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Lernen (individuell)

Es ist DIE Gretchenfrage des neuen Lernens: Wie geht eigentlich jenes individuelle Lernen, das seit einiger Zeit alle so toll finden?

„Mehr lernen oder mehr verstehen?“

Dies wurde prototypisch bei einer Veranstaltung in München besprochen. Leitfigur war Eckhard Klieme, der Lernforscher am Institut für deutsche und internationale Pädagogische Forschung.  Mit ihm diskutierten (in München) die Unternehmerin und Mit-Aktivistin von Gesellschaft macht Schule, Beatrice Rodenstock. Mit dabei war die engagierte Anwältin und Gründerin eines Gymnasialelternverbandes Ulrike Köllner. Und die Bildungswissenschaftlerin und Professorin für Grundschulpädagogik Christina Schenz.

Hier die Thesen der Teilnehmer:

Ulrike Köllner

1. Individuelle Förderung steht im Widerspruch zu unserem Schulsystem, in dem Lehrkräfte mit permanenter Notengebung und dem Ein-, Aus- und Umsortieren von Schülern beschäftigt sind. Individuelle Förderung macht deshalb wenig Sinn, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern.

Siehe AZ von heute: als Münchens beste Gymnasien werden diejenigen mit dem besten Abiturschnitt gelistet. Die "besten" drei sind die humanistischen Gymnasien mit einem sehr konservativ bildungsbürgerlichen Klientel und strikter Lern- und Auslesekultur. Kein reformpädagogischer Quatsch, dann erzielt man die besten Ergebnisse!

2. Der Begriff individuelle „Förderung“ impliziert im allgemeinen Sprachgebrauch Passivität der SchülerInnen. Er lässt die Interpretation zu, dass individuelle Förderung durch Aufteilung in verschiedene Schularten und Frontalunterricht in angeblich homogenen Gruppen möglich ist. Es geht aber um etwas anderes: das Anstoßen und Begleiten individueller Lernprozesse und das Wecken von Interesse und Motivation.

3.  Letzteres ist nur möglich, wenn Lehrkräfte eine menschliche Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufbauen (können) und Lernergebnisse nicht anhand der Fehlerzahl, sondern aufgrund des Lernfortschritts bewertet werden. Lehrkräfte müssen an den Stärken der einzelnen Kinder und Jugendlichen andocken, nicht an den Schwächen.

Lernvielfalt allein reicht nicht. Es kommt auf Adaptivität an – und Steuerung durch den Lehrer

Eckhard Klieme eröffnet den Abend mit einem Impulsreferat: „Vielfalt der Lernkultur oder adaptiver Unterricht: Was ist individuelle Förderung?“

Seine Thesen für Freitag lauten:

(a) Unstrittig ist, dass Lernen mehr sein muss als „Einpauken von (trägem) Wissen“: es geht heute darum, in den Schulen verständnisintensives, aktives, handlungsbezogenes Lernen zu ermöglichen.

(b) Auch ein solcher Lernprozess kommt nicht ohne Steuerung durch die Lehrkraft aus. Beim rein selbstgesteuerten Lernens werden häufig gerade die schwächeren Lerner mit ihren Problemen allein gelassen.

(c) Die bloße Vielfalt von Lerngelegenheiten macht zwar Schüler (und Eltern) zufriedener, ist aber kein Zeichen von Unterrichtsqualität. Diese zeigt sich hingegen an Tiefenmerkmalen wie Strukturiertheit, Unterstützung und kognitiver Herausforderung.

(d) Entscheidend für individuelle Förderung im Unterricht ist die Adaptivität des Lehrerhandelns und der Aufgabenstellungen. Sie setzt nicht zuletzt eine differenzierte (förder-diagnostische) Analyse des jeweiligen Lernstandes voraus.

Die Thesen von Christina Schenz sind gerade hereingekommen:

These 1: Lernen im Allgemeinen, aber schulisches Lernen im Besonderen, zielt auf die Fähigkeit des individuellen Menschen ab, nicht nur mehr zu wissen oder mehr zu können als vorher, sondern mit dem „Gelernten“ selbstbestimmt umzugehen. (Nicht nur das „WIE lernen wir“, und „auf welcher Kompetenzstufe kann ich das schon“ sondern vor allem das „WARUM mache ich das“ steht dabei im Vordergrund).

