Zwei kleine Nachbemerkungen zur Grundschullesestudie Iglu (Iglu 2011), die viel über die organisierte Verantwortungslosigkeit im deutschen Schulsystem verraten.

Gestern war der Tag der Leseleistungen, der Risikoschüler und der wenigen Spitzenschüler. (Ergebnisse siehe pisaversteher von gestern.) Heute sprechen wir mal ’nen Moment über beschissene Randbedingungen.

Erstens, das ging gestern fast unter, gibt Deutschland nur 0,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Grundschulen aus. Das ist nicht wenig in absoluten Zahlen, denn das BIP ist nicht klein. Aber das ist zum einen viel weniger als für Gymnasien und es sagt zum anderen viel über die tolle Arbeit, die Grund

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Grundschulen am Hungertuch

schulen in Deutschland machen – denn die umliegenden Staaten geben das Doppelte und mehr für ihre Grundschulen aus. Polen 1,6 Prozent, Frankreich 1,2, Dänemark sogar 1,9 Prozent, Österreich immer noch 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Ausgaben für Grundschulen, Siehe Tabelle rechts)

Was bedeutet das? Würde Deutschland auf dem Niveau Frankreichs in seine 10jährigen investieren, dann hätte man doppelt so viel Mittel zur Verfügung – für Förderlehrer, für Sozialstationen, für Inklusion, für Doppelsteckungen in Brennpunktschulen. Man muss nur mal eine finnische Grundschule sehen, mit Krankenschwester, Schulpsychologen und vielen vielen Förder- und Speziallehrern, dann weiß man, was gemeint ist: Auf den Anfang kommt es an! Besser früh fördern als spät reparieren.

Seit 10 Jahren wird der harte Sockel von 15 bis 20 Prozent von Kindern, die einfachste Lese- und Rechenleistungen verfehlen, nicht kleiner – aber die Kultusminister und die arrogante Staatsekretärin aus dem Bildungsministerium Quennet-Thielen reiben sich voller Verwunderung das Kinn: „Ja, was könnte man denn da nur machen?!“

Kleiner Tipp für die Schulminister: Gebt mehr Geld in die Grundschulen, gebt das Geld gezielt aus für Förder- und Sonderpädagogen.

Zweitens, die Ganztagsschulen. Iglu-Forscher Wilfried Bos, der nicht müde wurde zu betonen, wie schwer es Risikoschüler aus der Grundschule in der weiter führenden Schule haben werden, empfahl mehr und echte Ganztagsschulen, um besser individuell fördern zu können. (Siehe Bos‘ Schlußfolgerungen aus dem Iglu-Test unten) Die Ganztagsschule

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Fördermöglichkeiten

ist kein Allheimittel, aber wer einmal gesehen hat, wie viel fach- und unterrichtsferne Begeisterung man bei Sechs- bis Zehnjährigen mit AGs erzielen kann und wie viel Förderlernen man den Tag über unterbringt, der kann abschätzen: Bos hat Recht, und der Mann meint es ernst.

Aber wieso geht nicht mehr ganzer Tag? Wieso ist das Ganztagsschulprogramm IZBB 2009 ausgelaufen? Wieso hört die Politik nicht auf ihren Iglu-Forscher Bos? Wieso tut man nicht das richtige? Bitte gut festhalten jetzt:

Weil die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland es dem Bund verbietet, in Ganztagsschulen zu investieren. Das muss man sich vorstellen. Es ist Berlin grundgesetzlich verboten, für mehr Gerechtigkeit und bessere Chancen an den Schulen in den Bundesländern zu sorgen.

Merke: Die deutschen Bildungspolitiker und die Verfassung der so genannten Bildungsrepublik, sie sind das eigentliche und wesentliche Modernisierungshindernis, das besseren Schulen und mehr Gerechtigkeit im Wege steht. Lehrer, Eltern, die Ausstattung der Schulen, alles wichtig. Aber ohne Geld und ohne Hilfen des Bundes wird das immer größer werden, was Pisa, Iglu&Co seit 10 Jahren beklagen: Eine soziale und geografische Spaltung des deutschBildschirmfoto 2012-12-12 um 11.20.54en Schulwesens. Manche Kinder und manche Regionen werden durch die mediokre Bildungsverfassung klar benachteiligt.

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