In den 1970ern wurde viel diskutiert und probiert. Heute wissen wir, dass Erwachsene die Sexualität des Kindes niemals zu ihrer Befriedigung nutzen dürfen

Interview mit Thea Vogel, Autorin des Briefes, der Daniel Cohn-Bendit im Jahr 2001 von dem Vorwurf entlastete, er habe Kinder missbraucht

Pisaversteher: Frau Vogel, Sie haben 2001 den Brief geschrieben, in dem Sie und andere Eltern Daniel Cohn-Bendit von dem Vorwurf freisprachen, er könnte Missbrauch begangen haben. Wie kam das damals?

Thea Vogel: „So genau hatte ich den Großen Basar nicht gelesen. Ich war aber erschüttert, wie dieses Buch, das er 1975 geschrieben hatte, 2001, also 26 Jahre nach seinem Erscheinen, durch die Presse skandalisiert wurde. Ich war empört darüber, dass daraus eine Kampagne gegen Dany gemacht wurde, um ihn politisch zu diskreditieren. Ich fand auch die Anschuldigung gegen Dany, dass er pädophil sei, vollkommen haltlos.“

Trotz der problematischen Stelle?

„Ich hatte die entsprechenden Stellen in dem Buch eher für eine Provokation gehalten. Mein Sohn war damals nicht in der Universitäts-Kita, um die es in dem Buch ging, sondern in der Krabbelstube im Haus der Freien Schule. Den damaligen Brief haben Eltern unterzeichnet sowohl aus der Uni-Kita als auch aus unserer Krabbelstube. Dany war später, 1981, als Bezugsperson für unseren Sohn tätig, zusammen mit einer Frau. Ich und die anderen Eltern hatten vollstes Vertrauen zu ihm, wie auch die Eltern aus der Uni-Kita, die den Brief auch unterschrieben haben. Die Qualität der Betreuung war uns Eltern sehr wichtig: So waren die beiden Bezugspersonen für 8 Kinder immer zu zweit, weil die Kinder noch sehr klein waren (ein bis zwei Jahre alt). Für viele, vor allem junge Menschen ist es heute schwer, zu verstehen, dass die 70er Jahre eine ganz andere Zeit waren.

Was meinen Sie damit?

Wir waren junge Leute, Dany und wir kannten uns alle aus der Studentenbewegung. Uns hat damals vieles gestört, dagegen haben wir an vielen Stellen diskutiert und manchmal auch provoziert. Dazu gehörte auch die verklemmte und falsche Sexualmoral. Die sexuelle Aufklärung war eine Katastrophe in den 1950er und 60er Jahren, Eltern oder Lehrer schwiegen entweder peinlich berührt oder erzählten falsche Dinge wie z.B. dass Onanie krank mache. Und wir dürfen nicht vergessen, dass vor allem viele Frauen unter der traditionellen Sexualpraxis gelitten haben.“

Was haben Sie dagegen gemacht?

„Vor dem Eltern-Werden haben wir vor allem innerhalb der Frauenbewegung detailliert über Sexualität diskutiert, weil wir Frauen herausfinden wollten, welche Bedürfnisse wir wirklich haben. Kenntnis und Erforschung des eigenen Körpers, selbstbestimmte Sexualität, Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft waren Themen dieser Zeit. Parallel dazu entstand die Debatte über antiautoritäre Erziehung.“

Was machen Sie heute und wie stehen Sie zu den Ideen von damals?

Ich war damals Lehrerin und arbeite nun seit langem in einem Familiengesundheitszentrum. Ich finde frühe und ungezwungene sexuelle Aufklärung von Kindern immer noch vollkommen richtig und wichtig. Selbstverständlich stehe ich dazu. Mir ist es aber wichtig, dass die Kinder die Grenzen setzen. Das heißt, ich werde in einem Gespräch mit einem Kind über seinen Körper oder seine Sexualität nur das thematisieren und beantworten, was es selbst wissen möchte. Ich würde nicht aktiv dem Kind Themen wie Geschlechtsverkehr oder Geschlechtsteile aufoktroyieren.“

Und bei den Handlungen, die beschrieben sind?

Hier gibt es für mich ganz klare Richtlinien: Ich mache natürlich nichts mit dem Kind, was meiner eigenen sexuellen Befriedigung dient. Das gilt ganz grundsätzlich: Niemand darf die Gefühle und Bedürfnisse eines Kindes für seine Erwachsenensexualität nutzen. Mit anderen Erwachsenen ja – aber doch nicht mit Kindern.“

Was heißt das genau?

Wenn es passiert, dass sich ein Kind forschend nähert, dann muss ich ganz klare Grenzen einhalten. Wenn dabei eigene sexuelle Wünsche entstehen, muss ich mich zurückziehen.“

Wie lesen sie Daniel Cohn-Bendits Stellen im Großen Basar heute?

Ich finde völlig unangebracht, was da beschrieben ist. Das sieht Dany heute doch auch selber so. Ich muss als Erwachsener sagen: Stopp! Und mich nicht auf zwiespältige Handlungen einlassen.

Wie finden Sie seinen Umgang mit dem Thema?

Ich frage mich, was das mit Dany macht. Ich glaube, er leidet unter den immer wieder erhobenen Anschuldigungen, die ja daraus entstanden sind, dass er ein großer verbaler Provokateur ist. Er spitzt Dinge zu und präsentiert sich gern als Avantgarde. Das hat in vielen Punkten sein Gutes, weil es Bewegung in manche Debatten bringt. Aber es kann auch, wie jetzt, immer wieder gegen ihn hochgekocht werden. Ich bin mir sicher: Er weiß schon lange, dass die besagten Aussagen eine sehr blöde Beschreibung waren, dass er den Bogen der Provokation überspannt hatte. Das macht es ihm heute vielleicht schwer, sich offensiv zu dem Thema zu äußern. Seine Bemerkungen beruhten nicht auf realen Handlungen sondern waren Fiktion – eine Zusammenfassung der Diskussion über Sexualität von Kindern und Erwachsenen, die auf der Suche war. Aber es ist ausgeschlossen, dass er etwa pädophil sein könnte oder eine solche Denkrichtung verteidigt . Er war als Person kein bisschen anzüglich.“

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