Heribert Prantl fordert Kinderrechte, die er selbst nicht zu geben bereit ist – wenns drauf ankommt

Vor meinen Augen turnen gerade zwei Heriberts herum.

Der eine ist der kluge und belesene Jurist, der verlangt, dass unbedingt Kinderrechte in die Verfassung gehören. Denn „das Grundgesetz kennt keine Kinder, bis heute nicht.“ Prantl fordert dies angesichts des 25. Geburtstages der Kinderrechtskonvention der UN – und wohl ein bisschen auch vor den massiven Armuts-, Bildungs- und Gewaltproblemen, die wir gerade beklagen. Auf der Welt, ja, und auch in unserem reichen Land.

Blöderweise kann ich den anderen Heribert dabei nicht vergessen, der sich vor einiger Zeit mal am gleichen Ort zu Wort gemeldet hat, dem Feuilleton der SZ. Damals hatte Prantl auch weit ausgeholt und laut gebrüllt – aber von Kinderrechten war nichts zu vernehmen. Das war deswegen so problematisch, weil in dem Text eine Alternative zu verhandeln war: Wessen Recht wiegt eigentlich mehr: Das Recht auf Unschuldsvermutung des Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy (SPD)? Oder die Rechte von Kindern, deren Nacktfotos in internationalen Pädo-Ringen gehandelt werden, die Rechte dieser Kinder auf den Schutz ihrer Persönlichkeit und ihrer Privatsphäre? Es kam also echt drauf an. Man musste sich entscheiden: Für die Kinderrechte – oder gegen sie. Das ist doof, aber so ist das manchmal.

Raten Sie mal, für wen sich Heribert Prantl damals entschieden hat? Richtig, er schlug sich voll auf die Seite des Abgeordneten Edaty, der mutmaßlich ausgedehnte Aufnahmen nackter Kinder erworben hat. Prantl hatte, wenn ich mich recht erinnere, in dem Text die Möglichkeit von Rechten von Kindern nicht mal auf die Waagschale geworfen – weil er so wahnsinnig damit beschäftigt war, den Vorsitzenden des NSU-Ausschusses Sebastian Edathy herauszupauken, einem Mann, der genau weiß und genug Mittel hat, sich zu verteidigen. Die Kinder und Jugendlichen aber, die man nackt filmte, um daraus Knete auf dem vorgelagerten Markt für Kinderpornografie zu machen und ihn zugleich anzuheizen, diese Kinder und Jugendlichen waren Herrn Prantl ziemlich egal. In diesem Text.

Ich kann jedem empfehlen, sich den neuen Kinderrechte-Text von Heribert Prantl in der Holz-SZ von Dienstag zu besorgen. Denn er ist selbstredend wichtig und gut. Zu erörtern wäre natürlich noch, ob das Kinderrecht in der Verfassung eigentlich irgendwas besser macht für die Kinder. Ich befürchte nämlich: Nein.

Kinder sind ja, so viel ich weiß, Menschen, also haben auch sie Menschenrechte

Erstens stehen die Kinder schon in der Verfassung, Kinder sind ja, so viel ich weiß, Menschen, also haben sie auch Menschenrechte. Und sie haben, als Schüler, auch Bildungsrechte, die ihnen das Grundgesetz mindestens vermittelt sichert. Auch darauf könnte man aufbauen. Auch das wäre, wie Prantl schreibt, „ein Fundament, auf dem gute Kinderpolitik gedeihen kann.“ Nur ohne Verfassungsänderung. Also einfacher zu haben.

Zweitens sollte man aufpassen, wie abstrakt man die Verbesserung der Situation von Kinder fordert – denn das ging in der Geschichte oft genug schief. Ich sage nur: Rousseau. Prantl erwähnt den großen Kinderrechtsapologten ja selbst, und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass Rousseau eben nicht nur ein begnadeter Rhetor war, sondern auch ein Mensch, der selbst Kinderrechte nicht die Bohne achtete. Nicht mal die seiner eigenen Kinder.

Wieso erwähnt Prantl dann den Rousseau? Weil er eine gelehriger Typ ist und weil er diese wichtige Figur nicht unerwähnt lassen darf. Nur, wieso sagt Prantl nichts über Gustav Wyneken, Ellen Key und Wilhelm Reich? Die sind allesamt jünger als Rousseau. Und sie haben auf ihm aufgebaut, indem sie emphatisch für das Jahrhundert des Kindes, eine eigene Jugendkultur und die sexuelle Befreiung des Kindes schrieben.

Man darf meines Erachtens, wenn man über die Rechte von Kindern schreibt, diese Figuren nicht außen vor lassen. Denn sie liegen gewissermaßen zwischen uns und Rousseau, d.h. sie versuchten vieles von dem besser zu machen, was vor (und nach) dessen Émile alles schief gelaufen ist mit den Kindern. Kurz gesagt, wollten Key, Wyneken und Reich mehr Rechte, mehr und bessere und demokratische Bildung und eine emphatischere, gewaltfreie Erziehung. Was will man mehr! Da steckt doch alles drin – könnte man jedenfalls meinen.

Leider ging das gründlich schief: Key reservierte ihr Jahrhundert des Kindes nämlich nur für die gesunden Kinder und wollte die behinderten am liebsten „euthanasieren“; Wyneken erbaute seine Reformschule wahrscheinlich bloß, um besser an Knaben heran zu kommen; und Reich formulierte eine Ideologie, die alles für das Kind wollte – und es kurzzeitig einer neuen Unterdrückung unterwarf. Weil man so doll abstrakte Rechte und Ideen für Kinder eben verdammt leicht missbrauchen kann. Denn Kinder, das ist das Problem, sind zwar der rhetorische Adressat eines Rechtsdiskurses – aber der praktische sind die Eltern. Und was die mit ihren Kindern machen, das steht in den Sternen.

Keine Frage, sowohl bei Key und Wyneken als auch bei Reich finden wir wichtige Passagen und Ideen, und die sozialen Auswirkungen waren nicht ausschliesslich schlecht, die auf sie zurückzuführen sind. Aber alle drei gemahnen uns, nicht zu voreilig den Ideologen zuzuhören, die uns wie der Rattenfänger von Hameln neue Kinderrechte zuflöten – ohne darauf achtzugeben, was dabei wirklich an Kindeswohl herauskommt, also an konkreten Verbesserungen für Wohlbefinden, soziale Sicherheit und Aufstiegschancen für Kinder. Der Zuwachs an Kindeswohl ist der einzig gültige Maßstab.

Da hat Prantl Recht.

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