Warum nur interviewt die BamS einen emeritierten Professor, der das Erlernen der verbundenen Schreibschrift abschaffen will?

BamS Seite 1
BamS Seite 1


Wenn die Bild am Sonntag ein Thema auf ihre Titelseite packt, dann kann man davon ausgehen, dass es wichtig und relevant ist. Breaking heißt das in der Branche. Aber diesmal? Fack ju Schule? Eine in die deutsche Schulwirklichkeit verlängerte Filmrezension der Bildungskomödie „Fack ju Göhte 2“. Welche Schulwirklichkeit ist das, die sich die Zeitung mit Hilfe eines Professors da zusammenfantasiert? Die deutsche Schule stehe in der Tradition von Drill und Gehorsam des 19. Jahrhunderts. Steht auf Seite 1 der BamS. Das klingt nicht nach News, sondern nach einer verstaubten Akademikerthese.

Ausgangsschrift abschaffen
Die umso nebliger wird, wenn man das dazugehörige Interview mit einem – so die Anmoderation – der „renommiertesten deutschen Erziehungswissenschaftler“ liest. Man möchte der instinktsicheren Bild nicht zu nahe treten, aber Hans Brügelmann ist vieles, aber nicht renommiert. Im Gegenteil. Brügelmann ist, erstens, emeritiert, und zweitens umstritten.

Ausriss des "Renommierten"-Interview
Ausriss des „Renommierten“-Interview

Recht eigentlich kann man diesen Professor einen Funktionär nennen. Im deutschen Grundschulverband ist er „Fachreferent“, und als solcher treibt er ein Projekt voran, das ein Himmelfahrtskommando werden könnte. Brügelmann will quasi die verbundene Schreibschrift abschaffen, ganz genau will er, dass deutsche Grundschüler die so genannte Vereinfachte Ausgangsschrift nicht mehr systematisch erlernen sollen. Statt dessen sollten sie eine neue Spezialschrift anwenden, die so genannte „Grundschrift“, die ein Zwitter aus Druck- und Schreibschrift ist.

Neue Schrift erfunden

Der Grundschulverband hat diese Schrift erfunden, es gibt sie an den Schulen noch nicht. Mit dem Brügelmannschen Umbruch verbände sich, wenn er realisiert würde, nichts weniger als eine Kulturrevolution. Nach den Ideen des Professors in Ruhe sollen sich ABC-Schützen das Schreiben nämlich künftig praktisch selbst beibringen. Sechsjährige sollten, so steht es in den Handreichungen für die neue Schrift, in Schreibkonferenzen über ihre Schrift diskutieren und Verbindungen zwischen Buchstaben selber finden. Schule verlöre damit den fundamentalsten ihrer Aufträge: Schreiben lernen.

Bundesländer wehren sich 

Glücklicherweise wehren sich mehrere Bundesländer gegen die Reform, die ihnen der Grundschulverband andienen will. Nur in einigen Modellversuchen wird getestet, wie es aussieht, wenn Kinder die Schrift ganz neu erfinden.
Das Projekt klingt ein bisschen verrückt, und man versteht es nur, wenn man sich die Mission von Hans Brügelmann anschaut. Er steht für eine Alternativpädagogik, die dem Schüler ein Maximum an Freiheit und Selbstverantwortung zugesteht. Das ist nicht neu (seit über 100 Jahren gibt es die deutsche Reformpädagogik) und in vielen Fällen auch löblich – zum Beispiel in Projekten, in eigenen explorativen Lernphasen, in fächerübergreifenden Gruppen. Aber muss es gleich ein Kulturgut wie die Schrift sein, die Schüler neu kreieren?

Grösste Schulreform seit Friedrich II. 
Das zweite große Projekt, das Brügelmann verfolgt, ist die internationale Schulstudie „Pisa“ infrage zu stellen. Wir erinnern uns, der Test hat den Deutschen vor 15 Jahren vorgeführt, wie ungerecht das deutsche Schulwesen ist. Seitdem haben die Bundesländer ihre Schulen umgekrempelt. Die Aufstiegschancen der Schüler haben sich inzwischen grundlegend verändert. Die größte Schulreform seit der Durchsetzung der Schulpflicht durch den Alten Fritz.
Pisa hat die Schule also auf die Spur gebracht. Brügelmann aber will diese Veränderung nicht zur Kenntnis nehmen.

„Schule steht immer noch in der Tradition des 19. Jahrhunderts, in der Schüler auf Gehorsam und Anpassung getrimmt wurden.“

In welcher Welt lebt der 68jährige eigentlich? Das Schulsystem hat die autoritäre Tradition in den 1968er Jahren gründlich erschüttert, seit dem Pisaschock vor 15 Jahren ist die Schulkarikatur des Emeritus schlicht nicht mehr anwendbar. Heute machen z.B. 60 Prozent eines Jahrgangs Abitur, und zwar in so vielen Schulformen, dass sich das Traditionsgymnasium, auf das der Grundschulverbandsfunktionär schielt, gerade radikal verändert – mit Drill lässt sich doch nicht der Großteil eines Jahrgangs zur Hochschulreife prügeln.

Pisa benotet keinen Schüler

Zu Pisa sagt Brügelmann ernsthaft,

„Schüler werden zunehmend darauf ‚dressiert‘, in Tests gut abzuschneiden.“

Zudem seien die Tests ungerecht, weil sie alle Schüler über den gleichen Leisten schlagen. Ja, ungerecht wäre es, wenn die Kinder dafür Noten bekämen. Tun sie aber nicht, denn der Vergleichstest Pisa ist nicht etwa dazu da, einzelne Schüler zu bewerten, sondern das Schulsystem zu röntgen. Keinem Schüler widerfahren irgendwelche Nachteile durch sein Abschneiden, alles ist strengstens anonymisiert. Schulforscher, Ministerien und Lehrerbildungsinstitute aber erfahren durch die Pisa-Studien, welche Schule wo steht. Deutschland hat auf diese Weise gelernt, dass Bayern und Sachsen ihren Schülern am besten Kompetenzen vermitteln, die Unterschiede zwischen Schulen riesig sind und es knapp ein Viertel so genannter Risikoschüler gibt. Das war 2002 so – seitdem haben sich die Werte dramatisch verbessert.

Leser erfährt vieles nicht
Der Leser der Bild am Sonntag erfährt von alledem nichts. Nicht, dass Brügelmann die verbundene Schreibschrift abschaffen will, nicht dass Pisa ganz andere Ziele hat, nicht, dass sich das Schulsystem fundamental gewandelt hat in den letzten Jahren.
Warum nur, das fragen sich viele, hat die BamS dann ausgerechnet diesen Mann interviewt, einen emeritierten, weithin unbekannten Professor, der eine Reihe absonderlicher Reformen vorantreibt? Weil er ein Buch geschrieben hat? Oder vielleicht weil er gute Kontakte zur Bild-Zeitung hat, weil sein Sohn sogar der Chefredaktion angehört?
Die Autorin des Gesprächs dementiert das, sie als Interviewerin müsse es wissen.

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