Carolin Emcke hat gerade in der Schaubühne den außergewöhnlichen Andreas Huckele interviewt. Im Streitraum lautete des Thema „Macht-Sex-Gewalt“. Huckele hielt der Gesellschaft den Spiegel vor. Er sprach im Minutentakt Wahrheiten darüber aus, warum die Menschen nicht verstehen wollen, dass Missbrauch überall stattfindet, wo Kinder sind. Wo es also asymmetrische Machtverhältnisse gibt, die Erwachsene ausnutzen, um sich an Kindern zu befriedigen.

Gefesselt und vergewaltigt

Es ist in diesen Tagen nicht leicht, sexualisierte Gewalt und seine Struktur zu analysieren, da zwei grausige Fälle verhandelt werden bzw. aufgedeckt wurden. In Bonn ist der Lohmarer Fall eines Mannes vor Gericht, der seine eigene Nichte missbrauchte. Weil er sie mit KO-Tropfen betäubte, erstickte sie, der Mann nahm eine Reihe von Taten an seiner Nichte und ihrer 10jährigen Schwester zuvor auf Video auf. In Hamburg entführte ein 63jähriger ein Mädchen und verübte schwere sexuelle Gewalt an ihr. So lautet der Verdacht. Die 5jährige wurde gefesselt in der Wohnung gefunden, gefesselt und vergewaltigt, sie wurde schwer verletzt und musste operiert werden. Solche Verbrechen machen sprachlos. Wie können die Eltern der Getöteten und das vergewaltigte 5jährige Mädchen über so etwas hinweg kommen?

Zurück zu Andreas Huckele, der eine Sprache gefunden hat, um Missbrauch und seine Mechanismen zu verstehen. Zum Beispiel sein Viersatz der sexuellen Gewalt in Institutionen. Deren Mitglieder sagen: 1) Es passiert nicht hier, 2) es passiert nicht jetzt, 3) es sind Einzeltäter und 4) es war nicht so schlimm. Als die Zuschauer zu Wort kamen in der Schaubühne, kam eine der üblichsten aller Fragen: Jetzt haben Sie gar nicht über die Familie geredet, wo die meisten Missbrauchsfälle geschehen, wandte sich ein Zuschauer an Emcke und Huckele.

Familie mit dem Zeigefinger

Familie kommt immer. Mit dem Zeigefinger. Meistens ist es als Ausrede gedacht, als Ablenkungsmanöver: Wieso versucht ihr Missbrauch in Institutionen aufzuklären, wo es doch so viel häufiger in der Familie geschieht! Das ist das Manöver. Meistens. Und meistens muss und kann man dazu nichts sagen.

Diesmal schon.

Es war ja, bevor der Zuschauer die Frage nach der Familie stellte, um die Ideologien gegangen, mit der Päderasten sich ihre Taten erleichtern und schönreden. Für den Beobachter ist es ja stets befremdlich zu sehen, wie z.B. in der Reformpädagogik ein positiver Schleier vor den Missbrauch gehängt wird: der pädagogische Eros, zentraler Begriff in der Pädagogik, ist nichts anderes als die Tarnung des Missbrauchs durch eine Idee. Jeder Einzeltäter muss dich die Mühe geben, seine Taten zu rechtfertigen – in der Reformpädagogik ist die Nähe zum Kind eine kollektive Rechtfertigung für sexualisierte Gewalt. Ein Mann wie Gustav Wyneken wird noch heute von den Reformpädagogen als großes Vorbild gefeiert, obwohl er ein geradezu fanatischer Päderast war, der eine ganze Schule gründete, um besser missbrauchen zu können.

Familie ist m.E. aus drei Gründen wichtig in diesem Zusammenhang.

Der Vater als Täter

1. Mit Familie und Missbrauch befassen sich die Menschen nicht gerne, weil die Täter dann ein bisschen arg nahe kommen. Solange der Täter ein böser Verbrecher ist, kann man damit umgehen. Da hilft Abscheu. Was bedeutet es aber, wenn der Vater oder Bruder der Täter ist? Das ist schwer.

Blackbox Familie

2. Wenn die Familie der Haupttatort ist, und das ist er, dann ist es wahnsinnig schwer zu handeln. Denn der Staat kommt in die Familie nicht rein, weder bei der Beeinflussung von Geburten noch bei bildungsnaher Erziehung noch beim Schutz von innerfamiliären Verbrechen. Die Familie ist für den Staat eine Blackbox, die Verfassung will, dass da wenig Einfluss herrscht, und das ist ja auch gut so. Wer wollte schon eine Art totalitäre Überwachung der Familie durch den Staat.

Familie als Missbrauchs-Ideologie

3. Ist die Familie nicht auch eine Missbrauchs-Ideologie? Das ist vielleicht die befremdlichste und wichtigste Erkenntnis. Es lohnt sich, Familie mal genauso zu dechiffrieren wie die griechische Knabenliebe, die „Nähe zum Kind „in der Reformpädagogik, die Kameradenfreundschaft bei den Wandervögeln, die cura personalis bei den Jesuiten oder die sexuelle Befreiung bei den Grünen (und den 68ern). Das alles waren und sind vermeintlich gute Gedankengebäude – die Täter aber systematisch dazu nutzten, um möglichst nah an Kinder heranzukommen. Und sie sexuell auszubeuten.

Das Problem ist hier: Die Familie als Ideologie wurde bereits analysiert. Wilhelm Reich hat die Familie gelesen als den Ort der sexuellen Aberration, der Unterdrückung und der Zurichtung auf den Staat. Was er forderte war die Befreiung, die sexuelle Befreiung der Kinder vor allem.

Und diese Analyse führte direkt: in den sexuellen Missbrauch. Egal, ob die vielen Kommunen der 68er-Zeit, die Grünen oder die Mühl- oder die Indianer-Kommune, alle beriefen sich auf die Anti-Familie und die sexuelle Befreiung – und das führte direkt auf den Schoß von Pädokriminellen.

Ausweglos.

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