Wieso die Explosion der Abiture die Gesellschaft nicht zusammenführt, sondern noch tiefer spaltet. Im Kopf

Wir haben eine Spaltung im Land. In vielen Bereichen. Das ist nun wahrlich nicht neu. Aber wir sollten uns diese Spaltung genauer ansehen. Denn sie ist sozusagen eine doppelte – und daraus ergibt sich dann eine interessante Folgefrage über die Stimmung im Land. Dazu gleich.

Zunächst die Spaltung. Sie ist zum einen eine reale und zum anderen eine in der Wahrnehmung. Ganz allgemein gesprochen:

  • die soziale Realität weist eine Spaltung auf, will sagen: ein Teil der Gesellschaft wird abgetrennt von einem anderen, hat es viel besser und/oder profitiert von bestimmten Strukturen, Privilegien oder Machtverhältnissen
  • aber auch die Wahrnehmung ist gespalten. Die einen nämlich nehmen die soziale Realität ganz anders wahr als die anderen

Konkret bezogen auf die Bildungschancen heißt das: In Deutschland, das traditionell den Zugang zum Abitur eng gehalten hat, explodiert die Zahl der Abiture seit 2010 geradezu. Bedingt durch die verkürzten Abiturjahrgänge, später durch den allgemeinen Post-Pisa-Boom, werden Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und Fachoberschulen gestürmt. Die amtliche Statistik weist Abiturquoten zwischen 50 und 60 Prozent aus.

Eine Abiturrevolution…

Das ist eine Revolution, die vielerlei Folgen nach sich zieht – und eine ganz Reihe von Strukturen, Privilegien und Machtverhältnissen auf den Kopf stellt bzw. stellen wird. (Die das Land übrigens langsam mal bearbeiten sollte.)

Zunächst aber wirkt diese Abi-Revolution einer sozialen Spaltung entgegen. Früher war das Abitur nur für wenige da, heute ist es für mehr als die Hälfte der Jugendlichen zu haben. Das schafft enorme Aufstiegschancen für viele soziale Gruppen.

Das Interessante ist nun das, was auf den Kommentatoren-Tribünen stattfindet: Während unten auf der Gymnasialbahn immer mehr Abiturienten das Ziel erreichen, schreit die ganze Tribüne „Buh“. Keiner jubelt. Das deutsche Schulsystem vollbringt eine Revolution – und alle mäkeln herum.

Die einen schimpfen wie die Rohrspatzen, weil es eine Inflation der Abiture gibt. Der Wert des Abiturs sinke, die Gymnasien würden ge- und überflutet, kurz: das Abendland geht unter! Nun ist sogar die kluge Zeit in den Chor eingestimmt. Und hat auf ihren aktuellen Titel gesetzt: Die Abi-Inflation. In dem Text steht der Satz, dass die Schulrätin, die in Hamburg die Abiture zählt, sich gar nicht erklären kann, woher das kommt. Bemerkenswert. Die Zeit tut so, als wüsste sie nicht, woher der Abi-Boom kommt.

… oder zu wenig Aufstiegschancen?

Und es kritikastert noch jemand: die Soziologen und Gerechtigkeitserklärer. Sie sagen, für Gleichheit im Land sei es unter anderem extrem wichtig, die Aufstiegschancen zu erhöhen. Sie haben damit natürlich recht, grundsätzlich. Man fragt sich bloß, wie man diese Drehorgel immer weiter leiern kann, wenn doch gerade die Aufstiegschancen besser werden, viel besser.

Das Instrument sozialen Aufstiegs

Das Abitur ist das zentrale Instrument sozialen Aufstiegs in akademische Schichten. Das Abitur verschafft gesellschaftliche Anerkennung, den Zugang zur Hochschulen, in der Regel mehr Einkommen und sorgt oft sogar für mehr Gesundheit und ein längeres Leben. Die Abiturexplosion findet seit 2010 statt. Wir sind also jetzt im siebten Jahr des Booms, ein Ende ist bislang nicht abzusehen. 2016 haben erneut mehr Schüler das Abitur abgelegt – aber die Gerechtigkeitsinterpreten wollen es einfach nicht sehen. Beispiel Süddeutsche Zeitung, in der in einem Mittelschichtsaufsatz steht, dass die Kinder der Arbeiter viele seltener aufs Gymnasium dürften als die der Beamten und Akademiker. Auf die extreme Abiturausweitung, die damit direkt zu tun hat – kein Hinweis.

