Eltern sind mit ihren Hoffnungen und Ängsten eingeklemmt zwischen einem verantwortungslosen Schulsystem und ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Der fundamentale Wandel der Kommunikationsbeziehungen verschärft die Krise

Eltern zwischen Hello Kitty, Karriereträumen und Kühltruhe: Thesen zum Treffen der Landeselternschaft Niedersachsen in der evangelischen Akademie in Loccum 11.11. 10 Uhr

0) Grundphänomen: Eltern wollen, dass in der Schule alles anders/besser
werden soll – aber gleichzeitig muss alles am besten so bleiben wie es ist. Genauer: wie die Eltern es in ihrer eigenen, meist hoffnungslos idealsierten Schulzeit erlebt haben.

0.1 Jeder ist Schulexperte – und seien seine Lernerlebnisse noch so grauenhaft gewesen: Er erinnert sich mit fröhlichem Schaudern an die teils grotesken Erlfahrungen in der Schulbank. „Aber es hat uns auch nicht geschadet“, heißt es dann, etwa wenn jemand eine „Ehrenrunde“ gedreht hat, wie man das vollkommen sinnlose Sitzenbleiben beschönigt. „In der Schule beginnt der Ernst des Lebens“, heißt ein schreckliches Bonmot – denn es beschreibt süffisant die Qualen, die bei vielen Kindern entstehen, wenn man ihnen ihre natürliche Neugier und ihren kindlichen Forscherdrang in der Schule ausgetrieben hat. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“, heißt die kontrafaktische Behauptung. Denn Hänschen, das ist inzwischen vielfach nachgewiesen, lernt ganz oft ziemlich wenig in der Schule.

0.2. Modernisierungsresistenz des Lernformats Klassenzimmer. „In jedem anderen Lebensbereich würde jemand, der nach fünfzigjährigem Schlaf wieder aufwacht, die Welt um sich herum nicht mehr erkennen“, schreibt Rupert Murdoch in der FAZ.

Anders dagegen das Bildungswesen. Unsere Schulen sind der letzte Hort, der sich der digitalen Revolution widersetzt. Für jemanden, der heute nach fünfzigjährigem Schlaf aufwacht, sehen die Klassenzimmer nicht sehr viel anders aus als vor hundert Jahren – der Lehrer oder die Lehrerin steht vor der Klasse, unterrichtet wird mit Lehrbuch, Tafel und Kreide. Dies ist ein unglaublicher Mangel an Phantasie.

Davon abgesehen, dass man Murdoch vielleicht sonst wenig glauben sollte, hier hat er Recht. Alles wird anders – nur das Klassenzimmer sieht immer noch aus wie im preußischen Schulmuseum auf Schloß Reckahn. Das ist, leider, nicht nur eine witzige Anekdote. Es ist zugleich ein Problem. Denn die Formatierung des Lernens in Befehl und Gehorsam mit den Features Klassenzimmer, Tafel, Be-Lehrer, Lehrplan etc. stammt führt zurück in die Max Weber´schen Merkmale bürokratischer Organsisation. Damit konnte man zu Zeiten Friedrichs des Großen eine allgemeine Schulpflicht durchsetzen und den Kirchen das Monopol des Lernens zum Wohle aller entreißen.

Aber im 21. Jahrhundert stimmt davon nichts mehr: Nicht die Idee, nicht die Prinzipien, nicht das Lernformat. Es geht darum, die Kreativität und die Beziehungsfähigkeit von jungen Menschen  zu befördern, damit sie mit den Unbilden dieses bevorstehenden Jahrtausends der Mega-Katastrophen halbwegs umgehen können. Das vorherrschende Schulsystem aber verunfähigt massenhaft Menschen, sie in der Welt zurecht zu finden, es produziert und verstärkt Dummheit, es hinterlässt Ausschussraten von 20 Prozent. Und das in einem Land, das bei industrieller Produktion Fehlerquoten von über zwei Prozent hart sanktioniert. Aber was machen Eltern? Sie klammern sich an einem hoffnungslos idealen Humboldt´schen Bildungsbegriff, der für 90 bis 50 Prozent der Kinder nie Geltung hatte (über die Zeit). Und fragen streng: „Darf man ein Bildungssystem mit einer Fabrik vergleichen, da geht es doch um zweckfreie Bildung und Blablabla.“

Ja, man darf, man muss sogar. Denn unser Bildungssystem ist nach den Maßstäben einer Fabrik errichtet und nach keinen anderen, mögen unreflektierte Studienräte auch von etwas anderem träumen. Unser Schulwesen ist eine drop out-Factory.

Aber Eltern glauben noch daran, dass sie ihre Kinder einem Bildungs-System anvertrauen. Und nicht etwa einer schlecht funktionierenden Wissens-Fabrik.

