Lernvielfalt allein reicht nicht. Es kommt auf Adaptivität an – und Steuerung durch den Lehrer und Rahmenbedingungen und Beziehung und Geld und und und man kann es auch einfach machen

Neu: Thesen von Ulrike Köllner (finden sie hier wie alle Thesen der Podianten)
Neu: Beispiele individuellen Lernens aus Deutschland und Schweden
Neu: Beatrice Rodenstock’ Thesen über die (Un-) Modernität des Bildungssystems
Neu: Christina Schenz antwortet auf Eckhard Klieme. Was bedeutet Adaptivität der Lernbedingungen? (Schenz großes Thesenpapier bitte hier)

Es ist DIE Gretchenfrage des neuen Lernens: Wie geht eigentlich jenes individuelle Lernen, das seit einiger Zeit alle so toll finden? Eine Antwort darauf wird Eckhard Klieme beim Jahresevent der Stiftung „Schule macht Gesellschaft“ in München versuchen. Dazu gibt es ein Podium mit Klieme, Ulrike Köllner, Beatrice Rodenstock und Christina Schenz. Pisaversteher moderiert die Runde am Freitag ab 18:00 Uhr in der Scholastika des Akademischen Männergesangsvereins München. Am Ende gibt Ute Andresen einen freundlich-kritischen Kommentar zur Veranstaltung ab.

Nie in der Jenaplanschule gewesen

Individuelles Lernen oder Fördern wird überall gehypt. Zuletzt hat der Philosoph Precht es in seinem Bildungsbuch besungen. Blätter man den Text durch und liest etwa die Passagen zum individuellen Lernen an der Jenaplan-Schule, dann weiss man: Precht hat diese Schule nie von innen gesehen, sondern nur durch das Kamerauge eines 10 Jahre alten Films. Wie individuelles Lernen geht, steht an keiner Stelle des Precht-Buchs. (Das muss Precht ja auch nicht erklären, er ist kein Lehrer. Aber wir, die Gesellschaft und vor allem die Lehrer und Eltern sollten mal positiv und an Beispielen beschreiben können, wie individuelles Lernen geht. Und nicht bloß sagen, das ist was anderes als Frontalunterricht/im Gleichschritt/immer alle auf der gleichen Seite des Lehrbuchs.)

Vielfalt von Lerngelegenheiten ist gleich Unterrrichtsqualität

Wie ein reflektiertes individuelles Lernen aussehen kann, dafür gibt Eckhard Klieme wertvolle Hinweise in seinem Referat „Vielfalt der Lernkultur oder adaptiver Unterricht: Was ist individuelle Förderung?“ Seine Thesen für Freitag lauten:

(a) Unstrittig ist, dass Lernen mehr sein muss als „Einpauken von (trägem) Wissen“: es geht heute darum, in den Schulen verständnisintensives, aktives, handlungsbezogenes Lernen zu ermöglichen.

(b) Auch ein solcher Lernprozess kommt nicht ohne Steuerung durch die Lehrkraft aus. Beim rein selbstgesteuerten Lernens werden häufig gerade die schwächeren Lerner mit ihren Problemen allein gelassen.

(c) Die bloße Vielfalt von Lerngelegenheiten macht zwar Schüler (und Eltern) zufriedener, ist aber kein Zeichen von Unterrichtsqualität. Diese zeigt sich hingegen an Tiefenmerkmalen wie Strukturiertheit, Unterstützung und kognitiver Herausforderung.

(d) Entscheidend für individuelle Förderung im Unterricht ist die Adaptivität des Lehrerhandelns und der Aufgabenstellungen. Sie setzt nicht zuletzt eine differenzierte (förder-diagnostische) Analyse des jeweiligen Lernstandes voraus.

Die Diskussionsrunde wird…

  1. den Klieme´schen Begriff individuellen Lernens diskutieren

  2. wird fragen, warum der alte Lernbegriff noch so starr ist und

  3. darüber nachdenkrn, wie man weiter kommen kann

wenn etwa mancher Kultusminister oder die Aktion gegliederte Schule darunter folgendes versteht: Das dreigliedrige Schulsystem macht individuelles Lernen möglich, indem es die Schülerschaft in gleichschlaue Kohorten tranchiert.

Mit Klieme diskutieren die Unternehmerin und Mit-Aktivistin von Gesellschaft macht Schule, Beatrice Rodenstock. Die engagierte Anwältin und Gründerin eines Gymnasialelternverbandes Ulrike Köllner. Und die Bildungswissenschaftlerin und Professorin für Grundschulpädagogik Christina Schenz.

Die Thesen von Christina Schenz sind gerade hereingekommen:

These 1: Lernen im Allgemeinen, aber schulisches Lernen im Besonderen, zielt auf die Fähigkeit des individuellen Menschen ab, nicht nur mehr zu wissen oder mehr zu können als vorher, sondern mit dem „Gelernten“ selbstbestimmt umzugehen. (Nicht nur das „WIE lernen wir“, und „auf welcher Kompetenzstufe kann ich das schon“ sondern vor allem das „WARUM mache ich das“ steht dabei im Vordergrund).

These 2: Individuelle Lernprozesse bedürfen adaptiver (angepasster) Lernumgebungen, die der Individualität der Menschen einerseits entgegenkommen und andererseits Sinnstrukturen für den Einzelnen schaffen

Lernen steht in Wechselwirkung zur Umwelt: Sowohl was die Lernanlässe anbelangt, als auch was die Ausrichtung anbelangt: Schulisches Lernen ist immer dialogisch eingerichtet (Welt-Subjekt-Bezug) und zur Teilnahme das Leben in der Gemeinschaft ausgerichtet.

These 3: Die Professionalität von Lehrkräften ist der Kristallisationspunkt für schulisches Lernen und Bildung

Thesen von Beatrice Rodenstock:

In einer immer komplexeren Welt, in der gleichzeitig die Individualität gewinnt, müssen wir lernen mit Paradoxien umgehen zu können und auf Veränderungen schnell reagieren zu können. Tun wir das nicht, fallen wir durch sämtliche gesellschaftlichen Netze. Das bedeutet für das Bildungssystem, konkret die Schule, als ein Ort der Prägung unserer Kinder:
Wir haben in der Bildung ein quantitatives Problem (1) (25% erreichen keine Ausbildungsreife), ein strukturelles Problem (2) und ein qualitatives Problem (3) („Kreativität braucht Raum zum Scheitern ohne Beurteilung“ Rasfeld/Spiegel).

1. Jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, besitzt Potenziale und hat das Recht auf eine umfassende und kind- bzw. altersgerechte Bildung und Erziehung – Stichwort „Bildung vom Kind her denken“.

2. Zu starre Strukturen in den Schulen (Vorgabe der Kultusministerien) für Abläufe, Zeiteinheiten (45 Minuten), finanzielle Mittel und Inhalte (Lehrpläne, Lernzielkontrollen) verhindern Beziehungsaufbau und die Fokussierung auf das Wesentliche („Schule als Box der beschränkten Möglichkeiten“). Es benötigt den Ausbau der Eigenverantwortung von Schulen und der Partizipation aller Bildungsbeteiligten.

3. Konformität wird höher bewertet als Heterogenität (Individualität); Defizite stehen im Fokus, keine Potenzialentfaltung; 30 % der Kinder gehen mit Angst in die Schule, die hemmt Lern- und Kreativitätsbereitschaft.

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