Sozialprojekt | Im Knowledge Club bieten freiwillige Helfer an der Richardschule den Kindern Lernen und Spaß – umsonst. Bei den Grundschülern löst das Begeisterung aus. Und den Wunsch nach mehr

Abdallah ist zwar der König des Richard-Kiezes. Aber jetzt hat er nur noch einen Wunsch. „Ich will, dass die unsere Nachrichten ausstrahlen.“ Die, das ist der MDR, bei dem der Junge die Neuigkeiten des Tages jüngst in einem Studio aufgenommen hat. Und Abdallah, das ist ein 10jähriger Junge. Ein Dreikäsehoch, der im richtigen Leben Omar heißt, grinst und mutig von den 50 Leuten vor sich im Klassenzimmer fordert: „Die sollen unsere Nachrichten senden!“

Dabei hat Abdallah das gar nicht nötig. Denn er ist seit einigen Wochen ein Filmstar. Im „Lottokönig Abdallah“ spielt er die Hauptrolle in einem richtigen Film. Er gewinnt darin drei Millionen Euro im Lotto, merkte es aber zunächst nicht. Der Film ist ein kleiner Krimi, der für die Kinder eine betörende, fast kitschige Lehre bereit hält. „Die Leute sagen immer, Geld regiert die Welt“, sagt Jung-Schauspielerin Fathia (11). „Dabei stimmt das gar nicht. Wenn man glücklich werden will, muss man teilen und es verschenken.“

Im dritten Stock der Berliner Richard-Grundschule wird gerade der Film und das Lernprojekt „Knowledge Club“ ausgezeichnet. Mit Fathias Worten ist auch dem letzten klar geworden: Das kleine Sozialprojekt ist ein Erfolg. Es begeistert die multikulturellen Steppkes aus der Richardschule ganz offensichtlich. Sie fühlen sich nicht nur wie kleine Filmstars, der eine oder andere liebäugelt damit, ein richtiger zu werden. Und zugleich vermittelt der Nachmittagskurs Werte: Die Schüler loben die Konzentration, sie versprechen nicht zu stehlen und zu schlagen, sie sind überzeugt, dass man Reichtum teilen muss.

„Die Kinder nehmen aus dem Knowledge-Club viel mit in ihr Leben“, ist Schulleiterin Marita Stolt überzeugt. „Das kann ihnen niemand mehr nehmen. Sie sind viel selbstbewusster geworden.“

Was ist dieser Knowledge-Club, der im fernen Neukölln, genauer in Rixdorf, in eine 94-Prozent-Zuwanderer-Schule Film und Basketball, Fische sezieren, Hausaufgabenhilfe und 30 16 weitere Arbeitsgemeinschaften trägt? Der Club wird von Anna Vatankhah geleitet, einer Sonderpädagogin und Absolventin von „intercultural education“. Mit Anna machen rund 40 StudentInnen und HelferInnen bei Knowledge-Club mit – ehrenamtlich. Sie bekommen kein Geld, sie bereiten die Nachmittagsangebote für rund 100 Schüler an der Richard-Schule gratis. „Die Schüler rennen uns die Bude ein“, sagt Vatankhah ernst. „Wir werden hier wirklich gebraucht.“

In Neukölln-Rixdorf kann man besichtigen, wie hilflos der Staat ist, einen wirklich gelingenden Lernprozess in seinen Krisenschulen zu organisieren. In der Richard-Schule fällt viel Unterricht aus. Die Lehrer ächzen. Reformen, Hoffnungslosigkeit – und am Ende ihr eigentliches Hauptgeschäft, der Unterricht. Es wäre gar nicht daran zu denken, dass die ausgepowerten Lehrer nachmittags ihre 6- bis 12-jährigen bespaßen. Dass machen also die Ehrenamtlichen Oliver, Marie, Gitanjali und so weiter.

