Vom Stand und Stillstand der Missbrauchsdebatte

Von Christian Füller

Preview aus der Märzausgabe 2012 der Blätter für deutsche und internationale Politik
  

Genau vor zwei Jahren begannen Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder an renommierten Internaten die Gesellschaft aufzurütteln. Die Politik unternimmt nun erstmals den Versuch, die Situation der Betroffenen und Leiden- den zu verbessern. Aber wie weit ist die Nation mit der Selbstaufklärung wirklich gekommen? Wer wissen möchte, ob und was die deutsche Gesellschaft aus den vielen Enthüllungen sexueller Gewalt gelernt hat, muss vielleicht mit einer Szene beginnen. (…)

Diese musste zur Kenntnis nehmen, so beschreibt es ein Opfervertreter,

„dass Missbrauch ein allgegenwärtiges soziales Phänomen ist, eine Epidemie, die Institutionen unterwandert“.

Die bevorzugten Orte sind Einrichtungen mit Kindern: Kindergärten, Schulen, Heime, Krankenhäuser, Spielplätze, Internate sowieso. Mehr als ein Jahr nach dem Beginn der gesell- schaftlichen Debatte, im Herbst 2011, wurde in Berlin das Täterkollektiv einer stadtbekannten Parkeisenbahn enttarnt, das in der Bahn jahrelang Kinder missbraucht hatte. (BZ 2011)

Die Orte legen eine gezielte Auswahl durch Pädokriminelle nahe: Missbrauch geschieht überall da, wo sich Kinder aufhalten, häufiger da, wo sie auch übernachten oder wo es unbeobachtete Nischen gibt. Missbrauch wird begünstigt, wenn Erwachsene das Bedürfnis nach Anerkennung von Kindern ausnutzen können; sobald ihnen asymmetrische Machtverhältnisse, und sei es nur für Augenblicke, die Oberhand über Schutzbefohlene geben, steigt die Gefahr. Dass die Übergriffe mit Sex und Macht zu tun haben, drückt das Begriffspaar sexualisierte Gewalt am besten aus. (…)

Es war ein Schock für die Republik, dass massive sexualisierte Gewalt an Kindern in einer liberalen und offenen Schule geschehen konnte. Und dass es sich nicht etwa um kriminelle Zufallstreffer handelte, sondern um ein System, in dem Pädagogen die ihnen überantworteten Kinder planvoll in seelische Notlagen manövrieren, um sich an ihnen sexuell zu befriedigen. Neben der Vergewaltigung von Kindern wurde ein zweites Delikt deutlich: pädagogischer Hochverrat.

Bemerkenswerterweise reagierte aber die Community der Reformpädagogen und -schulen ganz anders. Auch sie war zwar empört, aber sie wies sofort und pauschal den Verdacht zurück, dass die sexuelle Gewalt etwas mit den Gründungsmythen der Reformpädagogik selbst zu tun haben könnte. Reformpädagogen treten ihrem eigenen Anspruch nach sensibel und emphatisch auf; gegenüber den Opfern des Missbrauchs aber reagierten sie häufig mit purer Ignoranz.

Nirgendwo sind die Mechanismen des Verdrängens und Vertuschens besser zu beobachten als bei den Reformpädagogen.

Und sie sind bis heute aktuell. Von wenigen Ausnahmen abgesehen16 lehnt ausgerechnet die reformpädagogische Zunft den kritischen Diskurs über sexuelle Gewalt in ihren Reihen völlig ab. (…) >>> Märzausgabe der Blätter

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