Die unerträgliche Leichtigkeit des Andrej Holm

Eine Debatte mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk und dem inkriminierten Staatssekretär Andrej Holm zeigt: der kritische Stadtsoziologe ist nicht haltbar in der Berliner Landesregierung – aus formalen wie aus politischen Gründen

Die Diskussion (am Freitag, 6. Januar) auf Einladung der Havemann-Gesellschaft war nur stellenweise hektisch, sie war vor allem aufklärend. Aber das erwies sich kaum als Verdienst von Andrej Holm, sondern als das von Ilko-Sascha Kowalczuk. Hier sein Referat in gekürzter Fassung. 

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Holm, Moderatorin Bieritz, Kowalczuk

Der Historiker in Diensten der Gauck-Behörde zeigte, wie Aufarbeitung gehen kann, übrigens fast mehr als politisch denkender Bürger denn als Fachmann. Holm, der sonst ein Seismograph auch feinster sozialer Risse sein kann, zeigte hingegen wenig Fähigkeit zu verstehen, was sein – kurzer – Job als Stasi-Offizier bedeutet: damals wie heute. 

Kategorien zersetzen

Andrej Holm kaprizierte sich darauf, dass er ein paar falsche Kreuzchen gemacht habe, als er 2005 den Fragebogen zur Einstellung bei der Humboldt-Universität Berlin ausfüllte. Seine Anhänger gingen im Saal gar so weit, die Kategorie „hauptamtlicher Mitarbeiter“ des Ministeriums für Staatssicherheit zersetzen zu wollen.

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So, als sei das kein eindeutiger Rechtsbegriff und als hätte Holm noch 2005 seine Rolle als junger Stasi-Offiziersanwärter im Jahr 1989 nicht einordnen können. Das ist grotesk. Holm hat bei drei von vier Fragen im Personalbogen falsch angekreuzt: er verneinte, fester Mitarbeiter des MfS gewesen zu sein, er verneinte eine Verpflichtungserklärung unterschrieben zu haben und er kreuzte auch an, dass er kein Gehalt für seine Tätigkeit bekommen habe. Lediglich die Angabe über seinen Wehrdienst beim Wachregiment Feliks Dzierzynski machte er. Obendrein bekräftigte er mit seiner Unterschrift die Erklärung, dass er weder hauptamtlicher noch inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Diese Erklärung war eine falsche. Es bedeutet aus rechtlichen Gründen nun für ihn wahrscheinlich das Aus als Mitarbeiter der Humboldt-Uni – und damit auch sein schnelles Ende als Staatssekretär. Holm hat im Jahr 2005, also 15 Jahre nach der Wende, falsche Angaben gemacht. Punkt.

Das wäre beinahe schon in Gänze die formale Frage. Aber bereits hier beginnt die unerträgliche Leichtigkeit des Andrej Holm im Umgang mit seiner Vergangenheit. Und seine Unfähigkeit, vom Formalen ins Materielle und Politische zu wechseln. Er erklärte, dass dieser Personalbogen von ihm ganz schnell habe ausgefüllt werden müssen, weil es dann gleich mit der Arbeit als Wissenschaftler beginnen sollte. „Das ging zack, zack.“ Blöderweise aber ging es dabei eben nicht husch, husch um irgendwelche Kreuzchen über Schuhgrößen oder Körpermaße, sondern die essenzielle und hochpolitische Frage, ob er bei der Stasi war.

Für die Humboldt-Uni hatte einst der Fall des Heinrich Fink traumatische Auswirkungen. (Hier ein Beitrag, ab Seite 180ff zu IM Heiner) Der Theologe und große Rhetor war der erste frei gewählte Postwende-Rektor der Uni. Er begeisterte die Studenten, er war ein Neubeginn und Aufbruch – dachte man. Aber er war mit höchster Wahrscheinlichkeit IM der Stasi, auch wenn er bis heute sagt, er sei abgeschöpft worden und habe nicht eigenständighändig Berichte verfasst. Die Uni bzw. das Land Berlin mussten Fink das in einem quälenden Arbeitsgerichtsprozess nachweisen. Damals zeigte sich: Politische Vergangenheit und persönliche Verstrickung in einem Arbeitsgericht aufzuklären, ist nur bedingt glücklich. Um solche Fälle zu vermeiden oder wenigstens zu vereinfachen, erfand man die Erklärung, die Holm im Jahr 2005 falsch unterzeichnete.

