Am Montag diskutiert der „Bürgerrat Bildung Lernen“ mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz über die kaputte Chancengleichheit der Schule. Die zivilgesellschaftliche Bewegung arbeitet auf Initiative einer Stiftung. Wie unabhängig ist der Rat?

Herr Tarnow, auf der Hochglanzbroschüre, die Sie am Montag Katharina Günther-Wünsch, der Präsidentin der Kultusministerkonferenz übergeben…

… naja, eher Umweltpapier denn Hochglanz.

Dort finde ich das Wort Chancengleichheit in ungefähr 120 Variationen. Warum muss man so etwas Einfaches und Fundamentales so kompliziert ausdrücken?

Ja, man denkt, dass das selbstverständlich und einfach sein sollte: ‚Eigentlich müssen wir gar nicht darüber diskutieren, denn Chancengleichheit steht schließlich im Grundgesetz und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – genau wie das Recht auf Bildung.‘

Steht übrigens so schön und klar, wie Sie das jetzt formulieren, gar nicht im Grundgesetz. Auch das Recht auf Bildung hat das Verfassungsgericht erst während der Pandemie ganz explizit formuliert.

Sehen Sie. Und ganz ähnlich haben wir das bei den Diskussionen im Bürgerrat gemerkt, in dem ja sehr unterschiedliche junge und nicht so junge Menschen diskutieren. Einerseits ist Chancengleichheit ein Riesenthema mindestens seit 20 Jahren, als die erste Pisa-Studie herauskam. Aber andererseits ist es doch auch ein sehr abstrakter Begriff. Jede und jeder verbindet damit eine eigene Geschichte. Es finden sich sehr unterschiedliche Perspektiven. Und das wollten wir in der Sprache der vielen verschiedenen Menschen abbilden.

Chancengleichheit ist ein sehr abstrakter Begriff. Jede und jeder verbindet damit eine eigene Geschichte. Das wollten abbilden.

Interessant. Was heißt Chancengleichheit in der Schule? In einem Satz!

Jede Schülerin und jeder Schüler soll eine konkrete und praktische Chance auf einen Schulabschluss haben, der die Tür in ein selbstbestimmtes Leben öffnet. Dazu zählt auch, dass jeder seine Chance auf freie Berufswahl wahrnehmen kann. Das übrigens steht wortwörtlich im Grundgesetz.

Warum brauchen wir das? Damit die Wirtschaft besser läuft? Damit Sie ein besseres Gewissen haben? Damit sich jeder so entfalten kann, wie er das richtig findet?

Im Bürgerrat sind Kinder und Jugendliche, die noch zur Schule gehen – und die diese Freiheit und Sicherheit von Chancengleichheit nicht spüren. Das gilt noch mal mehr für die jungen Schulverweigerer, die auch im Bürgerrat mitgemacht haben und die eben nicht zur Schule gehen können, weil sie mit diesem System nicht klar kommen. Und das sehen der Straßenbahnfahrer, die Unternehmensberaterin und der Polizist, die mir gerade in den Sinn kommen und die alle im Bürgeramt vertreten sind, im Rückblick jeweils ziemlich anders. Was mich mit am meisten fasziniert hat bei den Gesprächen: Auch Menschen, die selbst von Ungerechtigkeit in der Bildung nicht direkt betroffen waren, machen es zu ihrem Thema, wenn sie mit anderen am Tisch sitzen, die von Chancengleichheit in ihrem Leben bislang nichts gespürt haben. Denken Sie nur an die jüngste internationale Studie, nach der ein Viertel der Viertklässler hierzulande nicht genug lesen und schreiben kann, um in der fünften Klasse selbstständig weiter lernen zu können.

Die Präsidentin der Kultusminister-Konferenz und Berliner Schulsenatorin hat als erste Amtshandlung dem Philologenverband gleich zwei Besuche abgestattet – also der Standesvertretung der privilegierten Gymnasien. Glauben Sie, dass diese Frau sich nun um die Risikoschüler dieses Landes kümmert, um die funktionalen Analphabeten? Dass Frau Günther-Wünsch die Unterschichtsfabriken namens Brennpunktschulen wirklich anpacken wird?

