Willkommen im Twitterlehrerzimmer:

Mit dem Hashtag #Twitterlehrerzimmer markieren Lehrer und Bildungsinteressierte Tweets. Und debattieren kreativ und gescheit über die Transformation der Schule.

[So lautet die Titelei über einem Text, der online und auf der Seite 3 der Berliner Zeitung erschien – mit einer anderen Überschrift. Das Besondere: die Kolleg*innen ließen sich darauf ein, den Text über das Twitterlehrerzimmer vorab online zu veröffentlichen und dann im Twitterlehrerzimmer diskutieren zu lassen. Erscheinen sollte und publiziert wurde dann tatsächlich eine Fassung, die im Lichte dieser Debatte redigiert wurde. Im folgenden der Text (1) mit Fotoausschnitten, ein Blick in den Herstellungsprozess (2), ein Blick auf die Zitate (3) und ein Kommentar (4). Und Fußnoten (5) {17.1.21}

Was man sofort erkennen kann: es entsteht eine Vielzahl von Varianten, die Ursprungsfassung, die Kommentare, die veränderte Online-Fassung und die von der Textchefin schlussredigierte Druckversion. Dieser Blogpost ist ein work in progress.]

1. Der Text

Von Christian Füller

Vergangenen Februar hatte Caroline Treier eine Vorahnung. Eine Schließung der Schulen steht bevor, sagte sie sich. „Wo kriege ich jetzt Ideen her, wie ich Schüler am Lernen beteilige, die zu Hause sitzen?“ Also schaute sich die Leiterin einer Berliner Reformschule um. Sie recherchierte über die deutsche Schule in Schanghai, die ihren Unterricht bereits komplett ins Netz verlegt hatte. Am besten fühlte sie sich auf Twitter informiert. Sie fand „viele inspirierende Anregungen“ im sogenannten #Twitterlehrerzimmer. Dort tauschen Lehrer Kurznachrichten aus – meist über digitales Lernen. „Ich will das Twitterlehrerzimmer nicht mehr missen“, schwärmt Treier „Dort lerne ich über Ländergrenzen hinweg tolle Beispiele digitaler Klassenzimmer kennen.“

Labor der Schulreform, speed dating für Lehrer:innen

Das Twitterlehrerzimmer ist zunächst ein Doppelkreuz mit Kennwort: Mit #Twitterlehrerzimmer (oder kurz #twlz) markieren Lehrer und Bildungsinteressierte ihre Tweets, wenn es um die pädagogische Transformation der Schule geht. Sie schicken kluge Sätze, interessante Links oder auch scharfe Abrechnungen. Obwohl nur etwa 2.500 3.000 Nutzer die Tweets des #Twitterlehrerzimmer-Bots abonniert haben, ist die Intelligenz und Wirkung dieses Schwarms nicht zu unterschätzen. Während der Schulschließungen mauserte sich das digitale Lehrerzimmer zu der Nachrichtenquelle unter digitalaffinen Pädagogen. Es war Blitzfortbildung, Labor der Schulreform und Speed dating für Lehrer in einem.

Berühmt wurde das Twitterlehrerzimmer kurz vor dem Jahreswechsel. In einem Bericht des TV-Magazins „Panorama“ schimpften Lehrkräfte per Video auf die Kultusminister. Sie forderten, den Präsenzunterricht auszusetzen. „Und dass wir das nicht wieder aus der Zeitung erfahren“, warnte eine Lehrerin die Minister. Auf die Idee, ihre Sorgen als 15-sekündige Clips aufzunehmen, kamen die Lehrer im Twitterlehrerzimmer. Der „Netzlehrer“ Bob Blume, der wirklich so heißt und auch ein echter Oberstudienrat ist, hatte dazu aufgerufen. Motto: Hört uns endlich zu, Kultusminister! Blume montierte die Schnipsel zu einem Video – und verbreitete es an Tausende Follower.

2,8 Mio Zuschauer:innen in Panorama

„Das Twitterlehrerzimmer ist zu einer informellen Form von Interessenvertretung geworden“, sagt Bob Blume, der allein auf Twitter 12.000 Follower hat. Das heißt: Lehrer warten nicht mehr auf Gewerkschaftstage, ungelenke Fragen von Journalisten oder darauf, dass ein Kanzler Schröder sie faule Säcke heißt. Sie artikulieren und verteilen ihre Sicht auf Schule einfach selbst – und können damit sehr schnell große Reichweiten erzielen. Das Video #hörtunszu hatte in den sozialen Medien 40.000 Rezipienten – bei „Panorama“ schauten 2,8 Millionen zu.

