Das neue sozialdemokratische neoliberale Modernisierungsprogramm

Oder: Calliope als Trojanisches Pferd

Ergänzung zum politischen Feuilleton im Deutschlandradio-Kultur anlässlich des Nationalen IT-Gipfels. Mit einer Hommage an „Siggi Gabriel Internet“, der das Netz auf dem IT-Gipfel mit Immanuel Kant in den Griff bekam

update 17/11/16, 20:00 Uhr

Sigmar Gabriel hat das Fantasma des souveränen Kindes neu entworfen. Das gab es immer wieder in der Geschichte: das Kind als Ikone für eine neue Gesellschaft. Das Maß an Vertrauen – und an Überschätzung – aber ist ungewöhnlich. Und gefährlich. Der SPD-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister sprach auf dem IT-Gipfel. Es ging – in seinen Worten – um nichts geringeres als um den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – durch digitale Bildung. Der olle Kant macht Internet steuerbar. So lautet die Fabel. „Wir sollten nicht Opfer einer technischen Entwicklung werden“, sagte Gabriel, sondern sie selbstbewusst gestalten. Es ist besonders, wie das geschehen soll. Die Kinder sollen uns retten, vor der Übermächtigung durch Algorithmen und Technologie.

Gabriel schrieb schon am Tag zuvor über Mündigkeit in der Welt – ausgerechnet am Beispiel des Datenschutzes. Der nämlich lasse sich am besten durch Souveränität bewerkstelligen: „Das digitale Pendant [zur Privatsphäre in der physikalischen Welt] muss man aktiv schützen, indem man die Notwendigkeit und Fähigkeit zur individuellen digitalen Kompetenz vermittelt.“ Das bedeutet: das Individuum kann sich am besten selbst schützen. Wie das geht? Ein Beispiel nannte Gabriel in seinem Text: Kinder erklären ihren Eltern, wie die Technik funktioniert. Kein Witz. Das ist für Gabriel eine von „vier Disziplinen der digitalen Bildung“:

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Dem Vorsitzenden der SPD ist kein Wortspiel zu platt, um sich sein Bild vom Internet schön zu malen: „Denn Wissen ist Macht zur Emanzipation. So lautet der digitale Bildungsauftrag.“

Was bedeutet das? Man kann diese Übertragung eines komplexen Problems, mit dem die Gesellschaft angesichts der Informations- und Gefühls-Overflow-Revolution durch das Smartphone nicht zurecht kommt, man kann diese Übertragung der ganzen Verantwortung auf die Kinder mit dem Shift in der Medienpädagogik vergleichen. (Siehe unten) Aber das Ganze hat auch etwas mit der SPD zu tun. Keine Partei ist im Moment so fortschrittsgläubig wie die älteste, die wir in D haben: die SPD. Reihenweise lassen Sozialdemokraten die digitale Technologie hochleben, ohne auf die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen zu achten.

Gähn

Erst gestern etwa der SPD-MdB Lars Klingbeil, der auf einen Tweet von mir zur missbrauchten Internetangst, die Risiken geradezu verhöhnte. „Gähn“, antwortete er auf den Hinweis. Klingbeil kommt aus einem Bundesland (Niedersachsen), in dem ein Drittel der Fälle sexualisierter Gewalt über das Internet angebahnt wird.

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Klingbeil gehört zu jenen Abgeordneten, die – wie es scheint – davor konsequent die Augen verschließen; er gehörte der Bundestags-Enquete des Bundestages zu Internet und digitaler Gesellschaft an. Eine Enquete, die sich ausschließlich und ganz bewusst NICHT mit den Risiken befassen wollte. 12 Arbeitsgruppen gab es, statt vier geplanten. Keine einzige war dem Thema Risiko gewidmet.

Das ist kein Zufall. Und die SPD macht weiter so. Gabriel steht dafür, indem er die Gefahren des Datenverlustes beinahe naiv in der Welt anspricht.

„Die Angst vor Fremdbestimmung in der digitalen Gesellschaft hat vor allem mit Kontrollverlust zu tun. … Apps und Algorithmen gestalten unseren Alltag, aber in Wahrheit klappt das doch ganz gut: Sie helfen uns, vermitteln uns Wissen, nehmen uns Arbeit ab, verhalten sich nach den Vorgaben.“ 

Kein Wort darüber, dass im Internet der Dinge, aber auch von unseren Smartphones und Tablets ständig Daten abfließen – und nicht immer wissen wir das. Aber „in Wahrheit klappt das ganz gut.“ Die SPD, das sieht man an dem witzigen und pädagogisch wertvollen kleinen Rechner Calliope Mini, hat einen Fortschrittskurs eingeschlagen, der keine Rücksicht auf institutionelle Grenzen nimmt. bildschirmfoto-2016-11-17-um-20-12-39Calliope wird von einer gemeinnützigen GmbH hergestellt und vertrieben. Nur, ist das gemeinwohlorientiert? Oder eher eine Tarnung?

Die Giganten Google und Microsoft

Hinter Calliope stehen nämlich nicht nur engagierte und findige Gründer, sondern die Giganten Google und Microsoft, die Telekom und Bosch, das jetzt offenbar auch ins Bildungsgeschäft einsteigen will. Das Ganze wird befördert und beinahe empörend interessengeleitet von Sigmar Gabriel beworben. Gabriel, der Wirtschaftminister, will den Calliope allen dritten Klassen Deutschlands zur Verfügung stellen. Der Wirtschaftsminister des Bundes, jemand, der – Calliope hin oder her – am wenigsten zuständig ist.

