Es ist der xte Bericht, der das deutsche Bildungssystem unter die Lupe nimmt. Aber es wird nur sehr langsam besser. Vor allem eine Gruppe bekommen die Kultusminister nicht zu fassen – die so genannten bildungsfernen Schichten. „Es bleibt ein stabiler Sockel der Abgehängten“, warnen die Autoren des jüngsten Bundesbildungsberichts.

Am Donnerstag abend war noch alles in bester Ordnung. Da trafen sich die Kultusminister zu ihrem Jahrespresseempfang, und ihr Präsident Ties Rabe (SPD) verglich die ständige Konferenz der Kultusminister launig mit Napoleons Armee: Weil der französische Diktator vom Feldherrnhügel nicht weit genug ins Schlachtfeld sehen konnte, durfte jede Kompanie kämpfen, wie sie wollte. Mit anderen Worten: Wir Kultusminister sind im Krieg, da kann jeder von uns machen, was er will.

Krieg der Kultusminister

Wenn die Analogie des Hamburger Schulsenators Rabe nur annähernd stimmt, dann haben seine Kultusminister heute eine schwere Niederlage zu beklagen. Denn der Bundesbildungsbericht, dessen Auftraggeber sie sind, dokumentiert zwar, dass es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt und das Bildungssystem durchlässiger geworden ist, kurz: dass die Bildungschancen steigen. Aber es zeigt auch die bittere Wahrheit, dass eine Schicht von 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von diesen Chancen dauerhaft ausgeschlossen bleibt.

„Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt“, fasste Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts zusammen. Sein Kollege Martin Baethge vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut aus Göttingen ergänzte, „15 bis 20 Prozent der Jugendlichen befinden sich im Abstiegsstrudel.“

Abschied von Pisa

Das werden die Kultusminister gar nicht gerne hören. Sie haben sich aus der Pisaberichterstattung zurückgezogen, den internationalen Schulleistungstests der OECD. Damit es nicht immer nur schlechte Nachrichten gibt. Nun lesen ihnen die Autoren ihres eigenen Bildungsberichts die Leviten – aber wie. Auch die vermeintlichen Spitzenreiter unter ihnen weisen schwere Mängel auf. Die Spuren der Bildungsverlierer sind durch fast alle Bereiche beobachtbar:

  • über drei Prozent der Förderschüler sehen nie eine normale Schule von innen – sie werden direkt vom Kindergarten in die Sonderschulen gesteckt, in Bayern und Baden-Württemberg sind es gar 4,5
    Prozent

    insgesamt steigt die Zahl der Förderschüler

  • das so genannte Übergangssystem von Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen für ausbildungslose Jugendliche hat sich verfestigt; ein Drittel der rund eine Millionen Schulabgänger ohne Abitur bleibt dort hängen

  • Das Durchschnittsalter beim Berufseinstieg steigt quer durch alle Branchen kontinuierlich an: Selbst Hauptschüler ohne Abschluss kommen erst mit 20 Jahren im Beruf an

  • es gibt mittlerweile eine Grafik mit so genannten Risikolagen. Darin steht, dass auch in Bayern 20 Prozent der unter 18-Jährigen mindestens eines haben, in Nordrhein-Westfalen 33 und in Berlin sind es 44 Prozent

Zwei Geschichten des Bildungssystems: eine von oben, eine von unten

Das bedeutet, es gibt zwei Geschichten des Bildungssystems zu erzählen. Die der bildungsbürgerlichen Schichten, die ihre Lektion aus dem Pisaschock gelernt haben. Sie schicken ihre Kinder zum Beispiel vermehrt auf Privatschulen. In manchen Gegenden in den Städten und in Ostdeutschland sind bereits über 10 Prozent der Grundschüler bei Privaten – obwohl das Grundgesetz das nicht gern sieht. Das zweite Gesicht ist das für die sozial Benachteiligten. „Die Bildungschancen entwickeln sich immer mehr auseinander“, sagte Andrä Wolter von der Humboldt-Uni als Gesamtbilanz.

Schule zeigt kalte Schulter

Einige der Kultusminister ärgerten sich gestern bereits, dass die Pressevertreter diesmal vor ihnen den auf amtlichen Zahlen fußenden Bericht zu sehen bekamen. Davor haben sie Furcht, und das ist berechtigt, denn die Noten für die Schul- und Wissenschaftsminister fallen sehr durchwachsen aus. Der Leiter des Bildungsberichts, Horst Weishaupt vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, sagte, es gelinge nicht, „eine Schulstruktur anzubieten, die die Bedürfnisse der Lernenden trifft.“ Als Beispiel nannte er die sich verfestigenden Nachteile für Migrantenkinder. Der Aufstiegswille in dieser Schicht sei viel höher als bei Deutschstämmigen. Aber das Schulsytem weise ihnen die kalte Schulter. Jugendforscher Rauschenbach sagte es so: „Die Kinder aus Migrantenfamilien kapieren gar nicht, was in unserem Bildungssystem alles möglich ist – wenn wir es ihnen nicht besser erklären.“

Die Kultus- und Wissenschaftsbürokratie hängt auf vielen Feldern hinter den Bildungswünschen der Bürger her.

  • Nach den Berechnungen der Gutachter fehlen demnach 260.000 Plätze für den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Die Bundesregierung sprach zuletzt nur von 130.000 fehlenden Plätzen.
  • Bei den Hochschulen taxieren die Autoren des Berichts bis 2015 gar eine Lücke von 300.000 ausfinanzierten Studienplätzen. Der Hochschulpakt reicht nicht aus, sagten die Forscher übereinstimmend.

Die Kultusminister sehen das naturgemäß anders. „Wir zeigen, was von uns erwartet wird“, sagte der Präsident der KMK, Ties Rabe. „Wir handeln.“

Ob das genug ist für den Sockel der Abgehängten?

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