Zunächst ist das virtuelle Lehrerzimmer ganz einfach praktisch. Dort helfen sich Lehrer gegenseitig, manchmal finden sich regelrechte Selbsthilfegruppen. Ein Lehrer des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh etwa tat sich mit 150 Lehrkräften aus ganz Deutschland zusammen, denen er vorher nie begegnet war. Sie stellten im #twlz Konzepte für die Kombination von Präsenz- und Online-Lernen bereit – für jeden zugänglich. Die Nürnberger Grundschullehrerin Verena Knoblauch fragte, wie sie ihre Drehbücher für Stop-Motion-Filme professionalisieren kann – und bekam sofort Zuschriften. „Ich baue das jetzt in eine Anleitung für Kolleg:innen ein“, erzählt sie. „Für mich heißt Twitterlehrerzimmer nehmen und geben.“ Tim Kantereit aus Bremen suchte sich im virtuellen Lehrerzimmer die Autoren für ein ganzes Buch. „Hybrid-Unterricht 101: Ein Leitfaden zum Blended Learning“ zählt 33 Lehrer als Mitverfasser – und kann seit August überall bestellt werden.

Der sachliche Austausch über guten Unterricht allein hält den losen Zusammenhang allerdings nicht am Leben. Irgendetwas anderes muss die Lehrer anfixen, dass sie bis spät in der Nacht und am frühen Morgen bereits über „Familien in der Krise“ lästern – die Lobby ist eines der Lieblingsopfer von Twitterlehrern. „Das Twitterlehrerzimmer macht einfach Spaß“, sagt Marian Kempkes vom Duden-Gymnasium in Wesel, Nordrhein-Westfalen. Susanne Posselt von der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe spricht gar von Verzauberung:

„Ich finde den Austausch mit eigentlich wildfremden Menschen über pädagogische Fragen faszinierend.“

Für Außenstehende drückt sich der Spaß auf bizarre Art aus. Dauernd werden GIFs oder Memes werden gepostet. Es gibt auch regelrechte Retweet-Orgien von Banalitäten, popkulturelle Phänomene, die an das Kichern in einer Diskussionsveranstaltung erinnern.

Für Martin Lindner, Autor des Buches „Die Bildung und das Netz“, geht es um etwas Elementares: Verbundenheit. „Diese Art von Community, von Feedback, von ‚Ich bin nicht allein‘ ist ein unglaublich positives Erlebnis“, sagt der Netzvordenker. „Die Energie, die dabei frei wird, kann man nur verstehen, wenn man sie vergleicht mit der Frustration, die Lehrer im realen Raum erleben.“ In den echten Lehrerzimmern geht es in der Tat anders zu. Eine Gesamtlehrerkonferenz kann nur mit Zustimmung aller Kollegen entscheiden. Kein Wunder, dass da das Kennenlernen auf Twitter geradezu romantisch aufgeladen wird. „Was sich gleich ist, findet sich“, heißt es in Hölderlins Hyperion – das ist der Kitt des Twitterlehrerzimmers.

„Sei kein Arsch, Nazi oder Troll!“

Dennoch kann von Harmonie im Twitterlehrerzimmer keine Rede sein. Gerade zwischen den Platzhirschen mit den vielen Followern wird gerne gestänkert. Erfahrene Twitterlehrer geben Grünschnäbeln daher gern Verhaltensregeln mit. „Man sollte sich nicht einschüchtern lassen“, sagt etwa Jan Hartwig vom Raichberg-Gymnasium in Ebersbach in Baden-Württemberg. „Als Neuling ist man leicht überwältigt von der schillernden Großartigkeit des Twitterlehrerzimmers“. Verena Knoblauchs Grundregel lautet: „Sei kein Arsch, Nazi oder Troll!“ Susanne Posselt von der Anne-Frank-Schule rät, „sehr genau darauf zu achten, was man von sich preisgibt und welches Bild dabei in der Öffentlichkeit entsteht.“ Im Übrigen findet sie: „Dass es zu Eitelkeiten und Rangeleien kommt, ist meines Erachtens ganz normal“.