Was ist das los?

Die einen sehen die Abitur-Revolution – und beklagen sie.

Die anderen klagen – verschließen aber die Augen vor der Abitur-Revolution.

Es gibt eine tiefe Wahrnehmungsspaltung. Das Phänomen dieser Spaltung ist, dass die Realität sich längst weiterentwickelt, in diesem Fall sogar sehr schnell. Kein Schulexperte hätte damit gerechnet, dass die in Deutschland rückständigen Abiturquoten so fix wachsen könnten. Aber diese positive Sichtweise nimmt niemand ein. Es wird lieber gejammert: Die einen reden die neue soziale Realität schlecht, die anderen wollen sie einfach nicht sehen.

Eine verrückte und verwirrte Republik geht ungefähr so:

Stell Dir vor, die Zahl der Abiture steigt – aber keiner freut sich!

Stell Dir vor, eine tragende Säule von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, das Abitur, wird revolutioniert – aber es findet kein vernünftiger, faktenbasierter, zukunftsfähiger Dialog statt. Stattdessen wird geschimpft und gebläht. Viele beginnen inzwischen larmoyante Witze zu machen. Der kluge Armin Himmelrath etwa schreibt in seiner Storify-Kolumne von einer „bemerkenswerten Koinzidenz“ zwischen Abi für alle und Abi für wenige. Aber das bleibt ein Apercu, das Thema wird nicht sinnvoll bearbeitet. Mit sehr realen Folgen. Denn es wird nicht das bestehende Abitursystem verbessert, sondern es wird sinnlos an ihm herumoperiert: Siehe Seehofer und seine Turbo-Reform des Turbo-Abis.

Sinnsystem im Strudel

Solche extremen und folgenreichen Wahrnehmungsspaltungen gibt es derzeit in vielen Feldern: Im Bezug auf die Agenda2010, mit Blick auf die Flüchtlinge, bei der Frage „Digitalisierung ja oder nein?“ und der, ob nun der Kapitalismus oder der Kommunismus am Ende ist. Inzwischen gerät sogar unser semantisches und Sinnsystem in den Strudel: Stimmen denn die Nachrichten, die von der anderen Seite kommen, überhaupt noch? Oder ist inzwischen alles Fakenews, weil wir einfach keiner Nachricht mehr vertrauen? Ohne Vertrauen bliebe nur noch der Glaube, und der ist keine Politik fürs 21. Jahrhundert.

Wenn wir beim Verständigen mit Zeichen auf Tribünen sitzen, auf denen nur geschimpft und gelogen wird, dann wird’s richtig eng

Das ist ein Problem. Über die Abiture – um beim Beispiel zu bleiben – könnten wir uns anhand der Fakten leicht verständigen und zu einer gemeinsamen Wahrheit kommen. Und zwar einer guten, die wir beklatschen und positiv gestalten könnten. Aber wenn wir uns bei der Beurteilung des Zeichen- und Wahrnehmungssystems selbst auf Tribünen begeben, auf denen nur noch geschimpft, übersehen und gelogen wird, dann wird’s richtig eng. Dann gibt’s keine Verständigung. Das ist übrigens vor allem vor einer Wahl blöd.

Ist das nicht irre gefährlich?

Im nächsten Freitag gibt es spannendes Interview mit Heinz Bude, der dieses Phänomen aufgreift. Der Soziologe beschreibt, wie aus einer Mixtur von realer sozialer Spaltung und einem totalen Dissens in der Bewertung dieser Spaltung eine große Gereiztheit entsteht. Es breitet sich so etwas wie eine Stimmung aus, die aus der Unüberbrückbarkeit von Anschauungen und Meinungen stammt.

Wenn das der Kern ist“, sagt Bude dazu, „dann weiß man, dass man gegen Stimmungen nur mit einem ankommen kann: mit Stimmungen.“

Jakob Augstein erwidert zurecht: Ist das nicht irre gefährlich?

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