oder: Die missbrauchte Utopie (reloaded)

Update nach Migräneanfall…
Nur so viel: der Tanker dreht sich, auch die Bildungshistoriker werden sehr sehr nachdenklich und Versprechen: die Bücher über sexualisierte Gewalt werden kommen. Tweet

Alles wird gut. Die sexualisierte Gewalt in reformpädagogischen Einrichtungen und vor allem in ihren Ideen ist bei den Bildungshistorikern angekommen. Vor der Tagung über Reformpädagogik, die heute in der Bibliothek für Bildungsgeschichte in Berlin beginnt, habe ich mir das zweibändige „Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland (1890-1933)“ angesehen, das die beiden Veranstalter herausgegeben haben. (Prof Schwerdt und Prof Keim) Und zwar im jahr 2013, es ist also ganz frisch. Also: Wo ist der Missbrauch? Er steht in den Fußnoten! Das ist noch kein Durchbruch auf insgesamt 1222 Seiten, aber immerhin. Wir erfahren auf Seite 9, das ist die erste inhaltliche Seite, dass es an der Odenwaldschule zu einem Missbrauchsskandal gekommen ist – und schwupp geht es runter in die Fußnote. An anderer Stelle, sehr weit hinten, ich kann die Seite jetzt nicht nennen, steht, dass es zu „zahlreichen Missbrauchsfällen“ an der Odenwaldschule gekommen ist. Wie viele es wirklich waren (laut Untersuchungsbericht mindestens 125, der Verein Glasbrechen geht von 400-500 Fällen aus), ist im ganzen Buch nicht zu eruieren.
Was erfahren wir nicht? Wir erfahren nicht, wer Gerold Becker war, immerhin jener Lehrer, der die Reformpädagogik für rund 20 Jahre besser erklären konnte wie kein anderer. So das Urteil der Zeitgenossen. Aus dem Handbuch ist Becker komplett rausgeflogen. Wir erfahren ein bisschen davon, dass Gustav Wyneken ein fanatischer Päderast war. Aber auch das vor allem in den Fußnoten.
Hier ein vorbereitender Text zur Tagung:

Die Tagung des Dr. Jekyll

In Berlin treffen sich Bildungshistoriker, um über die Reformpädagogik nach der Odenwaldschule zu räsonnieren. Weder über Missbrauch noch über Wyneken noch über Nähe wird geredet

Die Reformpädagogik ist von jeher eine Pädagogik der schönen Rede. Die wohl größte Tradition, welche die Zunft entwickelt hat, ist die der horriblen Beschreibung der herrschenden Schule – der Presse, Anstalt, Paukschule und welche Begriffe da immer erfunden wurden. Dieser Karikatur der schwarzen Staats-Pädagogik stellen Reformpädagogen gerne die rosaroten Schilderungen ihrer achtsamen Schulen entgegen, die – angeblich – kein Kind beschämen.
Dabei ist es so, dass die Schönrederei vielleicht einen ganz anderen Zweck hat: Sie soll etwas Dunkles und Unheimliches verdecken. Nehmen wir Gustav Wyneken, einen der wichtigen Ahnherrn der deutschen Reformpädagogik genau wie der demokratischen Schule. Er gaukelte der reformpädagogischen Gemeinde viele Jahre lang vor, er sei ein Schulreformer und pädagogischer Demokrat. In Wahrheit verfolgte er wohl ganz andere Ziele – sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Szene wusste davon, immerhin wurde Wyneken rechtskräftig verurteilt. Aber die Bildungshistoriker erzählen beinahe seit 90 Jahren von Wyneken nur die Geschichte des guten Dr. Jekyll, der Schüler als Demokraten auf Augenhöhe sieht. Und sie verschweigen konsequent den Mr. Hyde in Wyneken, der rücksichtlos über Kinder hinwegtrampelte. weiterlesen bei netzwerkB
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