„Als Neuling ist man leicht überwältigt von der schillernden Großartigkeit des Twitterlehrerzimmers“.

Und so könnte man den Cyberspace der Pädagogen auch wie ein ganz ordinäres Klassenzimmer karikieren – mit Ottilie Normaltwitterer, Mitläufern und Oberlehrern, die gerne mal den Rohrstock schwingen. In der ersten Reihe sitzen Streber, die jeden Tweet der Oberlehrer retweeten und liken, am besten beides. Die Masse plappert ohne jede Lektüre irgendwelcher Linkverweise nach, was von vorne frontalunterrichtet wird: Alte Schule ist out, Schulbücher sind faktisch tot (obwohl sie in Wahrheit quicklebendig sind), es muss nur ein neues Leitmedium und ein „Mindshift“ her.

Sprechverbote und Tabus: „Mehrwert“

Im Twitterlehrerzimmer gibt es nicht wenige Sprechverbote. Wer etwa sagt, digitales Lernen habe einen Mehrwert für Schule, der wird sofort verbessert – oder gleich blockiert. Längliche Lehrvideos werden gepostet, die genau erklären, was niemand versteht: dass man beim digitalen Lernen auf keinen Fall auf dessen Mehrwert schielen dürfe. Der Name des Hirnforschers und Digitalgegners Manfred Spitzer dient dazu, Kritiker zum Schweigen zu bringen. „Willst Du hier den #Spitzer machen, Du Troll?“, das ist so etwas wie ein Schulverweis aus dem Twitterlehrerzimmer.

Die Theorie sozialer Medien behauptet, alle seien gleich. Im Twitterlehrerzimmer spreche man auf Augenhöhe. Kleiner Studienrat, Influencer wie Bob Blume und Kultusminister im demokratischen Palaver. Es gebe ohnehin keine Teilnehmer, sondern nur Teilgeber, will sagen: Jeder muss Beiträge bringen – und wenn es nur Retweets sind. Sieht man genauer hin, findet natürlich kein herrschaftsfreier Diskurs statt. Das #twlz praktiziert eine – nicht selten verbeamtete – Machtausübung, die durchaus problematische Folgen in der Wirklichkeit haben kann.

Akademischer Oberrat und Wortführer

Wie etwa soll sich ein Referendar verhalten, wenn seine Seminarleiterin auf Twitter Lehrer regelmäßig als analoge Esel bloßstellt? Und was bedeutet es, wenn Axel Krommer, ein Akademischer Oberrat und Wortführer im Twitterlehrerzimmer, die „palliative Didaktik“ der herkömmlichen Schule kritisiert? Er meint damit Maßnahmen, die das Schulsystem nicht etwa heilen, „sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.“  Palliative Didaktik – dieser Begriff dürfte diejenigen, die diesem System verbunden sind, ins Mark treffen. Suggeriert er doch, dass nicht wenige Lehrer nur helfen, die Schmerzen des todgeweihten „Patienten Schule“ lindern, statt radikal für ein neues System einzustehen.

Wie die Mehrheiten im Twitterlehrerzimmer verteilt sind, konnte man sehen, als Deutschlands am besten gepflegte Open-Source-Lernplattform „Mebis“ vor Weihnachten in die Knie ging. Da machten auf Twitter schnell Beiträge, Videos und verlinkte Blogposts die Runde, in denen das Sterbeglöckchen für die bayerische Schulcloud mit weit über einer Million angemeldeten Lehrern und Schülern geklingelt wurde. Warum ist das so? Weil Microsoft mit seiner Cloud und MS Teams bereitsteht, Bayern zu übernehmen. Das Twitterlehrerzimmer mutet bisweilen wie ein Showroom des Eine-Billion-Dollar-Konzerns an.

Streitraum #edchatde

Dass das Twitterlehrerzimmer manchmal einem Boxring gleicht, liegt schon in seiner Geschichte begründet. Seine Vorläufer wie etwa der Hashtag #educamp  waren nie nur Chiffren und Nanoseminare für eine freundliche Lernreform, sondern stets auch Streiträume. Der direkte Vorgänger des #twlz war der #edchatde – ein Hashtag, unter dem Lehrer jeden Dienstag um 20 Uhr auf Twitter über Schule und Lernen disputierten. Der edchat endete allerdings in einem bitterbösen Streit, als die beiden Gründer ein Buch herausbrachten, in denen sie viele Tweets des Education Chats veröffentlichten – ohne die – Autoren zu informieren. Ein Sakrileg.