Frau Günther-Wünsch war vor kurzem noch Konrektorin einer Schule, wo viele Kinder unterrichtet werden, die vielleicht nicht die besten Startchancen haben. Wir haben sie bislang als jemanden wahrgenommen, die sehr leicht mit Menschen ins Gespräch kommt – und die vor allem zuhören kann. Sie wird am Montag bei unserem Bürgerratstermin in der Turnhalle der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule in Berlin-Marzahn mehr über die Situation von Kindern erfahren, die besonders gefördert werden müssten. Und natürlich versprechen wir uns von dem Termin auch, dass sie die Vorschläge des Bürgerrats mit in die Kultusministerkonferenz trägt.

„Ich selber fand Schule als Kind richtig doof.“

Sie sind ja nicht der Schulexperte der Kampagne des Bürgerrats, sondern ihr Öffentlichkeitsarbeiter. Was hat Sie an diesem Job gereizt? Sind ihre eigenen Kinder etwa in einer Hauptschule gelandet?

Zunächst: Wir machen keine Kampagnenarbeit im engeren Sinne. Was ich sehr spannend finde ist, wie Menschen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden, darüber sprechen, wie man Bildung und Lernen in Deutschland besser machen kann. Und wie’s mit der Schule läuft, läuft es ja nicht gut. Ich selber fand Schule als Kind richtig doof. Nun merke ich 40 Jahre nach meinem Abi, dass ganz viel von dem, was ich damals nicht gemocht habe, immer noch da ist. Ein paar Sachen sind sogar noch schlimmer geworden. Immer, wenn eine neue Studie veröffentlicht wird, sind alle ganz betroffen, sei es über den Lehrkräftemangel oder andere Katastrophen im Bildungssystem. Dann wird zwei Tage sehr groß berichtet – und dann ruht der See wieder still. Das heißt, es ist auch professionell in Sachen Kommunikation gesehen ein ganz dickes Brett. Es ist nicht leicht, eine kontinuierliche Berichterstattung über das Engagement des Bürgerrats und über die Krise der Schule oder die Chancenlosigkeit vieler Haupt- und Förderschüler zu kriegen.

In Rot: Zahl der Schulabbrecher der jeweiligen Schulform und Prozent der SchülerInnen, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verließen.

Apropos, sind HauptschülerInnen in Ihrer Initiative?

Es ist uns, gerade wegen der Unterschiedlichkeit der Schulformen in Deutschland, sehr wichtig, bundesweit auch Schülerinnen und Schüler in die Diskussion miteinzubeziehen, die in Schulen in so genannten „herausfordernden Lagen“ lernen. Also Kinder, die qua Herkunft und Schulform Chance praktisch keine Chance haben, das Abitur zu machen. Wir haben – wie erwähnt – Schulverweigerer dabei, Privatschüler, Kinder aus der Montessori-Schule und und und. Das ist also ein großer Mix von Lernenden. Was aber sehr interessant ist: Schülerinnen und Schüler aus allen Schulform kommen zu dem gleichen Ergebnis, was besser werden muss im Schulsystem, wie man besser lernen kann und welche Lerninhalte die Kinder tatsächlich auch weiter bringen in dem Leben, was vor ihnen liegt. Die Kinder haben sich hingesetzt und unter dem Motto #besserlernen einen Brief an die Politik geschrieben. Den können übrigens auch Erwachsene als Unterstützer unterschreiben – auch digital. Das, was diese Schüler besonders stört ist, dass sie kein Mitbestimmungsrecht bei Dingen haben, die sie direkt betreffen. Und wo könnte das mehr der Fall sein als bei dem Thema Schule und Bildung?

Der Bürgerrat scheint mir trotzdem eine ziemlich elitäre Veranstaltung zu sein, wenn ich die Namen der Stiftungen, Organisation und Ex-Professoren sehe, die da mitmischen. Wie kann es sein, dass Menschen, die künftig kein Elterngeld mehr bekommen, sich plötzlich um die Bildungsgrundsicherung kümmern?

Nein, ich weiß jetzt nicht, was daran elitär ist, wenn eine unabhängige und gemeinnützige Stiftung einen Bürgerrat fördert, der völlig frei in seiner Meinungsbildung ist. Die Montag Stiftung Denkwerkstatt macht dieses Zusammenkommen der Menschen möglich – ohne irgendeine inhaltliche Vorgabe. Das Fokusthema Chancengleichheit hat sich der Bürgerrat selbst gewählt.

Stephan Tarnow macht die Öffentlichkeitsarbeit für den Bürgerrat Bildung Lernen.