Lernen2.0 mit Tablets und Blogs geht am besten in kleinen unterrichtsnahen Beispielen. Samsung stattet zig Schulprojekte mit Tabletcomputern aus – und verpasst dabei eine große Chance. Plädoyer für einen echten digitalen Schulpreis

VON CHRISTIAN FÜLLER

Sie erforschen die tödliche Krankheit Ebola, öffnen Shakespeares Sonnette für eine audiovisuelle Interpretation oder vertonen die Kreiszahl Pi. Der Kreativität von Schülern sind kaum Grenzen zu setzen – wenn sie aus dem Paukmodus befreit werden und mit digitalen Medien arbeiten können. Samsung zeigt das mit seinem Wettbewerb „Digitale Bildung neu denken“, bei dem Schulen Tablets gratis zur Projektarbeit bekommen. Aber der Weltmarktführer bei Smartphones beweist zugleich, wie knauserig die Branche ist. Die Ideen der Schüler sind großartig, der Lohn des Global Players ist kleinkariert.

Gerade wurde die vierte Runde des Wettbewerbs ausgespielt. Gewonnen haben die Siebtklässler des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums in Gütersloh. Medienscouts haben auf den Tablets Computerspiele für Mitschüler programmiert – um sie vor Risiken und Nebenwirkungen der Daddelei zu warnen. „Die Siebtklässler sollten ihren Spielkonsum analysieren und dabei lernen, ihr Spielverhalten zu regulieren“, so die Idee des Projekts. Damit haben die Gütersloher den Preis der Alterklasse siebte/achte Klassen geholt. Nur, was bekommen sie dafür? Sie dürfen das digitale Klasenzimmer von Samsung mit seinen 32 Tablets und einer intelligenten Schultafel behalten. Ein schönes Geschenk – aber ein bisschen wenig für ein Unternehmen, das 1,4 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland macht. Zum Vergleich: Der Deutsche Schulpreis der Bosch-Stiftung ist mit 100.000 Euro dotiert.

Tablets für Anatoliens Schulen, aber nicht für deutsche

Dabei ist der Wettbewerb um die beste digitale Bildung aktueller als der Schul-Bambi von Bosch. Politik und Wirtschaft zerbrechen sich gerade den Kopf darüber, wie sie digitales Lernen mit Tablets, Blogs und sozialen Medien beschleunigen können. Immerhin tragen neun von zehn Schülern das Smartphone permanent mit sich herum. Aber die Politik ist in der Zuständigkeitsfalle gefangen. Während in der Türkei die Zentralregierung in Ankara Tablets für Anatolien ordern kann, darf Berlin das für deutsche Bundesländer nicht tun – das verhindert das Kooperationsverbot des Grundgesetzes. Obendrein tobt die Debatte über die „digitale Demenz“. Hirnforscher befürchten, dass Computer die Schüler verdummen, Pädagogen, dass Tablets der Humboldtschen Bildung den garaus machen. Mitten in diesem Streit zeigt „Digitale Bildung neu denken“, wie weit viele Lehrer und Schulen schon sind. Der digitale Fortschritt kommt von unten.

Zum Beispiel das Gütersloher Stiftische Gymnasium, wo seit 15 Jahren alle Siebt- bis Zehntklässler mit Laptops arbeiten. Wer sich´s nicht leisten kann, bekommt dort aus einem Solidartopf Zuschüsse. Oder der Zweitplatzierte, das Berliner Sport-Leistungsgymnasium. Dort ließ Musiklehrer Johannes Püschel seine Eleven, die nicht selten für Weltmeisterschaften trainieren, eine deutsche Olympiahymne komponieren – und als Video aufnehmen. Püschel führte mehrere Fächer und Lehrer zusammen. Auf einem Blog arbeiteten die Schüler zeitgleich an den selben Dokumenten. Sie merkten, so erzählt, der Musiklehrer: „Hey, ich schreibe grade nicht in mein Heft, sondern das Blog ist öffentlich für Mitschüler und die Lehrer.“ Dieser Ansporn zu kreativer und kollaborativer Inteligenz ist etwas, was digitales Lernen auszeichnet – wenn es gut ist.

Digitale Medien können mehr als Tafel und Kreide ersetzen

Eckhard Klieme, einer der renommiertesten deutschen Schulforscher, sieht eine besondere Qualität digitalen Unterrichts. „Digitale Medien können mehr als Tafel und Kreide ersetzen“, sagt der Professor vom Frankfurter Institut für Internationale Pädagogische Forschung. „Sie ermöglichen authentisches Lernen und einen höheren Grad an Schüleraktivität.“ Multimediales Arbeiten könne Schüler sogar für klassische Stoffe begeistern – zum Beispiel im Shakespeare-Projekt. „Jugendliche, die sonst eher wenig für Gedichte übrig haben, bekamen nicht nur einen Motivationsschub, sondern es hat ihnen offensichtlich auch erlaubt, die Sonnette Shakespeares für ihre eigene Lebenswelt zu erschließen“, sagt Klieme.

Samsung hat bisher an 187 Schulen ein digitales Klassenzimmer ausgeliehen, jeweils für sechs Wochen. Der Geiz des koreanischen Geräteherstellers droht nun die positiven Wirkungen des Wettbewerbs zu untergraben. In vielen Schulen war eine Entwicklung angeschoben worden. Die Pioniere des digitalen Lernens zeigten manchem ängstlichen Pädagogen, wie gut sich mit der neuen Technologie arbeiten lässt. Wenn der Klassensatz an Rechnern wieder an Samsung zurück geht, verpufft der Schwung aber schnell. Schulen haben hierzulande auch nicht die Möglichkeit, sich die Technologie einfach anzuschaffen. Kein Rektor kann in den nächsten Elektronik-Laden gehen und Tablets für seine Schule mitnehmen. Das ist Sache der Schulbürokratie.

Mehr Geld aus der IT-Branche für einen Schulpreis

Der Deutsche Schulpreis hatte mitten im Pisa-Schock sichtbar gemacht, wie gut einzelne deutsche Schulen sein können. Zum ersten Gewinner, der Grundschule Kleine Kielstraße, pilgerten 2006 sogar Lehrer der ewigen Pisa-Champions aus Finnland. Nun ist es an der Zeit, auch für die besten Beispiele des digitalen Lernens die Scheinwerfer anzustellen: Mit einem Deutschen Digital-Schulpreis. Dazu müsste die IT-Industrie aber mehr Geld in die Hand nehmen als für ein digitales Klassenzimmer nötig ist. 

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