Was das Twitterlehrerzimmer mit seinen Reformimpulsen tatsächlich bewirken kann, ist also offen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst, die Bildungsministerin Brandenburgs, haben hier wenig Freunde. Immerhin liefert das digitale Lehrerzimmer aber das, was die Bildungsrepublik jetzt braucht: Das Digitale wird aus den Sternen gegriffen und unter die Lehrerschaft verteilt.

2. Der Arbeitsprozess

[17.1.21] Ich war, ehrlich gesagt, überrascht, dass die Kolleg:innen der Berliner Zeitung so unkompliziert die Idee aufgriffen, einen Zeitungstext in einem Forum online diskutieren zu lassen, ehe er im Print erscheint. Immerhin stellt das die Produktion auf den Kopf, es nimmt der Redaktion die Hoheit über den Text – vielleicht sogar ihre Pressefreiheit. Wie soll man kritische Bemerkungen z.B. über Philippe Wampfler publizieren, wenn dieser sie eliminieren kann? Prompt intervenierte der Schweizer Lehrer und bat, eine Stelle zu löschen, wo man ihn angeblich falsch verstanden habe. Was bedeutet das für Berichte über Politiker, enthüllende Geschichten oder Verdachtsberichterstattung, wenn die zu Enthüllenden Einfluss nehmen und sogar eine Vorzensur ausüben können?

Was wurde verändert? (work in progress…)

Es gab keinen im Detail ausgearbeiteten Plan für den kollaborativ kuratierten Text. Das unausgesprochene Motto lautete: „einfach mal machen“. Prinzipiell standen 8.000 Zeichen zur Verfügung – am Ende ging die Berliner Zeitung mit dem Stück auf ihre Seite 3, d.h. es waren 3.000 Zeichen mehr Platz da. Das ermöglichte es, den Ausgangstext von 11.000 Zeichen auf die Interventionen aus dem #twlz hin umzuschreiben, ohne massiv zu kürzen. Zum Beispiel wünschten sich diverse Twitterer mehr Informationen über die Geschichte des #twlz. Sie taten das nicht im offenen, kollaborativen Dokument – das Frank Karlitschek von Nextcloud spontan zur Verfügung stellte, thx Frank! -, sondern über DMs, Sprachnachrichten auf Messengern und in Mails. Also schrieb ich – auch nach einem anregenden Austausch mit Martin Lindner, einer der Big5 des #twlz, der sich nicht verweigerte – einen Abschnitt über die Geschichte von #educamp und #edchatde. Der war aber viel zu lang und schnurrte dann wieder auf die Schlüsselstory des #edchatde zusammen. (Das ist übrigens eine interessante Anekdote. – Siehe *Fußnote*)

Es entstand ein Problem, weil zu klären war, wo die Twitteria oder einfach nur Kommentatoren ihre Hinweise, Ergänzungen und Kritik hinterlassen sollten. Auf Twitter? Das schien mir etwas zu verstreut. Wie hätte ich das alles auch nur sichten sollen? In den Kommentarspalten der Berliner? Die gibt’s schlicht nicht. In einem offenen Dokument? Etwa bei Google-Docs? Da wäre das #twlz sofort auf der Zinne gewesen. Ich entschied mich, mit Nextcloud ein sicheres offenes Dokument einzurichten und zu hoffen, dass die Leute nicht einfach Text eliminieren – was aber prompt geschah.

