In Berlin ist Rot-Rot-Grün noch nicht im Amt, da wird bereits indirekt zum Sturm auf teure Eliteschulen aufgerufen. Ein Aktionismus, der wenig von Schule und Chancengleichheit versteht

Mehr zu Privatschulen und Gerechtigkeit im RBB-Kulturradio: Das peinliche sozialradikale Vorgehen gegen Privatschulen
update 24.11. Die beiden Schulleiter des Aloysius- und des Canisius-Kollegs in Bonn und Berlin erheben schwere Vorwürfe gegen die Machart der Studie und die Berichterstattung, siehe unten.

Irgendwie lag das in der Luft. Rot-rot-grün steht vor der Übernahme der Macht, schon blühen bei manchen revolutionäre Phantasien. In einer Stadt, die ohne die Zuschüsse aus Bayern sofort zahlungsunfähig wäre. Dass nun aber die ersten radikalen Aufrufe aus dem ehrwürdigen WZB erschallen, ist ein schlechter Scherz. Marcel Helbig, eigentlich ein guter und unaufgeregter Forscher, hat in der Süddeutschen Zeitung einen Satz geprägt, der direkt aus dem Wohlfahrtsausschuss stammen könnte:

„Würde man das Grundgesetz ernst nehmen, müssten Schulen wie Schloss Salem oder das Bonner Aloisiuskolleg sofort geschlossen werden“. 

Wie kommt der Mann darauf? In einer Studie haben Helbig und sein Kollege Michael Wrase untersucht, wie sehr die Behörden Privatschulen auf die Finger schauen. Und es reicht nicht. Kaum eine Schulaufsicht befasse sich mit der Höhe der Schulgebühren und mit der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft. Obwohl das Grundgesetz es so wolle. Denn, so heißt es in Artikel 7, Absatz 3:

Eine Privatschule ist dann zu genehmigen, wenn „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“.  

So ist es richtig, das sollten die Behörden endlich tun. Sie sollten den Privatschulen auf die Finger schauen, aber sie sollten dann endlich aufhören, ihnen auf die Finger zu hauen. Denn das Problem der Privatschulen – und des deutschen Bildungssystems – ist nicht, dass die soziale Spaltung etwa durch sie produziert würde. Sondern dass der Staat Privatschulen zu schlecht fördert. Und sie so zwingt, teure Schulgebühren zu erheben. Und wegen denen er sie nun wieder zusperren soll. In der Medizin nennt man so etwas Schizophrenie. In der Politik heißt dieser Unsinn: Kampf um Chancengleichheit.

Nach den Privatschulen am besten die Gymnasien niederbrennen

Dieser Kampf müsste nur woanders geführt werden. Denn in Wahrheit kommt die Sonderung aus einem quasi privatschulischen Arrangement namens Gymnasium innerhalb der dreigliedrigen Schule. Wenn eine Behörde loszieht, um Salem zu schließen und das Bonner Aloisius-Kolleg oder die beiden Berliner Metropolitan- und Cosmopolitan-Schulen, dann sollten die Bildungs-Jakobiner Helbig/Wrase gleich zu den Gymnasien weiter marschieren. Und sie auflösen, am besten niederbrennen. Die empirischen Befunde dafür, dass die Gymnasien die Gesellschaft sozial spalten, sie sind nämlich erdrückend. Und wir kennen sie alle, sie heißen Pisa. Seit 2001 hämmert uns die OECD ein: Euer System ist ungerecht! Wegen der Gymnasien! Wegen der sozialen gewollten Spaltung von Kindern mit zehn Jahren.

