Keine Schulpflicht für Flüchtlingskinder?

Warum Thüringens SPD-Chef Bausewein die Gründungsidee seiner Partei nicht kapiert hat

Das wichtigste Mittel für Integration ist die Sprache. Flüchtlinge sollen deswegen als erstes Deutsch lernen. Wir hören das täglich. Egal ob von Lehrern, Handwerkskammerpräsidenten oder Politikern. Manche sagen sogar: In Deutschland ankommen – und gleich tags drauf in den Deutschkurs. Wer wollte der Lernempfehlung Deutsch also widersprechen? Natürlich niemand! Aber nein, Halt! Es gibt nun tatsächlich jemanden, der Flüchtlingen das Lernen ausreden will. Kinder aus Syrien und Somalia, aus Irak und Pakistan, aus dem Kosovo und Mazedonien, sie sollten in Deutschland von der Schulpflicht befreit werden. Weil die Kapazitäten der Schulen ausgelastet sind.

Als Arbeiterbildungsvereine gegründet

Klingt verrückt, sollte aber so sein. Jedenfalls nach Meinung des Oberbürgermeisters von Erfurt. Er heißt Andreas Bausewein, ist Vorsitzender der Thüringer SPD – und sollte dringend die Geschichte seiner Partei studieren. Sozialdemokrat zu sein, das hieß früher quasi automatisch einem Arbeiterbildungsverein anzugehören. Lernen ist sozialdemokratisch, Wissen bedeutet Macht. Das trichterten die Gründer der Sozialdemokratie den ihren ein, um Bismarck endlich bezwingen zu können.

Schüler lernen unglaublich viel mehr, wenn sie den Reichtum ihrer Vielfalt entdecken – und auch schätzen.

Heute, 150 Jahre später, ist Bauseweins Idee umso unverständlicher. Man kann dem SPD-Chef nur raten, in die Klassenzimmer hineinzuschauen, in denen Kinder aus aller Welt einziehen. Es ist die reine Freude zu sehen, wie unkompliziert dort Integration abläuft, wie viel die Kinder voneinander lernen. Das ist kein Kitsch: Schüler, und zwar alle, die aufnehmenden wie die ankommenden, lernen unglaublich viel mehr, wenn sie den Reichtum ihrer Vielfalt entdecken. Die Zeugen dafür – die Bausewein dann wie ich sehen könnte – sind zum Beispiel der Junge Derwisch aus dem Flüchtlingslager Yarmuk in Damaskus, der seit zwei Jahren hier ist und schon fast akzentfrei deutsch spricht. Und sein deutscher Freund Josef, für den selbstverständlich ist, dass Derwisch dazu gehört. Derwisch lernt deutsch, Josef lernt Toleranz.

Das ist es, was Andreas Bausewein, den Schülern vorenthalten würde, wenn sein Vorschlag Wirklichkeit würde. Es wird Zeit, dass der SPD-Landeschef die 22 Kilometerchen von Erfurt nach Gotha fährt, wo die SPD entstand. Um die Gründungsidee seiner Partei zu studieren – und seine Forderung nach einem Lernverbot für Flüchtlingskinder wieder zurück zu nehmen.

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