Was sofort auffiel, war die sehr unterschiedliche Art, mit Edits umzugehen. Auch das hat sicher mit der grundsätzlich unterschiedlichen Herangehensweise von Lehrer:innen und Journalist:innen an Texte zu tun. Lehrkräfte erwarten zum Beispiel so etwas wie Vollständigkeit und eine Achtsamkeit, die sich darin ausdrückt, Kritik irgendwie freundich zu verpacken. Einer der Kommentierenden fragte mich, wo er denn seine Textteile reinschreiben könne. Er dachte offenbar, dass man in einen Zeitungstext einfach irgendwelche Sachen ein- und auffüllen kann. Mehrere Leute äußerten Kritik daran, dass der Text die kritischen Aspekte des #twlz zu sehr hervorhebe. Zwei Twitterer beteiligten sich sofort – mit bösen Briefen an die Redaktion, in denen sie sich beschwerten, dass man sie (absichtlich) falsch verstehen wolle. Die Vorstellung, dass es eine unabhängige Instanz gibt, die Äußerungen selbsternannter #twlz-Koryphäen unabhängig bewertet, ist offenbar nicht vorhanden. 

Hier zeigte sich ein grundsätzliches Problem: wie will man mit – zum Teil anonymen – Autoren gemeinsam einen Text remixen, die eine andere (Fach-) Kultur des Redigierens haben, die z.B. Fragen des stets begrenzten Umfangs oder die der kritischen Gehalte ganz anders sehen? Das stellt Zeitung, die ja immer unter Zeit- und Platznot arbeitet, vor fast unlösbare Probleme in der Alltagsproduktion. Die Umgehensweise in diesem Fall: ich habe die Änderungsvorschläge gründlich studiert, micht mit der Redakteurin abgestimmt und dann als – namensgebender – Autor Kritikpunkte in einem Redigat wie in einer Gesamtschau verarbeitet – ohne auf konkrete Hinweise etwa zu referieren.

Die in einem Text verwendeten Zitate spiegeln meist nur einen Bruchteil dessen wieder, was vorher angefragt oder eingeholt wurde. Die Fragen an Lehrer*innen waren asynchron über Sprachnachrichten aufgenommen worden, das machte die Zitat-Autorisierung noch besser überprüfbar – da ja beide Seiten ein Audio des gesprochenen Wortes hatten. Allerdings bereitet dies viel mehr Aufwand. Den zu Zitierenden sandte ich die Quotes per email zu. Sie gaben fast alle sofort und ohne Änderungen frei.

Bis auf zwei – prominente – Vertreter aus dem Twitterlehrerzimmer hatten zuvor alle Angefragten zugesagt. Sie bekamen via Twitter-DM drei Fragen, auf die sie per Sprachnachricht antworten sollten, nur dem Fachmann für Geschichte und Theorie Martin Lindner stellte ich spezielle Fragen. Die Autorisierung verlief völlig problemlos. Das macht es umso unverständlicher, dass sich @mediendidaktik_ und @phwampler weigerten, auf diese Art interviewt zu werden. Gerade auch weil Wampfler kurz zuvor noch eine Art Handreichung veröffentlicht hatte. Darin postulierte er, dass über Schule nur noch echte Experten zu befragen seien und dass – wenn es nach ihm ginge – auch nicht jeder Wald-und-Wiesen-Journalist künftig Fragen stellen sollen dürfe. (In meinen Augen schwingt hier ein tiefer Eingriff in die Pressefreiheit mit. Ich schreibe das zum einen der Bigotterie zu – Wasser predigen, Wein trinken – und zum anderen dem grundsätzlichen Missverständnis, das zwischen Lehrern und Journalisten herrscht. Lehrer wissen tatsächlich nicht, wie Journalismus funktioniert. Grundsätzliche Fragen, wie Zitate eingeholt und verwendet werden, wie Texte entstehen, wer Einfluss haben kann und wer auf keinen Fall – das ist für Lehrer*innen oft terra incognita.)

Im folgenden führe ich alle Zitate auf, wie sie frei gegeben wurden.

3. Die Zitate

Susanne Posselt:

„Ich finde den Austausch mit eigentlich wildfremden Menschen über pädagogische Fragen faszinierend. Der Lehrerberuf befindet sich ja ständig im Wandel –  gerade im Moment des Übergangs zu einer digitalen Gesellschaft. Da bietet Twitter einen unendlichen Fundus an Möglichkeiten.“ 

„Wie reich das twlz ist, ist mir vor allem im Frühjahr klar geworden. Meine Schule war geschlossen – und ich war fast verzweifelt auf der Suche nach Informationen danach, wie ich meine Schüler erreichen und den Fernunterricht organisieren soll. Fast alles was ich in den danach folgenden Wochen ausprobiert habe, kam aus dem Twitterlehrerzimmer.“ 

„Angefixt hat mich auch, dass ich auf Fragen schnell Antwort bekomme – und vor allem kompetent.“ 

„Dass das Twitterlehrerzimmer nicht nur Ausdruck reiner Freude ist, ist mir natürlich auch nicht entgangen. Bestimmte Personen erscheinen immer wieder in der time line. Bei manchen hat man den Eindruck, dass sie die Plattform nutzen, um sich im Glanz ihrer Follower zu sonnen.“ 

„Man muss sehr genau auswählen wie man folgt und wie man mit der Fülle an Informationen umgeht“. 