1) Eltern sind objektiv verwirrt

Eltern sind, das kann man an ihren notorischen Fehldiagnosen erkennen, objektiv verwirrt: Die ökonomischen Unsicherheiten, die sie heimsuchen, der unbewältigte, seit zehn Jahren fortgeschriebene Pisaschock und der Moral- und Erziehungswirrwarr bringen sie vollkommen aus der Fassung. Der Hype einer multimedialen Welt, dem weder sie noch ihre Kinder gewachsen sind, trägt das seine dazu bei. Eltern vertrauen ihre Kinder viele Stunden Schulen an – denen sie doch mit tiefstem Misstrauen begegnen, wie viele Befragungen und skeptische Blicke an Elternabenden beweisen.

Sie geben ihre bestes an Lehrer – bei denen sie sich aber partout weigern, das Zimmer für den Schulausflug zu bezahlen. Weil die es – so ein vollkommen ironiefrei vorgetragenes Argument – ja steuerlich absetzen könnten. Ein Zimmer, das jedes Elternpaar umgerechnet pro Tag umgerechnet 60 Cent gekostet hätte. Darüber wird noch zwei Stunden nach Abfahrt des Busses und weitere drei Tage in sorgsam gepflegten E-Mail-Verteilern disputiert. Von Eltern, die keine Zeit haben, ihre Kinder am Geburstag rechtzeitig von der Schule abzuholen.

Das ist der Zustand der Eltern – er ist zutiefst widersprüchlich. Sie diskutieren hingebungsvoll über ökologisches laktosefreies nicht-konzern-produziertes usw.-usf.-Essen in der Schulmensa. Sie verwenden ganze Elternabende und Gesamtelternvertretungssitzungen nur für dieses eine Thema, wie öko das Essen ist. Aber sie kapitulieren bei ihren erpresserisch gestimmten Kindern vor der Pommes-Bude schon nach zwei Augenaufschlägen. Schule muss ganz doll öko – aber wir selber dürfen ranziges Pommes Fett. Sind ja unsere Kinder!

Es ist, um es vorweg zu sagen, nicht die Schuld der Eltern. Sie sind eingeklemmt mit den Hoffnungen und Wünschen für ihr oft einziges Kind zwischen einer verantwortungslosen Schule und ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Sie lieben ihre Kinder abgöttisch und wollen, wie Jespeer Juul schreibt, ihre Familien in ein Mini-Paradies für Kinder verwandeln (Nein aus Liebe). Aber sie finden strukturell als liebende Eltern keinen Zugang zu ihren Kindern. Zwischen ihnen und ihren Lieben steht die sich ausweitende Schule; stehen überzogene Vorstellungen von Erziehung und Charakterbildung; stehen ubiquitär sich ausbreitende multimediale Angebote. Eltern finden schon so keine Sprache für ihre Kinder – nun müssen sie durch das Flimmern, Ballern und Rauschen von Facebook und Call of Duty. Der authentische Kontakt zum Kind wird auf Null herunterdestilliert.

2) eltern sind zutiefst egoistisch

2.1 es gilt die devise my kind first. das ist soziologisch verständlich
angesichts einer modernen ein-kind-politik, bei dem dann alles glatt
gehen muss

2.2. aber ist zugleich zutiefst unpolitisch, genauer
undemokratisch gedacht: denn die kinder sind nicht das eigentum ihrer
eltern; historische ableitung)

3) eltern sind – pardon – doof: bei ihnen läuft im kopfkino immer noch
die feuerzangenbowle mit dr. pfeiffer als pfiffigem frontalbespieler der klasse; wie moderne schule HEUTE UND MORGEN aussieht, wissen sie nicht

4) ohne eltern geht schule nicht (in der schule nicht, zuhause auch nicht)

– dialogisch plus thesen aus dem buch: „die gute schule“ –

4.1 wir brauchen neue formen der zusammenarbeit: der aggression durhc empathie begegnen – klimakonferenz in der schule

4.2 formate diese müssen auf eine höchst widersprüchliche soziologische lage antworten: es gibt eltern, die zu viel wollen; und es gibt welche, die gar nichts wollen – außer in ruhe gelassen zu werden.

4.3. und es gibt kühltruhen-eltern, die ihre kinder als objekte benutzen: objekte ihrer unerfüllten liebe, unbefriedigter wünsche, als klagemauern und prügelsack; die ihre kinder, wenn sie tot sind, in die kühltruhe legen.

– denen müssen wir die kinder: wegnehmen! und zwar rechtzeitig –

schule, lehrer müssen allen diesen elternformaten gerecht werden. das ist praktisch nicht machbar.

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