Auch in kritischen Dialogen. Wenn die Sendezeit um ist, wird die PR halt nachträglich reingeschnitten

Oder: Wie der industriell-staatliche Digital-Komplex nun Redaktionen als Helfer bekommt

Von der Wiege bis zur Uni

Mitte der Woche nahm ich mit der Netzaktivistin und Die Linke-MdB in spe, Anke Domscheidt-Berg, dem Digital-Lehrer Björn Nölte und dem 100.000-Follower-Mann Johnny Haeusler an einer Radio-Diskussion teil. (Breitband, hier) Es ging um digitale Bildung, und ich war erfreut, in dieser tollen Runde mittun zu können. Die Verwunderung kam am Schluß. Der Moderator hatte die Sendung bereits abgebunden, da begann Anke Domscheidt zu nölen. Sie hätte unbedingt noch was sagen wollen, sei aber nicht dran gekommen. Kann ja mal passieren, dachte ich! Ist aber bisserl spät, nach einer einstündigen Radio-Sendung damit zu kommen. Aber, huch, tatsächlich spendierte der Moderator der Anke nochmal drei, vier ungestörte Minuten. „Das nehme ich gerne noch mit rein“. Ankes Text wurde ein astreiner Werbeblock für die (angeblich) gemeinnützige Start-up-Initiative des Mikroprogrammierers Calliope. Nun gut, dachte ich, das werden die wohl nicht reinschneiden. Weil es redaktionell eigentlich in einem kritischen Diskurs nichts verloren hat.

Da hatte ich mich freilich getäuscht. Die Radiomacher schnitten frech nicht nur Anke D. mitten in den Beitrag, sie fischten dafür an drei Stellen substanzielle Kritik einfach aus der Sendung raus:

Keine guten Absichten“ – gestrichen

Erstens eine Stelle über die Interaktions- und Kommunikationsrisiken, die vor allem für Kinder um die fünf bis zehn Jahren bestehen, wenn sie auf „Internet-Spielplätzen“, also auf online-Plattformen, mit anderen spielen, chatten oder irgendwas tauschen. Kinder und Jugendliche müssen auf das Risiko besser vorbereitet werden, dass sie da auf Mitspieler treffen, die keine guten Absichten haben. Das ist ganz klar eine Aufgabe von Schule, der sie bisher nicht gerecht wird. Es gibt eine Studie des Familienministeriums, die zeigt, dass vermeintlich gleich berechtigte Internet-Spielplätze das Grooming-Risiko massiv ausgeweitet haben. Quasi die gesamte Passage haben die Cutter des Deutschlandradios entfernt.

Zweitens eine Stelle, bei der Johnny Häusler erklärte, warum er bei einem Digitale Spiele-Kongress eine so wahnsinnig unkritische Rede gehalten hatte. Ihm war gar nicht gesagt worden damals, so der Macher von Spreeblick heute, dass es um digitale Spiele für Drei- bis Siebenjährige gibt. Auch dort wimmelt es geradezu von Risiken.

Der neue Lobbycluster 

Drittens eine Stelle, wo es darum ging, was das eigentliche Ziel von Internetunternehmen in der digitalen Bildung ist: nämlich die Lerndaten von Kindern von der Wiege bis zur Schwelle der Uni zu erheben; auch hier radierte ein grober Schnitt wichtige Sachen aus. 

Lobby2.0 – kompliziert, aber effektiv

 

 

 

Ich finde das doppelt ungewöhnlich. Zum einen, weil es redaktionell weder redlich noch professionell ist. Und zum anderen, weil dabei ein ganz grundsätzliches Problem auftaucht: Wo kann man eigentlich kritische Beiträge zu diesem Internet unters Volk bringen? In der Werbung für digitale Bildung ist inzwischen ein industriell-staatlicher Komplex entstanden, bei dem es ohnehin schwer ist, gegen die gigantische Propaganda-Maschine aus Google, Zypries, Wanka, Microsoft, der Kanzlerin etc. anzukommen. Die Werbepower der praktisch unregulierbaren Internet- und IT-Giganten ist erdrückend. Die Bundesregierung trompetet – ebenfalls mit enormem Geldaufwand – ins gleiche Horn. Wenn nun auch noch die vierte Gewalt mit in diesen Chor einstimmt, dann wird’s echt orwellhaft.

Calliope als Gehirnwäsche

Beispiel Calliope: Aus dieser anfänglich guten Idee ist inzwischen ein weit verzweigtes Gehirnwäscheunternehmen geworden. Aus einer – scheinbar – privaten Initiative wurde mit obskuren parteilichen Verbindungen erst der Weg ins Wirtschaftsministerium gebahnt, dann auf den IT-Gipfel und schließlich mitten in die IT-Industrie der Mega-Player Google und Microsoft. Inzwischen befleißigt sich vor allem Zeit-Online und dort besonders ihr Redakteur Patrick Beuth als PR-Schreiber.

Coden mit Calliope: feindliche Übernahme im/ohne Namen von Microsoft

Mit Texten, die selbst in Verlagsbeilagen schwer verdaulich sind, kommt Beuth auf die vordersten redaktionellen Plätze. („Bis aus einer solchen Idee etwas Greifbares wird… müssen viele Widerstände überwunden werden“) Und nun also auch noch das öffentlich-rechtliche Radio, wo man Extra-Minuten bereit stellt, in denen die anderen Diskutanten nicht widersprechen können, weil sie ja schon off sind. Das ist, ganz grundsätzlich gesehen, eine Gefahr für die Freiheit der Kritik und damit, sorry, auch für die Demokratie.

Was ich gelernt habe: In einer Sendung, die von Haus aus internetaffin sein will, ist es schwer, substanzielle Kritik am Digitalen anzubringen. Notfalls wird sie einfach weggemacht. Das ist journalistisch absolut inakzeptabel, und ich fürchte, das wird als Bumerang auf solche Sendungen zurück fliegen. Irgendwann werden PR-Lautsprecher wie Breitband ihren Zuhörern erklären müssen, warum man ihnen die Pros stets in den buntesten Farben präsentiert, aber die Cons jahrelang vorenthalten hat.

Advertisements