„Ich persönlich achte sehr genau darauf, was ich von mir preisgebe und welches Bild von mir in der Öffentlichkeit entsteht.“ 

„Was ich auch öfter mache ist, dass versuchr, mit interessanten Leuten in einen persönlichen Austsusch zu kommen – zum Beispiel zu telefonieren. Eine Form von Austausch, der ohne das Twitterlehrerzimmer gar nicht möglich wäre – obwohl er dort gar nicht mehr stattfindet“ 

„Das es zu Eitelkeiten und Rangeleien kommt ist meines Erachtens ganz normal. Mich interessiert am Twitterlehrerzimmer der fachliche Austausch um der Sache willen. Die Eitelkeiten sind mir nicht so wichtig. Vielleicht ist das eher Teil männlicher Kommunikationsform“.

Marian Kempkes:

„Das Twitterlehrerzimmer funktioniert wie ein echtes Lehrerzimmer: es gibt Leute, mit denen man sich sehr gut versteht. So entsteht ein direkter Austausch, der auch über persönliche Nachrichten läuft. Nur ist der eben viel weiter gespannt – über Schul- und sogar Landesgrenzen hinweg. Man kann Fragen eingeben – und sehr schnell Feedback im Bereich Digitalisierung von Lern bekommen“.

„Ich finde besonders den Austausch über zeitgemäße Bildung wichtig. Da geht es eben nicht nur darum, wie man welche App oder welches Tool einsetzt. Im twlz wird diskutiert, wie Lernen in der Zukunft eigentlich aussieht“.

„Ich bin nicht sicher, ob im Twitterlehrerzimmer das Bildungssystem geändert werden kann. Aber ich bin sicher, dass viele Ideen von dort kommen, mit denen man Schule und Lernen ändern könnte. Und das Twitterlehrerzimmer macht einfach auch Spaß“.

„Ich stehe im engen Austausch mit vielen Physik-Kolleginnen, entsprechend habe ich meine time line gestaltet; wir haben zum Beispiel einen Cloud-Ordner, in dem wir untereinander Klausuren für die Oberstufe austauschen. Innerhalb von 10 Minuten war dieser Cloud-Ordner aufgesetzt. Das ist ein Beispiel wie man blitzschnell mit guten Leuten zusammenarbeiten kann – und daraus ein großen Vorteil zieht.“

„Ein Beispiel ist, dass ich mit einer mir unbekannten Kollegin, die von der ganz anderen Schule und aus dem anderen Land kommt, über einen Microsoft Stream ins Gespräch kam. Wir haben uns dann zu einer Videokonferenz verabredet und Strategien entwickelt, wie man das eigentlich anstellt.“

„Man bekommt im Twitterlehrerzimmer schnell den Eindruck, dass alle anderen viel weiter sind, und dass man selbst irgendwie völlig veralteten Unterricht macht. Das muss man aushalten. Dann ist es wahnsinnig spannend, über das Twitterlehrerzimmer Einblick in den Unterricht und in das Klassenzimmer-Management von Kollegen. Man sieht ja selbst die Kollegen der eigenen Schule nicht im Unterricht. Jeder Lehrer macht hinter sich die Tür zu und macht sein Unterricht. Es gibt ganz wenig Austausch.“
Jan Hartwig: 

„Das Twitter-Lehrerzimmer vernetzt Tausende deutsche Lehrer Lehrerinnen und Lehrer. Das ist angesichts der Gesamtzahl zwar verschwindend wenig – aber es kommt eben darauf an wer sich da trifft. Unter dem Hashtag versammeln sich besondere Personen, die progressiv denken und Schule verändern wollen. Zum Teil gestalten die einfach schon diese Veränderung aktiv.“

