Irrungen und Wirrungen des Dr. Hebecker

Die gnädige Wärme dieses Sommers ist kein Grund, einen gewissen Dr. Hebecker mit der selben Gnade zu ignorieren. Dieser Mann twittert einen gar schröcklichen Unsinn, der nicht unwidersprochen bleiben darf. Weil er Teil einer perfiden deutschen Ideologie-Maschine ist. Diese Ideologie heißt: Das deutsche Bildungssystem ist staatlich und damit im Kern gesund. Und das ist falsch: Dieses System ist etatistisch und bürokratisch gelähmt. Es ist ein Krokodils-System: Nur wer liegen bliebt, wird in diesem System mit Geld beworfen.

Die Mär von ungerechten Studiengebühren

Zurück zu Dr. Hebecker: Vor einiger Zeit erregte er Pisaverstehers Mißfallen, weil er die Mär verbreitete, das Erheben von Studiengebühren sei, erstens, ungerecht. Und die Campusmaut sei, zweitens, die wesentliche Schlagseite des Bildungssystems in Sachen Ungerechtigkeit. Das ist eine Binse, mit der man in Deutschland seit einigen Jahren viel Beifall erheischen kann. Tatsächlich ist das aber big bullshit. Eines denkenden Menschen nicht wert, für einen Sozialwissenschaftler gewissermaßen verboten.

Denn das Erheben von Studiengebühren ist unter den obwaltenden Bedingungen, erstens, nicht ungerecht, sondern das Minimum an Gerechtigkeit das man einem Bildungssystem abfordern muss, das systematisch die Söhne und Töchter der gehobenen Schichten auf die Hohen Schulen hievt – und sie dort gratis mit Diplomen und Mastern versorgt.

An der Wurzel ungerecht: Übergang auf Sekundarschule

Und zweitens ist das Bildungssystem schon an der Wurzel wahnsinnig ungerecht nicht etwa wg. der Studiengebühren, sondern wegen ganz anderer Sachverhalte. Die vielen Arbeiterkinder, die es nicht auf die Hochschulen schaffen, werden durch mehrere Schwellen davon abgehalten, dort zu reüssieren

Die wichtigste: Der Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule, wo eben jene Kinder am Weiterkommen gehindert werden, denen das kuturelle Kapital von zuhause aus vorenthalten wird. Genauer der Übergang auf DIE weiterführenDEN SchulEN. Die Kinder der – simplifiziert ausgedrückt – reichen und schönen Familien gehen auf die Gymnasien und von dort weiter auf die Hochschulen; die Kinder der Hartz-IV- und Migrantenhaushalte bleiben größtenteils hängen, gehen auf Schulen, von denen es Übergänge an die Unis kaum oder gar nicht gibt.

Stapelweise Belege für ungerechte Schule

Pisaversteher tut sich ein bisschen schwer, eine Literaturliste jener fundierten Werke anzufertigen, die dies exakt und seit Jahren nachweisen. Nicht weil es so wenige davon gäbe, sondern weil es derer so viele sind. Ich nenne nur die Pisa-Studien, die Sozialerhebung der Studentenwerke, die mit dem so genannten Bildungstrichter optisch schön für jedermannn deutlich gemacht, wo die Hürden für – vereinfacht gesagt – Arbeiterkinder stehen. Dr. Hebecker selbst hat ein Buch redigiert und herausgegeben, in dem dieser Zusammenhang aufgezeigt wird. Pisaversteher hat ihm dies durch auch screenshots hinterlegt.

Nun hat er eine neue schlagende Ungerechtigkeit ausgemacht: Privatschulen. Hebecker hat den Artikel eines Sozialwissenschaftlers ausgegraben, in dem dieser nachweist – bitte sehr gut festhalten jetzt -, dass VOR ALLEM wohlabende Familien ihre Kinder auf Privatschulen schickten. Das nun, so wirft Hebeckerchen sein Doktorhütchen strahlend in die Luft, sei der ultimative Beweis: Privatschulen sind es, die das deutsche Schulsystem ungerecht machten. Ausrufezeichen.

Staatliche, nicht private Privilegienschule

Wieder falsch. Das deutsche Schulsystem ist nicht etwa ungerecht, weil es etwa privat wäre, sondern weil es eben staatlich ist. Deutsche Länder organisieren staatlicherseits seit 150 bis 200 Jahren ein Privilegiensystem für ihre wohlhabenden Bürger – und zwar so nachhaltig, dass es Privatschulen gar nicht braucht. Wozu sollte sich das Bürgertum den Tort antun, für viel Geld seine Kinder auf mediokre Privatschulen zu schicken, wo es doch erstklassige staatliche Gymnasien gibt, die für sie reserviert sind? Und das umsonst!

Privatschulen gibt es, trotz halbwegs respektabler Steigerungen seit der ersten Pisastudie im Jahr 2002, immer noch in so kümmerlicher Anzahl, dass der Einfluss, den diese Schulen auf den sozialen Gradienten des Bildungsunrechts, wie Pisaforscher sagen, vernachlässigenswert ist. Viele viele Studien haben verglichen, wie der Selektionseffekt von Gymnasien und der von Privatschulen ist – Ergebnis: Beide haben ihn, aber der von Gymnasien ist QUALITATIV viel größer; und zweitens ist er QUANTITATIV viel größer – weil es eben sehr sehr sehr viel mehr Gymnasien als Privatschulen gibt.

Muss man sich über einen verirrten Twitterer wie einen Hebecker aufregen, wenn er Blödsinn in Serie verzapft? Ja, man muss. Denn Hebecker ist dazu ausersehen, den Anteil von Arbeiterkindern an Hochschulen zu STEIGERN. Zu diesem Behufe hat ihn die Böckler-Stiftung als Bildungsreferenten angeheuert. Leider macht Hebecker einen schlechten Job, genau macht er genau das Gegenteil von dem, was er erreichen soll: Er reduziert den Teil der Arbeiterkinder an den Hochschulen. Indem er mit dummer Propaganda an der Ideologie mitstrickt, Studiengebühren und Privatschulen hielten sie, die Beladenen und Gehandikapten, von den Hochschulen fern. Das ist – sozialwissenschaftlich vielfach belegt – falsch. Hebecker schwindelt die Hartz-IV-Familien im großen Stil an. Er übersieht einfach den wichtigsten Treiber für sozial verzerrte Aufstiegschancen: das selektive deutsche Schulsystem und die krass hohe Hürde nach der vierten Klasse.

Den Arbeiterkindern in der Schule die Beine brechen

Wer aber in der Diagnose blind ist für die gut erkennbaren Fakten, der kann auch keine korrekte Therapie empfehlen. Hebecker redet den Arbeiterkindern ein, dass ihnen die Studiengebühren an der Uni die Beine brechen würden – und diese müssten also abgeschafft werden. In Wahrheit haben diese Kinder längst vielfach gebrochene Gliedmaßnahmen – und sie kommen an den Hochschulen gar nicht erst an. Der Mann salbadert von Unigebühren und Privatschulen, dabei sollte er von der Auslese in der Grundschule sprechen und sich fragen, warum es verschieden gute weiter führende Sekundarschulen gibt. Das ist, ich gebe es zu, ein wenig komplexer und grundlegender, als sich billig über Campusmaut und Privatschulen aufzuregen.

Es wird freilich Zeit, dass die Böckler-Stiftung dies endlich tut. Zu Ehren ihres großartigen Hans Böckler, der sich im Grabe umdrehen würde, läse er die Primitivanalysen der Organisation, deren Namensgeber er ist.

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