Zwei Fälle, die ein Licht darauf werfen, wie charismatisch pädophile Täter sind – und wie hilflos Gesellschaft und Justiz mit ihren absurden Begründungen umgehen.

Zunächst der Fall des Timo B., berühmt geworden, weil er als Betreuer das ADHS-Alm-Projekt der deutschen Sinn-Stiftung begleitete, durch das der Hirnforscher Gerald Hüther mehrfach ins Fernsehen kam. „Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang Ritalin“, lautet das Motto der Therapie. Pisaversteher enthüllte im März letzten Jahres, dass es durch Timo B. mutmaßlich auch Missbrauch beim dem reformpädagogisch inspirierten Alm-Projekt selbst gegeben hat. Der Betreuer war, anders als zuvor behauptet, öfter allein mit den sechs Jungen. Über den Aufenthalt gibt es emphatische Reportagen.

Nun  steht Timo B. in Bern vor Gericht, ein vielfach hochgelobter Sozialpädagoge. Er habe das Vertrauen und die Anerkennung der Jungen gewonnen, die er missbrauchte, hieß es laut Berner Zeitung in dem Verfahren. B. machte Missbrauchs-Aufnahmen und tauschte sie über das Internet. Er setzte die Jungen unter Alkohol und Drogen. Es ist also das ganze Programm sexualisierter Gewalt – nur dass das Gericht dem Angeklagten jetzt auch reine physische Gewalt nachweisen müsse.

Als ob zu Missbrauch die Anwendung physischer Gewalt gehören müsste. Sexualisierte Gewalt auszuüben, heißt eben nicht zwingend, jemanden physisch zu überwältigen. Es kann zum Beispiel bei einem Pädagogen heißen, die Macht über Jungen zu missbrauchen, um sich an ihnen zu vergehen. Die Macht der Anerkennung für die Buben. Die Macht, auf Augenhöhe zu sein. Die Macht, sie durch Drogen wehrlos zu machen. Ist das dann im Wortsinn Gewalt wie bei einer Vergewaltigung? Wir sehen, das Trauma der Überwältigung bei Missbrauch erfasst und zersetzt sogar die Sprache.

Mal sehen, zu welchem Schluß das Gericht kommt.

Der zweite Fall aus Berlin zeigt eine erstaunliche Parallele zur Odenwaldschule und Gerold Becker. Als endlich auch unter den Reformpädagogen nicht mehr zu leugnen war, dass der begnadete Reformpädagoge Jungen missbraucht hatte, hieß es zur Begründung: dass der Gerold überarbeitet gewesen sei. So stellte es laut Morgenpost (weil die Links nicht funzen unten die Zitate) auch Nigel R. dar, der an der berühmten Mandela-Schule beging: dass er sich zur Tatzeit in einer permanenten Überlastungssituation befunden habe. Immerhin hat er auch klar gestellt, was die Dimensionen seiner Taten waren:

„Mir war nach jeder Missbrauchstat klar, wie unverantwortlich ich gehandelt habe“, sagte der Angeklagte. „Ich habe nicht nur seinen Körper missbraucht, sondern auch sein Vertrauen.“

 

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