Sie wissen schon, dass sie sich politisch auf ein Hasardspiel eingelassen haben: Helfen Sie dem Staat, eine Aufgabe zu wuppen? Oder ermuntern sie den Berliner Finanzsenator, sich noch weiter aus der öffentlichen Aufgabe Bildung zurück zu ziehen? Keiner weiß es genau. Es ist den jungen Leuten auch egal. Ihnen macht es Spaß. „Man bekommt von den Kindern viel zurück“, sagt Gitanjali. „Ich wohne am Richardplatz, ich will hier mithelfen.“

Die Geschichte von König Abdallah am Richard-Platz ist die Geschichte einer Öffnung der Schule. Bevor Anna Vatankhah vom Hamburger Verein „Bildung ohne Grenzen“ (Bildog) ihr Knowledge-Projekt in Berlin startete, wandte sie sich an viele Schulen. Nicht viele meldeten sich zurück, manche spät. Schulleiterin Marita Stolt brauchte dafür nur wenige Minuten. „Kommen Sie vorbei, das schauen wir uns an.“ Seitdem sind Stolt und Vatankhah ein Team. Stolt unterstützt den Knowledge Club, wo sie kann. Denn sie weiß, dass sie diese Kreativität in den ausgequetschten 45 Minuten ihrer Fachunterrichte niemals hinbekommen wird.

Und Vatankhah tut der Rektorin dafür den Gefallen, ihr mit immer neuen Ideen auf die Nerven zu gehen. Inzwischen ist aus dem einen Projekt ein Projektdreieck geworden: Bildog verwaltet die Mittel des Bildungspakets, zu deutsch: organisiert und gibt die Nachhilfen, die aus diesen absurd bürokratischen Bundesmitteln bezahlt werden. Und Bildung ohne Grenzen hilft, den Dialog zwischen den Rixdorfer Schulen in Gang zu setzen. Warum macht die 31jährige Anna Vatankhah das? Wollte sie nicht Sonderschullehrerin werden? Ja, wollte sie. „Mir macht es auch Spaß, mit Kindern zu arbeiten“, sagt sie. „Aber ich finde, man kann von außerhalb viel mehr bewirken.“

Vatankhah ist eine engagierte Frau, um die ständig ein Schwarm Kinder herumwuselt. Anna hier und Anna da. Sie könnte auch Lehrerin sein und täglich x mal 45 Minuten Unterricht geben. Aber sie geht lieber zu den Fortbildungen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung oder verhandelt mit der RWE-Stiftung, wie man das Projekt fortsetzen kann. Sie entzündet lieber freiwillige Helfer für jene Schule, die auch ein bisschen ihre geworden ist. „Das entscheidende ist, dass die Schüler bei diesem Projekt selbst herausfinden, was sie machen wollen. Es gibt in diesem Projekt keinen Stillstand.“

Das stimmt gewiss, aber es stimmt auch nicht. Denn bezahlt werden muss auch der schönste Knowledge Club. Das hat die RWE-Stiftung übernommen, die wohltätige Tochter des Energieriesen, der 48 Milliarden Euro Umsatz im Jahr macht. Die RWE-Stiftung hat 20.000 Euro davon für das erste Jahr Knowledge Club zur Verfügung gestellt. Und fördert nun, dank des Films als Arbeitsprobe, noch ein weiteres Jahr. Und dann? „Wir werden bestimmt wieder Förderer finden“, sagt Vatankhah.

Es ist die neue Unwägbarkeit zwischen staatlicher Lernapparatur und fein dosiertem privatem Mäzenatentum. Anna Vatankhah und ihre Mitstreiter rocken die Schule am Richardplatz. Aber sie tun das nie mit letzter Sicherheit, ob und wie es weiter gehen kann.

Dafür gibt es wohl keine Lösung. Nur Abdallah weiß, wie man so etwas macht. Er nimmt den Koffer mit den drei Millionen Euro, als er ihn im Film endlich wieder zurück hat, und übergibt ihn seiner Schulleiter Marita Stolt.

Damit kommt Abdallah garantiert in die Nachrichten. „Wenn man glücklich werden will, muss man das Geld teilen und es verschenken.“

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