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Gab es überhaupt hauptamtliche Mitarbeiter des MfS?

Holm sagte nun vor weit über Hundert Zuhörern im Sebastian Haffner-Zentrum der Volkshochschule Pankow, über die falschen Kreuzchen zu diskutieren sei seiner Ansicht nach der falsche Weg, um Vergangenheit aufzuarbeiten. Ja klar, aber wieso reflektierte er dann in der Sache so dürftig über seine Vergangenheit?

Zunächst Opfer

Was Holm vortrug war ziemlich schal und gipfelte in einem peinlichen Vergleich. Der Noch-Staatssekretär fragte, ob wohl sein 14jähriger Sohn – der heute gerne Fleisch esse – denn mit 30 Jahren ein glaubwürdiger Vegetarier sein könne. Er wollte damit auf seine Jugend anspielen. Holm hatte bereits mit 14 Jahren schriftlich seine Bereitschaft erklärt, Offizier der Stasi zu werden. Kowalczuk sagte dazu, Holm sei aus diesem Grund für ihn „zunächst das Opfer“ eines repressiven Regimes und Elternhauses – weil es bereits Kinder dazu verführe, schriftliche Erklärungen abzugeben, deren Inhalt sie gar nicht ermessen könnten. Aber Holm selbst machte die Vorlage mit seinem albernen Vergleich zunichte. Er sprach nicht etwa über sich, sondern über seinen Sohn – und übers Essen.

„Verwirrend ist, dass die Linkspartei und Holm so taten, als sei es weniger problematisch, Spitzelberichte zu lesen, als sie zu verfassen. Historisch ist es aber genau andersherum einzuschätzen.“ (Kowalczuk)

Ilko-Sascha Kowalczuk vermied es in seinem einleitenden Referat, Andrej Holm zu verurteilen oder eine fertige Lösung anzubieten. (Siehe Mitschnitt hier, einzelne Stellen mit Minutenangaben, die sich auf diesen Link bei Bizimkiez beziehen.) Kowalczuk beschrieb dessen (und auch seine eigene) Familienbiografie im Herrschaftssystem der DDR, und zwar weit zurück bis in die Nazizeit. Der Historiker machte zugleich deutlich, dass ein 14jähriger, der sich für die Stasi entschieden hatte, eben nicht nur eine Unterschrift leistete, sondern in ein engmaschiges Netz der Überwachung gewoben wurde. Dem angehenden Stasi-Offizier sei abverlangt worden, seine frühe Entscheidung immer und immer wieder aktiv aufs Neue zu beweisen. „Es sollte ja niemand mehr abspringen, es sollte sich ein Sonderbewusstsein der künftigen Offiziere ausbilden“, beschrieb Kowalczuk. „Niemand wurde von der Stasi so intensiv überwacht wie die Stasi-Mitarbeiter selbst“ (ab Minute 14), und Andrej Holm gehörte dem roten Adel an. Sein Großvater hatte bereits gegen die Nazis gekämpft und war zeitweise im KZ. 

Holms Lebenslüge

Kowalczuk trug das als eine Entlastung für Holm vor. Denn es bedeutete für den Jugendlichen einen biografischen Zwang. Holm werde heute abverlangt, sich für an Entscheidungen in so jungem Alter noch 27 Jahre später zu erinnern – und sie zu begründen: „Das ist nicht gerecht“, sagte Kowalczuk. Freilich decouvrierte der Historiker damit auch eine Lebenslüge Holms: dass er irgendwie gar nicht richtig wusste, dass er Offizier der Staatssicherheit und Hauptamtlicher im MfS war. „Du hast eine andere Uniform getragen, Du hattest andere Schulterstücke, Du hast einen viel höheren Sold bekommen“, zählte Kowalczuk auf. „Ich kann nicht glauben, dass Du das nicht gewusst hast.“

„Vertrackt ist, dass Holm als künftiger Führungsoffizier nicht irgendwelche Betriebsberichte las, sondern auch IM-, also Spitzenberichte“ (Kowalczuk)