„Zum Beispiel werden Fragen zur technischen Ausstattung zum Teil innerhalb von Minuten beantwortet – mit unglaublich viel Erfahrung und Expertise. An Konzepten des digitalen Fernlernens konnte man auf Twitter unter dem Hashtag unglaublich früh richtig viel sinnvolles und gutes Material finden.“

„Als Neuling ist man manchmal leicht überwältigt von dieser bunten und schillernden Großartigkeit. Da sollte man sich nicht einschüchtern lassen. Und das wichtigste für Lehrerinnen und Lehrer: das ist hier öffentlich – deswegen sollte man sich sehr genau überlegen, was man hier postet. Lästern oder so ist eher keine gute Idee.“ 

Verena Knoblauch:

„Twitter ist eine reiche Quelle an Inspirationen. Der Austausch geht viel weiter, als man als normale Lehrerin sonst erreichen könnte: es überschreitet die Grenzen der Schularten und Länder. Das ist unglaublich wichtig und kommt normalerweise viel zu kurz.

„Ich habe gerade nach einer Storyboard-Vorlage für Stop-Motion-Filme gesucht – und habe dazu viele gute Tipps erhalten. Ich baue das jetzt in eine Anleitung ein, das ich selbstverständlich wieder teilen werde. Für mich heißt twlz nehmen und geben.

„Ich habe schon mit einigen dieser Twittermenschen in echt Projekte realisiert. Aus digitalen Bekanntschaften sind echte Freundschaften geworden.“

„Sei kein Arsch, Nazi oder Troll – jenseits davon ist meines Erachtens das wichtigste Authentizität. Sich zu verstellen oder eine Rolle zu spielen, das klappt auch im Klassenzimmer nicht. Zum Authentischen gehört dann vielleicht auch, nicht immer einer Meinung zu sein und sich nicht immer nur toll zu finden“

Martin Lindner:

„Was über Twitter entsteht ist eine völlig neue Art von Verbindung zu anderen Lehrpersonen, die man nicht kennt, von denen man aber wahrnimmt, dass sie ähnlich unterwegs sind. Diese Art von Community, von Feedback, von ‚Ich bin nicht allein’ ist ein unglaublich positives Erlebnis. Die Energie, die dabei frei wird, kann man nur verstehen, wenn man sie vergleicht mit der Frustration, die Lehrer im realen Raum erleben. Dass eine derartige Verbindung Gleichgesinnter eben nicht im richtigen Lehrerzimmer stattfindet oder höchstens in Sonderfällen und mit einzelnen Kollegen. Diese buchstäblich grenzenlose spontane Vergemeinschaftung ist das Beglückende – übrigens auch für die Streithanseln.“

4. Der Kommentar

(work in progress) Kritik ist nicht normal, gefährlich in Bewegungen – Erfahrung – Was Elke Höfler sagt – einseitig

5. Fußnoten

#edchatde – Der Streit um den #edchatde leitete den Übergang zum Hashtag #twlz ein. Damals bat ich Philippe, über das Buch von André Spang und Torsten Larbig über den Edchat einen Text für den Freitag zu schreiben, bei dem ich damals Pauschalist und Redakteur war. Philippe nannte es analoge Machtspiele, was André und Torsten mit ihrem Buch trieben. Die waren derart sauer über das Stück und die Kritik an ihnen im pädagogischen Denkraum auf Twitter (der damals eben noch nicht #twlz hieß), dass sie sich de facto zurückzogen. Eine hübsche Parallele. So, wie sich die beiden damaligen Edu-Stars der Kritik u.a. durch Philippe entzogen, so machen es heute Philippe, Axel Krommer, Dejan usw. Sie sind – meines Erachtens – so etwas wie die neuen Lordsiegelbewahrer, Sprachpolizisten und Polit-Kommissare des #twlz, bei deren Verhalten man über die angeblich so wichtigen 4K nur schmunzeln kann. Dejan hat einen ganzen Blogpost geschrieben, in dem er „Nein, Nein, Nein“ ruft und sich weigert, über seine Rolle im „sogenannten“ #twlz nachzudenken – und warum er den Hashtag „noch nie benutzt“ hat.

Dejan erklärt, wieso er nicht zum Twitterlehrerzimmer gehören will