Deutschlands Schulen sind nicht fit für zehntausende, teils traumatisierte Flüchtlingskinder. Aber die Szene der Digitalisten-Lehrer diskutiert lieber über Marc Prensky und perfekte Klassenfahrten

+++ Update +++ Eil: Es hat ein bisschen gedauert, aber nun (26.9.) hat sich auch das schnellste pädagogisch-netzpolitische Diskursformat namens #Edchatde zu einem Gespräch über Willkommensklassen und Flüchtlingen in der Schule entschieden, genau geht es um „sinnvolle Integration“. Findet am Dienstag von 20 bis 21 Uhr statt. Willkommen im Club! Erste Frage wird sein: „Willkommensklassen, Übergangsklassen: Gibt es das an eurer Schule? Was müssen die leisten? Was ist ihr Zweck?“ +++ 

Es ist ein heißer digitaler Herbst. Ein EduCamp reiht sich ans nächste. Der Bundestag fiebert, nun ja, jedenfalls fiebert eine SPD-Abgeordnete dem digitalen Lernen entgegen. Die OER-Debatte strebt zu einer Art Höhepunkt mit dem Gefälligkeitsgutachten von Wikimedia. Es ist also viel los. Aber das digitale Lüftchen ist eigentlich vollkommen unwichtig, wenn man bedenkt, dass gerade Zehntausende Menschen in Deutschland ankommen, hier leben und lernen wollen. Teilweise sind sie im letzten Moment den IS-Schlächtern entkommen. Ich habe vor wenigen Wochen in der Integrationsklasse einer Mühlheimer Schule mit einem syrischen Jungen aus Al Hasaka gesprochen, ein fantastisches Bürschchen, der nach eineinhalb Jahren hier in perfektem Deutsch sagt: „Ich würde gerne Professor werden, das wär´cool!“ Al Hasaka ist gerade Schauplatz unvorstellbarer Greueltaten durch den IS. Aus dieser Hölle kommt Dejan – aber die Nerds wollen lieber weiter über ihre digitalen Wolkenkuckucksheime sprechen.

Selbstbezogen und realitätsentrückt

Zwei, nein drei Ereignisse in dieser Woche machen es einem schwer, in diese digitale Gemeinde auch nur ein Fünkchen Hoffnung zu setzen. Ich finde sie gerade nur selbstbezogen, realitätsentrückt und idealistisch auf eine kitschige Art. Idealismus nämlich hat, wenn er sich im Moment des Großen auf etwas Kleines und im Grunde Nebensächliches richtet, Idealismus hat dann etwas Verlogenes.

Beispiel 1 ist Lisa Rosa, eine der ganz Schlauen aus der Runde. Sie hat Wind von dem Satz eines Künstliche Intelligenz-Professors bekommen, Christoph Igel heißt er, der sagte bei einem Event von Samsung: Digital Natives, von denen immer die Rede sei, die gebe es gar nicht. Ein untauglicher Begriff, wenn man sich die Ureinwohner von Neuland ansehe, denn sie könnten die Geräte nur bedienen, aber sie begriffen sie nicht, sie hätten keinerlei Medienkompetenz.

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Recht hat er. Gar keine Frage. Befragungen und Studien bestätigen das. Die Generation always on ist bisschen entrückt.

Lisa Rosa aber kommt nun daher mit dem ursprünglichen Begriff des digital Native. Der stamme nämlich von Marc Prensky, und die kulturkritischen Kommentatoren hätten Prensky gar nicht gelesen, weiß Lisa zu erzählen, sondern nur den Begriff benutzt. So so.

Ein Begriff von 2001

Prensky, muss man wissen, hat den Begriff in einem sechs oder acht Seiten langen Aufsatz geprägt – ich weiss es nicht mehr genau, pardon –, der im Jahr 2001 erschien. 2001! Das liegt internettechnisch quasi kurz hinter der Steinzeit. Also lange bevor, social media das Internet erst zu dem gemacht hat, was es immer schon sein sollte. Die große Verdrahtung der Menschheit. Ich bin nicht ganz sicher, ob man einen Text aus dem Jahr 2001 zum Gegenstand eines Diskurses im Jahr 2015 machen sollte – außer mal wollte ihn Historisieren. Denn es ist ja der Kernpunkt des Aufsatzes – die andere Hirnstruktur und Sprache der Natives –, der durch die explosive Dynamik der Entwicklung der sozialen Medien und ihrer Nutzung betroffen ist.

Prensky taugt m.E. ohnehin nicht für einen kritischen, problembezogenen Diskurs, weil der gute Mann einfach ein gnadenloser Niederknieer vor dem Internet und seiner ersten eingeborenen Generation war. Sein Text ist, kurz gesagt, eine Hommage an die Daddel- und Surfjugend – und eine Verspottung und Verhöhnung der Lehrer. Nicht eine Sekunde fragt sich Prensky, ob und wie es sinnvoll sein könnte, den alten Lernbegriff eventuell zu transformieren, welche Wert er hatte und noch haben kann. Er reißt ihn nieder und liefert ihn den angeblich ganz neu verdrahteten Hirnen aus. Schlimmstes Digiblabla würde Tim Wolfe sagen.

