Im ZDF unter „log in“ wird Pisaversteher am Mittwoch mit Michael Kretschmer (CDU), Thomas Oppermann (SPD) sowie Arbeiterkind Katja Urbatsch und dem Vorstand der Phorms-Privatschulen Carsten Breyde diskutieren. Es geht ums Sitzenbleiben – dem Kernstück der deutschen Schule des Scheiterns. Drei Thesen dazu.

Die Frage heißt, „Produziert unser Schulsystem Verlierer?“
Meine Antwort lautet: „Ja, und zwar viel zu viele!“

1) Sitzenblieben ist Mist

Was früher nur Reformpädagogen postulierten, sagen heute Schulforscher (sinnlos, unpädagogisch), Ökonomen (zu teuer) und sogar die Kultusminister, die reihum das Sitzenbleiben lockern oder gar abschaffen. Berlin, Hamburg, Ba-Wü, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen tun es. Selbst Bayern hatte es untersagt (!), dass Gymnasiasten durchfallen, die im letzten Jahrgang G9 waren; weil sie sonst in den G8-Express geplumpst wären.

Dennoch ist Deutschland weiter das Land der Sitzenbleiber:

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2) Das Sitzenbleiben abzuschaffen ist leichter gesagt, als getan

Denn es ist zusammen mit den Noten und dem so genannten Abschulen DAS Wesenselement des gegliederten Schulsystems: Wenn ich mehrere Schulformen nebeneinander habe, MUSS ich die Schüler sortieren, d.h. ich muss sie benoten, sitzenlassen und abschulen, damit alle Schulformen auch gefüllt werden können.Dieses System hat sich gewissermaßen verselbständigt, Deutschland ist zu einem Land der Schulabsteiger (pisaversteher in SPON) geworden. Nur eine Zahl dazu: In Sachsen, an sich das Land mit den meisten „Schulgewinnern“, kommt auf 11 Schulabsteiger (höhere in niedrige Schulform) nur ein Aufsteiger.

Im Grunde ist die Situation so, dass neben dem allgemeinen Schul- und Ausbildungssystem viele schattige Nischen gebildet wurden – in denen man die Verlierer versteckt. Etwa im Übergangssystem, das 250.000 Jugendliche und junge Leute als versorgt erscheinen lässt, obwohl sie in Warteschleifen stecken. (pisaversteher in SPON) Etwa in der Sonderschule, in die 400.000 Kinder aus der allgemeinbildenden Schule heraussortiert wurden. Ihnen wollten die Kultusminister einen Spezialabschluss geben – damit nicht so viele als Schulabbrecher auffallen. (taz 2009)

Risikioschüler Das Sitzenbleiben steckt also tief im System – und in unseren Köpfen, meistens sogar positiv besetzt als Ehrenrunde.

Wie können wir da herauskommen?

Jeder weiß eigentlich, was wir tun müssen. Christoph Daum hat es einmal unnachahmlich gesagt: „Der schiefe Turm von Pisa ist nicht oben, sondern unten schief.“ Das bedeutet: Hauptschulen auflösen und in integrierte Schulformen mit gemischten Schülerschaften umwandeln; Ghettoschulen mit zwei Lehrern pro Klasse ausstatten, anderes, stärkenorientiertes Lernen praktizieren, sowie diese Schulen mit Sozialarbeitern, Psychologen und einer Krankenschwester ausstaffieren.

3) Sitzenbleiben macht Druck – und nimmt ihn auch

Es gibt Sitzenbleiber, die berichten, dass sie NACH dem Durchfaller weniger Druck verspürt haben. Dazu gibt es Studien, zu denen wir im TV wohl kaum kommen werden, weil sie sehr differenziert sind. tatsächlich fühlen sich manche Kinder erstmal wohler, wenn sie aus der schnelleren Klasse und schnelleren Schule endlich raus sind; aber: sie empfinden das insgesamt dennoch als Niederlage und Demütigung. Sonderschüler z.B. sehen sich selber als „nicht normal“ – obwohl sie sich mit dem Schulabstieg abgefunden haben. So zeigt es eine Studie des WZB.

Ich halte das Argument „Sitzenbleiben tut gut“ für eines, das aus der inneren Logik des gegliederten Systems heraus geboren wird: Die Schmerzens-Schule lässt erst reihenweise Leute sitzen und macht ihnen Druck – und feiert es dann als Erfolg, wenn Schüler plötzlich mal eine zeitlang keine Schmerzen erleiden.

Mehr morgen im ZDF und anschließend im Chat.

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