Jetzt geht’s los. Die privaten Bildungsforscher des FIBS machen, was alle staatlichen Akteure seit längerem ankündigen: sie nehmen eine kriteriengeleitete Analyse der Schülerkompetenzen vor. Genauer: der Kompetenzlücken

Der jüngste Pisaschock ist erst ein paar Tage vorbei. Aber eine genauere Analyse der Schwächen und Lücken, die sich aus dem Schulvergleichstest ergeben, hat nun Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie vorgenommen. Er hat die erschreckend schwachen Kompetenzwerte genauer untersucht. Zum einen mit Hilfe sozioökonomischer Daten und zum anderen mit einem Blick auf die langfristige Kompetenzentwicklung.

Was dabei herauskam, ist nicht wahnsinnig überraschend. Es lässt sich mit einem Bonmot des verstorbenen Fußballtrainers Christoph Daum so beschreiben: Der schiefe Turm von Pisa ist unten schief – sprich, die Schräglage der Kompetenzen der Nachwuchskräfte für die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt ist bei den sozial benachteiligten SchülerInnen zu suchen. Ihre Zahl wächst, ihre Lernstände sinken. Oder in Dohmens Worten:

Alle Schulformen schwächer, die niedrigen brechen ein

  • „Zwischen 2018 und 2022 fiel die Mathematikleistung um rund ein Schuljahr zurück, und bis 2025 hat sich dieser Rückstand nicht verringert.“
  • „Alle Schulformen sind schwächer geworden, am stärksten die integrierten Schulformen“ – und diese sind auch am stärksten von Lehrkräftemangel und sozialer Lage betroffen
  • „Herkunft und Geschlecht der einzelnen Jugendlichen erklären ein Viertel der Leistungsunterschiede, hinzu kommt die soziale Zusammensetzung der Schulen.“

Das, was Dohmen hier schreibt, ist nichts weniger als ein Skandal – und doch in Deutschland nicht spektakulär. Es ist ein Skandal, weil sich ein Staat und eine Gesellschaft, die auf hochqualifizierte Personen angewiesen sind, sich derlei nicht leisten können: zu wissen, dass ein Drittel seiner 15-Jährigen sowohl in Mathe als auch in Deutsch die Mindeststandards nicht erreichen – aber fast nix dagegen zu machen. Es ist für die Betroffenen ziemlich schwer, diesen großen Rückstand in diesem Alter noch aufzuholen.

Nichts sehen, nichts hören, kaum was tun

Aber der Skandal ist umso größer, als Dohmen herausarbeitet, dass eben nicht alle sozialen Gruppen und nicht alle Schulen von dieser Kompetenzschwindsucht befallen sind. Sondern es sind vor allem bestimmte Herkunftsgruppen, die in bestimmten Schulformen gewissermaßen konzentriert werden.

Kompetenzen sinken, je größer der Lehrermangel

Diese Grafik Dohmens sagt mehr als 1.000 Worte. Sie zeigt, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist:

Der Anteil der Gymnasien an der Schülerschaft steigt. Die Leistungen sinken besonders in den nicht-gymnasialen Schulformen.

Die Schülerschaft in Deutschland ist entlang ihrer Schulformen total gespalten: in den nicht-gymnasialen Schulformen hat sich die Zahl der Schulverlierer verdoppelt. An Realschulen liegt der Anteil verfehlter Mindeskompetenzen heute bei 30 Prozent (2015: 13 Prozent), an den (wie Dohmen sie nicht ganz korrekt nennt) integrierten Schulformen liegt er bei 53 Prozent (2015 23,8 Prozent). An den Hauptschulen ist die Zahl der SchülerInnen, die die Mindestkompetenzen verfehlen, „nur“ um 50 Prozent gestiegen. Aber klar, dort lag dieser Malus ja 2015 schon bei 43 Prozent, heute beträgt er 66 Prozent.

Sieht man sich den Lehrermangel an diesen Schulformen an, dann sieht es entsprechend aus: die deutschen Schulbehörden lassen Unterrichtsausfall offenbar eher an „integrierten Schulformen“ und Hauptschulen zu – dort liegt er bei fast 50 Prozent. An Gymnasien nur bei zehn Prozent, an Realschulen bei 21 Prozent. Nicht alle Schulen sind eben gleich.

Das vollkommene Pisa-Chaos

Ein nicht zu tolerierender Skandal

Diese Werte sind ein nicht tolerierbarer Skandal: es sind viel zu viele Risikoschüler und funktionale Analphabeten, und diese Verliererrate wird auf eine Weise hingenommen bzw. sogar befördert, die ein Staat mit einem Grundgesetz nicht zulassen darf, das den Artikel 3 enthält: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, steht da. „Niemand darf wegen… seiner Heimat und Herkunft… benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Genau das aber tut das deutsche Schulsystem: es benachteiligt bestimmte Gruppen, ja es verstärkt diese Nachteile sogar, indem es benachteiligte Schüler in bestimmten Schulformen konzentriert.

Warum ist Dohmens Analyse dennoch nicht spektakulär? Wie kann es sein, dass ein derartiger, den Wohlstand der Nation gefährdender Zustand nicht das ganze Land aufrüttelt und sofort zu entschiedenen Gegenmaßnahmen führt?

