Ein iPhone-Blogger programmiert sein 16-Monats-Kind mit Apps – und vermeidet ausdrücklich eine pädagogische Debatte

Dass Alexander Olma auf seinem „iPhone-Blog“ Werbung und praktische Ratschläge als Journalismus bezeichnet, ist vielleicht nur eine Geschmacksfrage. Er kennt den Hautgout des Ratgeberjournalismus jedenfalls ganz offensichtlich. Das zeigt sein Impressum, in dem er betont, dass Werbung gesondert gekennzeichnet und der redaktionelle Teil autonom sei: „Inhaltliche Einflussnahme durch Werbekunden ist untersagt.“ Aber darüber will ich gar nicht urteilen, zumal Olma gerade selbst (ein wenig) über seinen Status räsoniert hat: acht Jahre iPhone-Blog.

Tief verwurzelte Lesekultur – ohne Apps

Mir geht es um Olmas Kind. Er nennt es sein „Experiment Kind“. Olma wohnt in Finnland, wo es eine kulturell tief verwurzelte Lesekultur gibt – ohne Apps. Verwandte und Freunde überhäufen das Kind dort mit Büchern. Das ist etwas Großartiges, das man gar nicht genug herausheben kann: Freunde schenken einem 16 Monate alten Kind Bilderbücher, in denen es schauen und blättern und lesen kann. Lesen im Sinne von: Ich tue so wie die Erwachsenen, wenn sie in ein Buch gucken.

Keine pädagogische Debatte über iPads, bitte!

Aber das ist nicht das Experiment mit dem Kleinkind, von dem Olma berichtet. Einem Baby, das gerade dabei ist, Hunderttausende von Synapsen in seinem Kopf zu bilden – angeregt durch Sprechen und Vorlesen von der vertrauten Stimme des Vaters und der Mutter. Nein, Vater Olma bespielt das Kind als Laborkind zusätzlich mit einem Ersatz: mit den tollen Apps, die es rund um iPhone und iPad gibt. 18 Apps hat Olma ausgewählt. „16 Monate jung und bereits 18 iPad-Lieblings-Apps“, schreibt Olma. „Das iPad ist ein fantastisches Spielzeug“. Sein Kind besitzt bereits ein eigenes iPad-Mini. Olma betreibt ja den iPhone-Blog, seine Leser erwarten sich praktische Tipps, welches Zubehör, welche App usw. für ihr Apple-Produkt dienlich sein könnte. Dass Olma keinen pädagogischen Blog betreibt, macht er sehr deutlich. Er wolle hier keine „pädagogische Diskussion über Kindererziehung“, schreibt er. Olma hat ein Gespür für Gags in Texten – er schreibt sein Mantra „keine Erziehungsdiskussion bitte!“ verborgen unter einem Button, den man gesondert anklicken muss.

„is normal und ordinary“

Gleichwohl entkommt kein Vater der pädagogischen Frage. Auch Olma nicht. Er hat ein Programm, auf das er mit einem Namen verweist: „Douglas Adams behält Recht.“ Adams ist war Sci-Fi-Schriftsteller (u.a. Per Anhalter durch die Galaxis), und Olma verweist auf folgendes Zitat von Adams: „Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works.“ Auf deutsch und sinngemäß: Alles, was Kinder von Anfang an erlernen, wird für sie normal, alles an Technologien, was später kommt, ist faszinierend (15 bis 35 Jahre) oder bleibt ihnen fremd (ab 35 Jahre).

Könnte es sein, dass das die Idee der experimentellen Erziehung des Alexander Olma ist? Einem Mann, der Soziologie studiert hat und seitdem in Werbeagenturen und special-interest-Zeitschriften arbeitet: Dass er einen kleinen digitale native erzieht, der frühzeitig auf das Programm der Internet-Gesellschaft vorbereitet wird. „Dass, was Kinder seit 2010 haben (können), hatte bislang niemand zuvor“, bejubelt Olma die Existenz von Apple-Tablets für die Erziehung von Kindern. So etwas gab es noch nie! – das ist der Stil bombastischer Werbetexte und Jahrmarktsankündigungen für eine neue Zeit. Diese Art der Erziehung zu einem (vermeintlich) neuen Menschen gab es, seit neue Gesellschaftsordnungen entworfen wurden, genauer: seitdem das Kind als eigenständiges Wesen anerkannt ist, also etwa seit Jean-Jaques Rousseau und, etwas später, Ellen Key. Das Kind wurde formell für selbständig erklärt. Tatsächlich wird es durch seine Überhöhung aber verdinglicht. Es wird zum idealen Bürger einer neuen Ordnung erkoren – und damit zum Objekt. Bevor es Bausteinchen einer neuen besseren Welt spielen durfte, musste es erst (um)programmiert und erzogen werden. Zum Beispiel mit Tablets für Kleinkinder. Das Paradebeispiel von Umerziehung waren die 68er, die das Kind sexuell befreien wollten, um eine Anti-NS-Gesellschaft zu kreieren.

„Habt Ihr ein tägliches Limit?“

Zurück zum „iPhone-Blog“: Damit niemand Olmas inkrementelle Logik durchbrechen kann, führt er die Erziehungsdiskussion also gar nicht erst. Er weigert sich gewissermaßen, das Nachdenken über Gut und Richtig einer iPad-Erziehung von Kleinkindern auch nur anzutönen. Die Leser von @iphoneblog interessiert das aber durchaus. Sie fragen in Tweets ganz vorsichtig, ob sie doch erzieherische Fragen stellen dürften.

Sie wollen z.B. wissen, wie lange das 16-Monate-Kind vor seinem eigenen iPad sitzen kann. Olma selbst schickt einen Tweet, den er nochmal nachlesen und darüber sinnieren sollte: denn die Welt bleibt für ihn jedes Mal kurz stehen [,wenn er in sein Tablet guckt].

Vielleicht ist das das gute Ende einer so verstörenden Geschichte, in der ein Service- und Werbejournalist sein Kind in die Verwertungskette seiner Arbeit einbaut: Dass ihn auch aus seiner (neuen) digitalen Welt Menschen mit Fragen konfrontieren, welche die Hermetik aufbrechen und darauf verweisen, worum es eigentlich geht: Ob ein Kind Objekt eines Experiments sein darf, und sei es nur als verdinglichtes Werbeaccessoire eines Blogposts? Oder ob es ein Subjekt eines Lebens werden soll, bei dem u.a. Lesen ein wichtiges Bindeglied zu Eltern und Welt darstellt? Dieses Bindeglied sollte man m.E. nicht verstellen – schon gar nicht mit einem iPad oder einem „iPhone-Blog“.

Das Netz nicht abschaffen oder zensieren

Reminder: Um die üblichen Beschimpfungen aus der digitalen Gemeinde zu halbieren: Ich will das Internet weder abschaffen noch zensieren. Und ich finde auch, dass Kinder asap mit den „neuen“ Technologien befreundet werden sollten, wenn auch kritisch und NICHT IM ALTER VON 16 MONATEN. Gegen den Sog des Bildschirms kann kein anderes Bildungsgut bestehen, keine Chance: Das Tablet bildet nicht, es bagatellisiert und zerstört alle anderen Lernmethoden. Kinder lernen viel bei Computer-Games – aber diese Art des Lernens darf die anderen auf keinen Fall kannibalisieren. MEINER ANSICHT NACH.

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