Im Informationssystem für Kinder und Jugendliche zeichnet sich ein fortgesetzter Leitmedienwechsel ab. Leider sieht das kaum jemand

Die Mediennutzung von Kindern zwischen sechs und 13 Jahren verändert sich weiter rasant. Das Kinderfernsehen Kika bricht mit seinen Informations- und Bildungsangeboten geradezu ein – zugunsten von TikTok und Netflix. Das geht aus der neuen KIM-Studie 2024 vor, deren unveröffentlichte Zahlen Pisaversteher vorab vorliegen. Die Studie „Kinder Internet Medien“ (KIM) des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest ist die wichtigste Medienstudie für Kinder; entsprechendes gilt bei JIM (Jugend Information Medien) für Jugendliche.

Kika runter, Netflix rauf

Wir beobachten einen doppelten Leitmedien-Wechsel bei Kindern. Weg von den Kinderbüchern hin zu digitalen Plattformen wie TikTok. Weg vom pädagogischen Kinderfernsehen wie dem Kinderkanal hin zum Unterhaltungsstreaming bei Netflix. Das Problem an dieser Entwicklung ist, erstens, die Verschiebung an sich; was bedeutet das für Achtjährige, wenn sie nicht mehr Logo und Checker Tobi sehen? Und was heißt das für die Zukunft von Kika? Das zweite Problem ist, dass die Öffentlichkeit diese einschneidenden Veränderungen praktisch nicht wahrnimmt. Zwar ist die KIM-Studie stilbildend, aber das gilt nur für die pädagogisches Szene. In den Hauptnachrichten würde niemand auf die Idee kommen, solche Zahlen zu veröffentlichen – obwohl sie es wert wären.

Wimmelbild-Stream voller Abscheulichkeiten

Das bedeutet, dass das basale Informationssystem von Kindern und Jugendlichen sich in den letzten zehn Jahren vollkommen verändert hat – und Eltern, Öffentlichkeit, Politik registrieren das praktisch nicht. Und die Medienpädagogik? Ist leider keine kritische Disziplin und begleitet solche (dramatischen) Entwicklungen in der Regel mit dem grundgütigen Blick der Kopfstreichel-Pädagogen.

Dazu ein Beispiel: was würde passieren, wenn in einer – sagen wir – zweiten Klasse, die Lehrkraft Wimmelbilder mitbrächte, auf denen Enthauptungen, harte Pornographie und Aufmärsche von SS-Soldaten zu sehen wären? Dieser Lehrer oder diese Lehrerin hätte mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen. Was aber tun Medienpädagogen im Jahr 2025, wenn über Altersgrenzen für Social Media und Handyverbot geredet wird? Um den Wimmelbild-Stream voller Grausamkeiten auf TikTok wenigstens für Kinder zu stoppen? Sie argumentieren – kein Witz – mit dem Recht auf Teilhabe und der Kinderrechtskonvention – um Bewegtbild von TikTok mit exakt den gerade beschriebenen Abscheulichkeiten zu rechtfertigen. Absurd.

Am einschneidendsten ist der Rückgang bei Kika. Bisher lag der Kanal von ARD und ZDF unangefochten auf Platz 1 bei Kindern. Nun haben Kika und Netflix die Plätze getauscht. 21 Prozent der Kinder geben an, dass 2024 ihr Lieblingskanal Netflix war. Kika guckten hier nur noch 14 Prozent. Auf Platz 3 liegt YouTube mit 11 Prozent. Das ist für die Bemühungen von ARD und ZDF, ihr Bildungsfernsehen auch für die Schule zu stärken, ein Rückschlag. Kika ist mit den sehr erfolgreichen Kindernachrichten Logo! und den Wissens-Filmen von „Checker-Tobi“ das Aushängeschild des Kinderfernsehens. Nun hat Netflix, das stärker auf Unterhaltung von Kindern zielt, dem Kinderkanal den Rang abgelaufen. Die neuen KIM-Zahlen wurden am Rande der Bildungsmesse Didacta in Stuttgart vorgestellt.

Acht von zehn Kinder leben mit Handyverboten

Gleichzeitig hält der Run auf TikTok auch bei den unter Dreizehnjährigen unvermindert an. Die Plattform wird inzwischen von 43 Prozent der Kinder mindestens einmal pro Woche benutzt. Vor zwei Jahren waren 37 Prozent der Kinder so lange auf TikTok, vor vier Jahren 30 Prozent. TikTok hat sich damit an Instagram vorbei auf Platz 2 hinter WhatsApp geschoben. Der Messenger ist nach wie vor mit 73 Prozent Nutzenden unangefochten auf Platz 1 unter Kindern. Diese Reihenfolge gilt, obwohl die beiden Plattformen laut AGB für die allermeisten der Befragten noch gar nicht erlaubt sind. WhatsApp und TikTok sind formell erst ab 13 Jahren nutzbar; eine Altersverifikation erfolgt allerdings nicht.

Die neuen Nutzungsergebnisse, die erst im Mai 2025 offiziell veröffentlicht werden, dürften die Debatte um eine Altersgrenze für soziale Medien weiter befeuern. Am 20. März wird die Kultusministerkonferenz mit Experten darüber beraten, ob Handyverbote eingeführt werden und TikTok erst ab 16 zugänglich sein sollte.

Für die – nichtöffentliche – Sitzung der Minister über Handyregeln an Schulen gibt die Kindermedienstudie nun wichtige Hinweise. Für über 80 Prozent der Kinder gelten bereits spezifische Handyverbote an Schulen. 22 Prozent gaben etwa an, sie dürften ihr Smartphone in der Schule generell nicht benutzen. 63 Prozent der Kinder können ihr Telefon laut Umfrage lediglich in den Pausen in die Hand nehmen. Ganze drei Prozent der Kinder sagten, an ihrer Schule das Smartphone jederzeit verwenden zu können.