.
  2. Kritisch reflektieren, was eine demokratische Schule wirklich ist. Denn das ist das zweite Alleinstellungsmerkmal. Auch die Odenwaldschule galt als eine demokratische Vorzeigeanstalt. Aber wieso konnte die Demokratie den 20 Jahre währenden Missbrauch dort nicht stoppen?
  3. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit: In vielen der Schulen, deren Repräsentanten hier sitzen und über gute Schule diskutieren, hat der Haupttäter aus dem Odenwald, Gerold Becker, an der Konzeptphase mitgewirkt. Deswegen sind diese Schulen nicht verseucht. Aber muss man nicht fragen: Wie viel an Herzfehler hat dieser Kindervergewaltiger eigentlich bei uns einprogrammiert?
  4. Die Unfähigkeit zu trauern der Reformpädagogen. Bisher sehe ich allenfalls vereinzelt die Offenheit, sich mit der katastrophalen Vergangenheit der Reformpädagogik auseinanderzusetzen. Auf allen Ebene auseinanderzusetzen – in der Schule, bei der „Beziehung“ zum Schüler, in der Historie, in der Parallele zu Gustav Wyneken, dem Erfinder der demokratischen Jugendburg – und verurteilten Pädokriminellen, dem man einen Bann auferlegen musste, damit er seine Schule endlich nicht mehr betrat. Wie kann man als Reformpädagoge heute seinen Schülern glaubhaft vermitteln, dass kritische Reflexion wahrscheinlich ihr wichtigstes Rüstzeug für das 21. Jahrhundert ist – wenn man sich der eigenen Vergangenheit nicht energisch und transparent stellt?

 

 

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