Wer Kowalczuk zuhörte bekam auch einen Eindruck davon, wie operativ Holms Tätigkeit bei der Stasi in Wahrheit war – auch wenn sie nur sehr kurz war. Holm begann seinen Dienst als Offiziersschüler am 1. September 1989 (zwei Jahre später hätte er als Hauptamtlicher in Leipzig Journalismus studieren sollen). Im Herbst 1989 aber, Holm ist knapp 19 Jahre alt, seien alle Einheiten der Stasi in höchste Einsatzbereitschaft versetzt worden. Das heißt, es wäre jederzeit möglich gewesen, dass man ihn zum Einsatz gegen die Staatsfeinde gerufen hätte. (ca. ab Minute 25) Holm war nach einer militärischen Grundausbildung in einer „Auswertungs- und Kontrollgruppe“ beschäftigt, die Berichte aus Betrieben zu lesen hatte. „Vertrackt ist, dass Holm als künftiger Führungsoffizier nicht irgendwelche Betriebsberichte las, sondern auch IM-, also Spitzelberichte“, klärte Kowalczuk auf. „Verwirrend ist, dass die Linkspartei und er selber so taten, als sei das weniger problematisch als Spitzelberichte zu verfassen. Historisch-strukturell gesehen ist es genau andersherum einzuschätzen.“ Denn die Auswerter schlugen die operativen Handlungen und Maßnahmen vor, welche die Stasi gegen Abweichler ergreifen wollte. Holm selbst sei nur kurze Zeit in dieser Tätigkeit beschäftigt gewesen. Kowalczuk sprach in seinem Referat aber auch eine Warnung aus. Bisher gebe es nur die Informationen aus einer Akte, der von Holm nämlich. Es könne jederzeit sein, dass aus anderen Akten noch weitere Erkenntnisse über Andrej Holm kämen. „Ich sage das nicht als Drohung, sondern das ist der Lauf der Dinge.“

Holm hatte zu diesen Fragen leider nicht allzu viel beizutragen. Er entschuldigte sich. Er erklärte, dass es ihm leid tue, er aber seine Biografie nicht verändern könne. Freilich klang das alles eher nach den Satzbausteinen, die er seit langem von sich gibt. Für einen Politiker in der Krise ist das eine nachvollziehbare Kommunikationsstrategie, aber für einen Denker und politischen Kopf wie Holm sehr wenig. Es gab beim Diskussionsabend der Havemann-Gesellschaft eigentlich nur eine Stelle, an der so etwas wie eigenständiges Erinnern und Nachdenken bei dem Gentrifizierungs-Experten einsetzte. Dabei ging es darum, wie er die Stasi-Ausbildung und seine Kameraden im Herbst 1989 empfand. Immerhin war es so, dass Holm mit der Stasi noch Schießen und Handgranatenwerfen übte, während in vielen Teilen der DDR Bürgerrechtler auf die Straßen gingen – und dabei ihr Leben riskierten.

Chinesische Lösung

Holm berichtete, wie schwer es gewesen sei, mit den Kameraden zu sprechen, wie man „eine chinesische Lösung“ verhindern könne oder nicht ihr militärischer Teil zu werden. Man habe mehr darüber nachgedacht, erzählte er, ob man sich den Fuß absichtlich verdrehe oder sich selbst einen Finger breche.

Das Problem des Falls Andrej Holm ist, dass die Linke ihn zum Staatssekretär machen wollte, ohne seine kurze, aber hauptamtliche Stasi-Tätigkeit offensiv zu thematisieren. Nun muss alles ex post nachgeliefert werden, und auch Holm selbst hat sich offenbar nicht sehr gut darauf vorbereitet, wie er diese Diskussion mit Fakten und Nachdenklichkeit bereichern könnte. Immer wieder beruft er sich auf ein Interview in der taz im Jahr 2007, in dem er vergleichsweise kritisch befragt wurde. Dazu bemerkte Kowalczuk knapp, dass Holm schon damals nicht die ganze Wahrheit erzählt habe. 

tl; dr

Ein Manko der Debatte war die Moderatorin. Holm durfte über seine Erklärung für die Universität gar nicht sprechen, da es ein arbeitsrechtlicher Fall in der Schwebe ist. Dennoch blieb die RBB-Kollegin weite Strecken des Gesprächs nur bei dieser Erklärung stehen. „Warum können sie sich nicht erinnern“, fragte sie. Und Holm antwortete völlig zurecht: „Man erinnert sich an das, an was man sich erinnert.“

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