Tagung AG KiM, Kinderschutz in der Medizin, Hygienemuseum Dresden: 9. Mai 11:15 Uhr

Die zwei Welten für den Kinderschutz: Gesundheitswesen und Jugendhilfe im Dialog

Es ist eine der kompliziertesten Entscheidungen für die Jugendhilfe: Wann nehme ich ein Kind aus der Familie, weil ich das Kindeswohl gefährdet sehe? Hinterlässt meine Entscheidung vielleicht tiefe Spuren in der Familie? Und ist das Kind in Heimen und Pflegefamilien eigentlich sicherer?

Organisierte Armut: Wie der Sozialstaat gezielt Kinder arm und dumm und tot macht

Als im Januar 2012 Chantal in ihrer Familie starb war sie mehr als ein Fall großer Trauer und Fassungslosigkeit. Denn Chantal war kein kleines Kind mehr, sie war 11 Jahre alt. Und sie starb nicht bei ihren eigenen Eltern. Ihre Mutter war bereits 2010 an Alkoholsucht gestorben, ihr Vater war so drogenabhängig, dass er sie längst nicht mehr betreuen konnte. Nein, Chantal starb nicht da, wo sie geboren und aufgewachsen ist, sie starb in der Familie, die die Behörden ihr zugewiesen hatten – um sie zu retten und ihr ein besseres Leben zu geben. Bei ihren Pflegeeltern bekam sie Methadon, ein Drogenersatzmittel, das sie nicht überlebte.

 

Wie kann es sein, dass der Staat ein Kind nicht schützt, sondern seine Jugendämter es dem Tod ausliefern?

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Chantal ist kein Einzelfall, sondern sie ist ein Prototyp und ein Symbol, das für die weitere deutsche Armuts- und Sozialpolitik gilt. Die Kinder in Deutschland sind nicht überraschend und unsichtbar arm. Wir wissen auch, wo die Bildungsverlierer in die Schule gehen. Und die Behörden waren bei den meisten Fällen gestorbener, verhungerter oder erschlagener Kinder nicht blind. Armut, Schulversagen und Tod in der Familie sind keine Unglücksfälle, sie sind bekannt, sie sind vorhersehbar, ja sie sind organisiert durch einen Wohlfahrtsstaat, der bei bestimmten Gruppen seine elementarsten Ziele aus den Augen verloren hat.


Die Arbeitsgemeinschaft Kindeschutz in der Medizin setzt sich mit solchen Fragen (und anderem) auseinander. Bei ihrer Jahrestagung in Dresden will sie nun einen wichtigen Diskurs offen führen: wie ist die Kooperation zwischen Kinderärzten und Jugendhilfe? 


In das Kreuverhör treten Hans Leitner von der Jugendhilfeberatung Start GmbH und Hendrik Karpinski, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin und Leiter der Kinderklinik Niederlausitz. 


Leitner sagt, was Jugendhilfe dem Bereich Gesundheit konkret vorwirft!
 
  • strukturelle Unkenntnis gepaart mit gelebter Ignoranz und zur Schau getragenem Hochmut
  • hohe Erwartung und klare Vorgaben, aber mangelhafte Orientierung für den Einzelfall durch unklare Positionierungen z. T. versteckt hinter ärztlicher Schweigepflicht und Datenschutz
  • eigene Ohnmacht verdrängt mittels Androhung von Jugendhilferepression gegenüber Eltern
  • Kompensation eigenen „Systemversagens“ verkehrt in Vorwurfshaltung gegenüber der Jugendhilfe bestenfalls das Angebot einer gemeinsamen Leidensgemeinschaft gegen die Familien


Hendrik Karpinski kontert: 

Was stellen wir uns unter einem Menschen der Sozialpädagogik studiert hat vor? 

Menschen, die sozial hoch engagiert sind und

das dann auch studieren…

… und im Studium unglaublich viele Dinge lernen, um Familien zu helfen…
…und das sozial…
… selten aber, was am meisten wirkt…
… ganz viel, was man tun könnte …
… aber wenig, was man tun muss …

.

Und die Verantwortung?

Sie wird so lange im Team geteilt…
… bis möglichst wenig für den Einzelnen übrig bleibt…
… und manchmal auch gar nichts.

.

Was sind die wirksamsten Waffen im Kinderschutz ?
… wenn ein Verdacht auf eine Straftat bei den Eltern strafrechtlich nicht zur Verurteilung führt, dann ist ja offensichtlich alles gut!



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