Weil das Land und vor allem seine Schulminister alles das wissen. Seit Pisa2000, also seit 25 Jahren. Das, was Dieter Dohmen jetzt gemacht hat, nämlich die Schweinwerfer und die Lupe auf die benachteiligten Schüler und Schulen zu richten, nahm Jürgen Baumert schon einmal vor. Der damalige Mister Pisa analysierte die Schwächen der Schule nicht mit einem Blick auf alle Schulen, sondern auf die – wie er es nannte – differenziellen Lernmilieus: also auf die Schulen mit komplexer sozialer Zusammensetzung. Sein Ergebnis: es gibt einen Schwellenwert an herkunftsbedingten Nachteilen, der Schulen als nicht mehr mit der Verfassung vereinbar markiert.

Oder anders gesagt: solche Schulen müssten eigentlich zugemacht werden, weil sie so eklatant gegen das Recht auf Gleichheit verstoßen.

Baumert war der erste, der die Scheinwerfer anknippste

Das empörende an diesen Ergebnissen ist aber nicht nur das Ergebnis selbst, sondern wie die politisch Zuständigen damit umgegangen sind: statt wie damals Baumert und heute Dohmen genauer wissen zu wollen, welche Schulen gegebenenfalls resilienter sind, wo sich Ungleichheiten abzeichnen, wo man ihnen abhelfen könnte usw. wollten die Schulminister immer weniger wissen.

Erst beschimpften sie den Macher der Pisa-Studien, den Deutschen Andreas Schleicher, dann stiegen sie aus dem nationalen Teil des internationalen Pisa-Tests aus und bauten sich ihr eigenes Beobachtungslabor, das IQB, Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Später verboten sie dem IQB die Ergebnisse der jährlichen Vergleichsarbeiten Vera 3 und Vera 8 einzusehen – und miteinander zu vergleichen.

Widersinnige Blinde-Kuh-Politik

Wir leben also in einem Jahrhundert, dessen ersten 25 Jahre davon bestimmt waren, den Pisa-Schock nur als erschreckendes Ereignis zu sehen, aber auf die detaillierten Informationen über das Wie und Warum nicht einzugehen, ja die Augen vor ihnen zur verschließen. Diese widersinnige „Blind-Kuh“-Politik gibt es immer noch. Als vergangenes Jahr der IQB-Bildungstrend ähnlich erschütternde Ergebnisse mit sich brachte, sollen Kultusministerinnen versucht haben, die Veröffentlichung der Daten zu verhindern. Später musste sich Petra Stanat, die Chefin des IQB, vorhalten lassen, warum sie keine Längsschnittstudien mache und nicht genau wisse, warum die Schüler so schlecht sind.

Lehrkräftemangel: Gymis hui, Hauptschulen pfui

Freilich sind die Kultusminister nun in eine Zwickmühle geraten, und zwar ein offen sichtbare: auf der einen Seite spielen sie weiter „Ich sehe nicht, was ich nicht sehen will“. Auf der anderen Seite aber spielen sie seit einiger Zeit bei einem ganz anderen Spiel mit: der datengestützten Schulentwicklung. Was ist das?

Kein Monopol auf Lernstände

Mit dem Ausbreiten digitaler Lernplattformen und Tools haben die Schulminister nicht mehr das Monopol auf die Lernstände. Institute wie das von Dieter Dohmen, neugierige Lehrer, die die Lern-und Sozialdaten selber analysieren, ja jeder Toolanbieter weiss heute mehr als die Kultusminister. Die Kultusminister steigen allerorten in dieses Spiel mit ein, indem sie die datengestützte Schulentwicklung über den grünen Klee loben – und das obwohl sie doch keine Gelegenheit verpassen, die Daten ihrer Schüler dafür nicht bereit zu stellen. Nur in einer notorisch gereizten wie uninformierten Gesellschaft können sich die SchulministerInnen diesen Spagat erlauben:

Einerseits nicht durch die Brenngläser, Lupen und Mikroskope zu gucken, die ihnen nähere Informationen über, pardon, die steigende Dummheit ihrer qua Schulpflicht Schutzbefohlenen liefern.

Andererseits bei jeder Gelegenheit die datengestützte Schulentwicklung zu preisen, ein Bildungsverlaufsregister zu fordern und eine Schüler-ID, die ihnen genau zeigen soll, wer versagt hat.

Dohmen stört den Drei-Affen-Frieden

Diesen paradoxen Drei-Affen-Frieden „Nix hören, nix sehen, nix sagen“ stört Dieter Dohmen. Denn er will es genau wissen.

Nicht auszudenken, Dohmen lägen nicht nur die Pisa-Rohdaten seit 2009 vor, sondern auch die IQB-Berichte und die Vera-3 und Vera-8-Daten. Zusammen mit den Informationen etwa des sozioökonomischen Panels oder Daten des Nationalen Bildungspanels und einer KI könnte Dohmen Muster erkennen, Schwächen diagnostizieren und auch Momente der Resilienz zeigen. Dohmen hätte das Dashboard der Nation in Händen – und müsste nicht, wie er sagt, „weitere zehn bis 15 Jahre darauf warten, dass wir die vielen Daten nutzen – und den SchülerInnen helfen.“

Die Schulminister brauchen dringend Aufklärung über die wahren Ursachen der schweren Bildungskrise. Jürgen Baumert hat einst versucht, die vom hellen Pisa-Licht erzeugten Schatten zu erleuchten. Später hat ein Start-up dem BMBF angeboten, anhand der eigenen gesammelten Lerndaten mehr Luzidität zu erzeugen. Nun kommt Dieter Dohmen und bietet tiefere Pisa-Analysen an.

Gebt ihm endlich alle Daten, damit Bürger, Eltern und Schulleiter endlich wissen, woran sie wirklich sind.