These 2: Individuelle Lernprozesse bedürfen adaptiver (angepasster) Lernumgebungen, die der Individualität der Menschen einerseits entgegenkommen und andererseits Sinnstrukturen für den Einzelnen schaffen

(Lehrkräfte sind ExpertInnen für Lernprozesse. Sie können diese beim Schüler nicht erzwingen, können diese aber begleiten, arrangieren, evaluieren und im Hinblick auf die Selbstbestimmungsfähigkeit der SchülerInnen ausrichten).

Lernen steht in Wechselwirkung zur Umwelt: Sowohl was die Lernanlässe anbelangt, als auch was die Ausrichtung anbelangt: Schulisches Lernen ist immer dialogisch eingerichtet (Welt-Subjekt-Bezug) und zur Teilnahme das Leben in der Gemeinschaft ausgerichtet.

These 3: Die Professionalität von Lehrkräften ist der Kristallisationspunkt für schulisches Lernen und Bildung

Thesen von Beatrice Rodenstock:

In einer immer komplexeren Welt, in der gleichzeitig die Individualität gewinnt, müssen wir lernen mit Paradoxien umgehen zu können und auf Veränderungen schnell reagieren zu können. Tun wir das nicht, fallen wir durch sämtliche gesellschaftlichen Netze. Das bedeutet für das Bildungssystem, konkret die Schule, als ein Ort der Prägung unserer Kinder:
Wir haben in der Bildung ein quantitatives Problem (1) (25% erreichen keine Ausbildungsreife), ein strukturelles Problem (2) und ein qualitatives Problem (3) („Kreativität braucht Raum zum Scheitern ohne Beurteilung“ Rasfeld/Spiegel).

1. Jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, besitzt Potenziale und hat das Recht auf eine umfassende und kind- bzw. altersgerechte Bildung und Erziehung – Stichwort „Bildung vom Kind her denken“.

2. Zu starre Strukturen in den Schulen (Vorgabe der Kultusministerien) für Abläufe, Zeiteinheiten (45 Minuten), finanzielle Mittel und Inhalte (Lehrpläne, Lernzielkontrollen) verhindern Beziehungsaufbau und die Fokussierung auf das Wesentliche („Schule als Box der beschränkten Möglichkeiten“). Es benötigt den Ausbau der Eigenverantwortung von Schulen und der Partizipation aller Bildungsbeteiligten.

3. Konformität wird höher bewertet als Heterogenität (Individualität); Defizite stehen im Fokus, keine Potenzialentfaltung; 30 % der Kinder gehen mit Angst in die Schule, die hemmt Lern- und Kreativitätsbereitschaft. Jeder Einzelne in unserer pluralistischen Gesellschaft sollte zu verantwortungsbewusstem Handeln, zu emotionaler Stärke und Selbstbestimmtheit befähigt werden. Bildung sollte dazu beitragen, eine individuelle Persönlichkeit mit Selbstwertgefühl zu entwickeln. Das Ziel ist, jeden Einzelnen dazu zu befähigen, selbstbestimmt und eigenverantwortlich an der Gesellschaft teilzunehmen.

 

Ein Kommentar zu „Lernen (individuell)

  1. Vielen Dank, dass mal jemand diese Thesen ausspricht. Leider sind sie weit von der Schulwirklichkeit entfernt. Allenfalls werden sie als „Label“ missbraucht. Immer neue Namen und Begriffe werden der Schule angeheftet (Mittelschule, Inklusion , Kompetenzen, Ganztagsschule usw. usw.) , die Wirklichkeit, die sich dahinter verbirgt hat oft nichts mehr mit der ursprünglichen Idee (falls überhaupt eine Idee dahinter stand) zu tun.
    Am besten gefällt mir aber der Ansatz „Bildung vom Kind her denken“ und ich weiß schon die Antwort der Politiker auf diese These, ohne dass sie auch nur eine Schrecksekunde darüber nachdenken: „Dafür haben wir kein Geld.“ Dabei könnte an fast alle Probleme unsere Zeit auch als Bildungsprobleme (im notwendig weiten Sinne) erklären.
    Es wird sich wenig ändern, solange die drei (eventuell mehr) divigierende Ansichten von “ Schule“ gibt.
    1. Was Eltern und Gesellschaft von Schule halten.
    2. Was Politiker über Schule wissen und wie man dort Probleme lösen kann.
    3. Was tatsächlich in den Klassenzimmern passiert.

    Um es noch einmal zu wiederholen: Ich halte den Ansatz, die Bildung vom Kind her zu denken, für zwingend erforderlich.

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