Das klingt spießig. Aber soll nach der postfaktischen Debatte in den sozialen Netzwerken jetzt die postlegale Ära in der Politik beginnen? Gilt die Verfassung – oder gilt sie nicht? Für Gabriel und die SPD gilt: Es ist eine industrielle Revolution im Gange, und wir werden die Bildungsinstitutionen dieser Revolution unterordnen – und sie dabei ökonomisieren. Google und Microsoft werden sich nicht damit zufrieden geben, gleichberechtigte Förderer eines startups zu sein. Die wollen nicht Calliope, die wollen den Einstieg in die Schulen. Calliope ist also beides, ein tolles Spielzeug zum neuen Lernen – und ein Trojanisches Pferd für Unternehmen, die eine nie dagewesene Wirtschaftspower haben. Wer soll Google regulieren? Gabriel setzt ein Exempel der Regelüberschreitung, das Google zur Regel machen wollen wird. Ist der Preis, den wir für die zweifelsohne kreative digitale Bildung zahlen, am Ende vielleicht ziemlich hoch.

Man kann das SPD-Syndrom der Emanzipation als Preisschild für Giga-Konzerne auch anderswo beobachten.

Subjektorientierung als rhetorisches Türschild

Die Subjektorientierung und Stärkung der Jugendlichen scheint bei Medienpädagogen zu einem rhetorischen Türschild verkommen. Sie behaupten, Drei- bis Siebenjährige zum vernünftigen Daddeln erziehen zu können; oder Sechs- bis Zehnjährige dazu ermächtigen zu können, sich autonom sicher im Netz zu bewegen. Ich halte das für eine Selbsttäuschung, eine professionelle Lüge. Es geht um ein Netz, in dem über 700.000 Erwachsene laut einer Studie des Familienministeriums sexuelle Kontakte mit Kindern und Jugendlichen suchen. 30 Prozent dieser Erwachsenen erklären, dass sie sich verkleiden, wenn sie mit ihnen unbekannten Jugendlichen kommunizieren, sprich einen falschen Namen, das falsche Alter oder einen Avatar nutzen. (Mikado-Studie

Kann es sein, dass eine ganze Zunft ihren emanzipatorischen sozialpädagogischen Auftrag vergessen hat?

Kann es sein, dass eine ganze Zunft ihren emanzipatorischen sozialpädagogischen Auftrag vergessen hat? Online-Risiken werden nicht als echte Gefahr für die psychische Gesundheit oder die sexuelle Selbstbestimmung oder die Datenidentität der Heranwachsenden wahrgenommen. Ja, sie werden oft einfach weggelassen, nicht erwähnt, in Wahrheit werden sie unterschlagen. Ein Phänomen wie Cybergrooming etwa gilt Strafverfolgern und Kinderschützern als eindringliches Risiko. Aber es gibt heute kaum einen Medienpädagogen, der es offen als Risiko aussprechen würde. Es kommt nicht im Medienpass von NRW vor, es findet nicht Eingang in die Risikostudie einer Wissenschaftlerin der Humboldt-Uni für die Bertelsmann-Stiftung. Fragt man nach, dann mutet es an, als sei das Problem unterwegs irgendwie verloren gegangen. Wie ein Regenschirm. Und wenn Risiken tatsächlich einmal auftauchen, dann werden sie benutzt. Medienpädagogen verpacken sie zu Argumenten, die dafür sprechen, die digitalen Medien umso schneller einzuführen; aber bitte ohne verschreckende Beipackzettel, in denen Risiken und Nebenwirkungen erwähnt werden.

Medienpädagogik agiert im übertragenen Sinne so, als trainierte sie die Kinder für den gepolsterten Fahrradparcours auf dem Schulhof, wo eine rote Ampel nicht wirklich leuchtet und Autos nicht vorkommen.

Medienpädagogik agiert im übertragenen Sinne so, als trainierte sie die Kinder für den vielfach gesicherten Fahrradparcours auf dem Schulhof, wo eine rote Ampel nicht wirklich leuchtet und Autos nicht vorkommen. Diese Kinder und Jugendlichen aber treffen in der Realität auf ein Internet, in dem es zugeht wie in einem Stockcar-Rennen. stockcarAuf das sie bislang praktisch niemand vorbereitet. Die Verkehrsteilnehmer dort sind nicht alle Wohlmeinende, die aus Versehen die StVo übertreten. Es sind Rennfahrer und Rowdies dabei, die absichtlich ausbremsen, schneiden und rammen. Für diesen Netz-Verkehr aber, so suggerieren Medienpädagogen mit Nachdruck, könne man Sechs- bis Zehnjährige so schulen, dass sie Herr ihres Fahrerfolgs sind. Und zwar ganz allein. Ohne Verkehrserziehung, ohne Zugangsregeln ins Netz, ohne Moderatoren als Straßenwächtern in privaten Geländen wie Facebook, Knuddels, Habbo-Hotel etc. Und vor allem ohne rechtliche Regulierung (Zensur!) des Netzes und selbstverständlich ohne Polizei im Netz.

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