Berlin, Hamburg, Frankfurt – überall wird un/konferiert und ge/bar/campt, um die Segnungen mobilen Lernens zu feiern. Wo bleibt der Praxistest mit Lehrern wie Dir und Mir?

Ja, was denn nun!

Ist das digitale Lernen mit own devices, Tablets, mit Wikis, Blogs, Apps etc. pp. nun die Zukunft?

Oder ist es die weitere Verdünnung und Verflüssigung der didaktischen und kognitiven Substanz des Lernens?

Man weiß es nicht. In Hamburg ging es gerade wieder 1:1 aus. Auf dem 11. EduCamp in Hamburg, der größten selbstorganisierten Un-Konferenz der pädagogischen digitalen Intelligenz bisher, trafen sich 200 Cracks – und Dilettanten.

MineCraft-Schule in 3D

Der Lehrer Thorsten Groß, so berichtete er dort in einer Session, trug das Format BarCamp ins Gymnasium. Informelles Lernen goes superregulierte Anstalt, intrinsisches Arbeiten erobert äußerliche Lehrplanbefolgung. Die Schüler bauten bei Groß alias @mctuxman, unter anderem, mit dem Programm MineCraft ihr Gymnasium virtuell nach, als 3D-Modell. Bei einem GamesCamp an der Schule. Und beantworteten später bei einem AbiCamp die verwirrend dummen wie intelligenten jegliche Fragen künftiger Oberstufler. „Alle Kollegen, die bei dem BarCamp mitgemacht haben, waren begeistert. Die anderen verstanden oft noch nicht, worum es geht.“ Ein Highlight in der Schule – und zugleich eine gelungene Session beim Hamburger EduCamp. Mehr zum AbiCamp gibt’s hier.

Aber es gab eben auch das in Hamburg. Eine Sitzung zur Gretchenfrage der Didaktik: Wie können iPads, Wikis, Blogs und so weiter die Eroberung der Lerngegenstände vereinfachen? Kurz: Didaktische Modelle für digitale Medien. In der stinknormalen Schule sind die Fachdidaktiker so etwas wie die revolutionären Garden der Zitadelle Gymnasium. Wer das Lernen verändern will, muss da also ran. In der Session kein Wort davon. In einer Einführungsrunde versprachen sich alle Teilgeber, wie man die Insassen einer BarCamp-Session nennt, wie sehr sie daran interessiert seien, didaktische Kniffe mal ganz konkret kennen zu lernen.

Und das war’s dann auch.

Keiner, niemand konnte ein konkretes Unterrichtsbeispiel aus einer Schule und/oder einem Fach berichten, wo ein App, ein Gerät oder eine Plattform das Lernen irgendwie verbessert hätten. Schmerzlich wurden @HerrLarbig (Torsten Larbig) aus Frankfurt oder der Kölner @Tastenspieler (André Spang) vermisst, die an ihren Gymnasien mit allerlei digitalem Schnickschnack das Lernen von morgen bereits praktizieren.

Gezielter Einsatz im nirgendwo

„Ich setze die Tablets ganz gezielt ein, die Schüler müssen bei mir ein Blog führen!“, behauptete hingegen in Hamburg eine Lehrerin. Und in welchem Fach? „In Informatik“. Mehr war nicht – und das in der für die Breitenwirkung vielleicht wichtigsten Session am Wochenende, der zu Didaktik. Nicht einmal der Begriff Didaktik ließ sich klären. Stattdessen wurde plötzlich der „postheroische Unterricht“ (nach David Klett nach Dirk Baecker) beschworen – der sicher eine gute analytische Kategorie ist. Aber ein operativer Begriff, um Unterricht2.0 besser zu strukturieren?

Die Schulrepublik ist nervös, das neue Lernen steht irgendwie vor der Tür. Vielleicht. Korea wird in zwei Jahren nur noch digitale Schulbücher haben. Jeder Schüler dort soll Besitzer eines kostenloses Tablets sein werden . Sogar die Türkei hat die kleinen, flachen Wunderdinger bestellt ausgeschrieben. In Deutschland ruht der See still. Die föderale Bildungspolitik ist viel zu dement, um auch nur darüber nachzudenken, ob man darüber nachdenken sollte, ob man Schulen digitalisieren könnte. (!)