Ihr habt den Prensky nicht gelesen!

Aber Lisa Risa ficht das nicht an. Sie erhebt Prensky zu einer Koryphäe und allen, die seinen Terminus benutzen, wirft sie vor, seinen Aufsatz gar nicht gelesen haben. Diese armen unbelesenen Tröpfe! Haben ihren Prensky nicht gelesen!

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Aber wieso wendet sie selber Prensky eigentlich nicht an? Wieso schlägt sie keinen Funken aus dem, was er sagte? Weil sie eigentlich nur bisschen Schlaupolitik machen will. Sie sieht gar nicht, dass der Begriff von Prensky ein schönes Bild abgibt – aber dass wir heute, 2015, schon viel mehr wissen darüber, was die digital natives können und vor allem: was nicht. Kurz gesagt, hat Professor Igel recht, diese Jugendlichen können kaum mit ihrer Zeit umgehen, sie haben nur einen sehr vagen Begriff von Datenschutz und sie haben gar keinen von den Risiken des Netzes. Studien wie „Robert“ zeigen: Sie denken, sie müssten einfach einen Chat abschalten, dann seien sie sicher.

Dicke Milchglasscheibe

Die Milchglasscheibe, hinter der die Digitalisten des Lernens sitzen, ist dick und undurchsichtig. Die Realität davor ist für sie nicht mehr erkennbar. Viele Digitalisten sehen nur ihre eigene Wirklichkeit. Das sieht man an Beispiel 2 noch besser

Beispiel 2: Der EdChatDe, organisiert von zwei richtig klugen und engagierten Lehrern, denen ich mich freundschaftlich verbunden fühle, ist ein wöchentlicher Twitter-Chat über Schulfragen. Er stieg an diesem Dienstag erstmals nach den Sommerferien wieder, und ich fragte begeistert, Mensch, da könnte man doch über die Flüchtlingsfrage sprechen: Wie können Schulen die Tausenden Kinder und Jugendlichen gut aufnehmen?

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Nee, geht nicht, hieß es dann: Turnusmäßig ist beim ersten EdChat immer neues Schuljahr dran. Ich dachte und twitterte: Aber gehören die Flüchtlinge nicht zu diesem neuen Schuljahr?

Effiziente Klassenfahrten

Am Dienstag war der EdChat dann, blöderweise konnte ich nicht mitmachen. Aber da werden nunmal die Themen vorgeschlagen. HeuteGestern abend nun las ich, was rauskam bzw. zur Wahl steht. Die Themen, die zur Abstimmung in der Community vorliegen, sind also diese: 1) Ein Nerdspecial 2) Lehrergesundheit 3) Augmented Reality 4) Förderung von Hochbegabungen 5) Klassenfahrten effizient planen. Aber kein Flüchtling, nirgends. 
Wow! Das EdChat-Format unter Lehrern und Pädagogen, das für sich in Anspruch nimmt, der aktuellste und schnellste Lerndiskurs der Republik zu sein, spricht also lieber über, z.B., die Gesundheit von Lehrern – als über die der Tausenden Kinder und Jugendlichen, die bald in den Schulen ankommen? Die EdChatter machen lieber ein Nerd-Special als zu fragen, wie man mit Traumatisierungen umgeht? Sie denken nicht darüber nach, wie man genug Deutsche als Fremdsprache-Lehrer fortbilden und anheuern könnte, sondern zerbrechen sich den Kopf über augmented reality?

Konstruierte Realität

Ich denke, Realitätsverlust bzw. konstruierte Realität ist exakt das Thema, um das es hier geht. In Deutschland gibt es gerade rund 5.000 Willkommensklassen – niemand weiß es genau, nicht mal die Kultusminister! Wenn die Schüler aus diesen Klassen in die Regelklassen kommen, wird die deutsche Schule eine andere sein als vorher. Quatsch, es ist schon jetzt so. Die Schule 2015 muss sich neu erfinden. Aber gut, dass der EdchatDe solange mal effizient Klassenfahrten plant.

Miss Digi schlägt wieder zu

Beispiel 3 stammt von meiner Spezialfreundin Saskia Esken. Die Abgeordnete hat dieser Tage vorgeschlagen, man könne doch digitale Medien nutzen, um Flüchtlinge besser zu unterrichten. Dem Land fehlen über 10.000 Deutschlehrer – und Miss Digi schlägt Tabletunterricht vor. Wie weltfremd können Bundestagsabgeordnete eigentlich sein?

P.S. Inzwischen habe ich erfahren, dass der EdChatDE das Thema Flüchtlinge in der Schule auf jeden Fall behandeln wird – am 13. Oktober. Dann wird übrigens selbst die Landschildkröte KMK sich über Flüchtlinge unterhalten haben. Sie bespricht das Thema am 8. Oktober. Turnusmäßig. Old school beats new school.

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