Demente Bildungsrepublik, digitale Pfadfinderei

Immerhin: Allenthalben treffen sich Initiativen und Gruppen, um das neue Lernen zu sondieren. Autodidakten und Einzelkönner aus Schulen, Pfadfinder der Industrie und Nerdcrowds wie das Co:llaboratory Lab. Nicht nur in Hamburg. Morgen Heute laden Zeit und Telekom-Stiftung zur Bildungskonferenz 2013: „Computer sind cool, Tablets noch mehr“, lautet der erste Satz der Einladung. Der Nachteil all‘ dieser Veranstaltungen: Otto und Ottilie NormallehrerIn tangieren diese Nerd-Treffen kein bisschen. Außer in Frankfurt Ende nächster Woche vielleicht, wo die Bundesarbeitsgemeinschaft Freier Alternativschulen selbstbestimmtes Lernen in der digitalen Gesellschaft diskutieren will, bleibt die Konfrontation zwischen Lehrern oder gar kritischen Lehrern und den nicht mehr ganz so neuen Medien aus.

– unter anderem mit @gibro über Spielen /Gamen, @jmm_hh über Facebook -Knigge, @lammatini über Mut und Scheitern, @Ue_Trainer über Tablets in der Klasse, @ mons7 über Mooc’s

Dabei gibt es bereits Beispiele, wo das mobile Lernen in der Realität erkennbar wird – und sich als Gewinn erweist. In Hamburg präsentierte eine Berufsschullehrerin der Elly-Heuss-Knapp Schule Neumünster einen blended learning-Ansatz, also einen Verschnitt von virtuellem und realem Lernen, der auf seine Art ausgefeilt ist. Friederike Pelz bildet Fachkräfte für Pflegeassistenz aus, sie kann es nicht brauchen, wenn ihre Schüler „sich im Altenheim falsche Handgriffe angewöhnen, die für die Patienten schmerzhaft sind.“ Deswegen schätzt sie „das direkte und schnelle Feedback über die virtuellen Instrumente.“

Didaktik by Dr. Wurst

Mancher der Zuhörer mochte die Nase rümpfen ob des eLearning-Stoma-Kurses, bei dem die SchülerInnen aus der Distanz mit Hilfe von Bildern, Texten und Dateien büffeln, wie man einen künstlichen Darmausgang schmerzfrei wartet. Aber Berufsschullehrerin Pelz hat im Wortsinn einen Plan – und Begriff von individuellem Lernen: „Ich finde es gut, wenn die Schüler nicht alle zugleich durch den Kurs durch sind – dann kann ich mich ihnen nacheinander viel genauer widmen“. Und die nächste Stufe wartet schon: Das virtuelle Altenheim – „da wird es dann noch individueller“. Nämlich, wenn der eine Pflegeschüler bei Charakteren wie dem Lehrer Eddy was lernt – und der andere gleichzeitig eine Lektion von Stationsarzt Dr. Wurst bekommt (womöglich wieder über Darmausgänge).

Das Format EduCamp war bisher das lebendigste und fortschrittlichste. Es war viel schneller und innovativer als etwa die ZEIT-Konferenzen. Weil es viel Know How zusammen bringt, immer die experimentellsten Formate probiert und die Potenz der Teilgeber mobilisiert. Aber trotz der großen Zahl an Leuten in Hamburg zeigte sich so etwas wie eine Entfremdung. Zwischen superklugen Leuten wie Guido Brombach (@gibro) oder Jöran Muuß-Merholz (@jmm_hamburg), die Apps konstruieren und diffizile didaktische Fragen aufwerfen („Anti Copy-Paste-Aufgaben“) und den Leuten, die da nicht mehr mit können und deswegen wieder zu ganz normalen Teilnehmern werden. Das spiegelt sich, leider, im immer liebloser werdenden Format der Sessions. Allzuoft gibt es simple Frontalveranstaltungen (die man augenzwinkernd partizipativ nennt) – oder kollaborative Laberrunden mit Non-Themen wie „Lernen gestern-heute-morgen“.

Den Satz des Camps formulierte Muuß-Merholz:

„Könnte es vielleicht eine Methode sein, ein Barcamp bei Lehrern besser durchzukriegen, indem man das Wort Barcamp vermeidet?“

Die Erlösung muss also heimlich kommen.

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