Aber wer, bitteschön, würde gerne die Gymnasien schließen? Schulen, auf die inzwischen 60 Prozent eines Altersjahrganges gehen? Ich möchte den politischen Selbstmörder sehen, der das machen oder auch nur aussprechen wollte. Er würde sofort abgewählt. Das Gymnasium ist die deutsche Schule. Und es sondert viel krasser als Privatschulen, auch wenn sich durch die Einführung von Gemeinschaftsschulen etc. nach Pisa einiges getan hat. Womit wir bei dem wären, was bei Helbig und den Kollegen fehlt, die zum Sturm auf die Internate aufrufen: Der schiefe Turm von Pisa ist nicht oben schief, sondern unten. (Christoph Darum hat diesen wunderbaren Satz gesagt)

Das Bildungssystem wird dadurch keinen Deut besser

Will sagen: Man kann gerne ein paar Privatschulen auflösen, das deutsche Bildungssystem wird dadurch keinen Deut gerechter. Denn entscheidend ist, und das lehrt uns jede Pisastudie aufs Neue, die Zahl der Risikoschüler zu verringern, jene also, die am unteren Ende stehen, die ein Blatt Papier lesen, aber nicht wiedergeben können, was darauf steht. Das ist das deutsche Gerechtigkeitsproblem.

Länder-Pisa Schleswig-Holstein 2016
Länder-Pisa Schleswig-Holstein 2016

Aber darüber zu sprechen ist natürlich komplizierter und die Lösung ist auch viel schwerer. In Berlin gab es 55 Hauptschulen, sie wurden nicht niedergebrannt, sondern in integrierte Sekundarschulen umgewandelt. Aber nun geht es darum, aus ihnen wirklich gute Schulen zu machen. Das ist wahnsinnig anstrengend. Das dauert Jahre. Aber es geht. Das Land Schleswig-Holstein hat es geschafft, binnen 15 Jahren die Zahl seiner Risikoschüler von 25 Prozent auf 17,7 Prozent zu senken. In Berlin liegt ihre Zahl bei 30 Prozent, im gruseligen Bremen bei 37 Prozent. Schleswig-Holstein hat durch Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems und einer starken Leseförderung große Schritte gemacht. Die Reform hat zehn Jahre gedauert, und sie hält noch an. Kiel steht derweil auf Platz 2 beim innerdeutschen Pisa-Test. So macht man Schule gerechter.

Aber nicht durch Aufrufe zum Sturm auf Privatschulen. Damit befördert man nur das Pathos, dessen sich Kreuzberg gerade wieder bediente, um eine Privatschule abzuweisen, die dazu gedacht war, Migrantenkinder zu fördern. Dieser Akt hat die Kreuzberger Schulrevolutionäre zwar wahnsinnig stolz gemacht. Aber ihren Schülern hat es nicht geholfen. Kreuzberg hat weiter mit das miserabelste Schulsystem Deutschlands. In Kreuzberg liegt die Zahl der Drittklässler, die kaum lesen können, zwischen 38 (Kreuzberg Süd) und 46 Prozent (Kreuzberg Nord). kreuzbergAber die ewige rot-rot-grüne Mehrheit denkt gar nicht daran, seine Schulen besser zu machen. Denn, so tönen die Jakobiner aus XBerg, die sich so richtig gut eigentlich nur beim Reformieren von Klohäuschen anstellen, dafür sind wir nicht zuständig! Das soll der Senat machen!

Und was macht der Senat? Na, der überprüft jetzt, ob es in zwei Privatschulen in Mitte ungerecht zugeht.

Willkommen in der Berliner rot-rot-grünen Bildungsrepublik.

P.S. Die beiden Leiter des Aloisius- und des Canisius-Kollegs haben zu der Studie erklärt:

Johannes Siebner: „Faktencheck: das Aloisiuskolleg in Bonn nimmt kein Schulgeld, keinen Cent! Was auch immer Prof. Helbig behauptet, es stimmt nicht. Und die Pensionskosten bei uns im Internat liegen unter 20.000,– Euro“. Dazu muss man wissen: Das Aloisius-Kolleg ist ein Gymnasium mit rund 740 Schülern, von denen 80 im dazugehörigen Internat wohnen.

Und Pater Tobias Zimmermann aus Berlins Canisius-Kolleg sagte: „Leider übersehen die Autoren den Kern jener Passage des Grundgesetzes, den sie als Vehikel ihrer Vorurteile gebrauchen. Im Engagement von Eltern, Trägern und Lehrern an freien Schulen drückt sich jener Geist einer engagierten Zivilgesellschaft aus, die zu fördern und zu schützen das Grundgesetz dem Staat nach der staatlichen Monopolisierung von Bildung in zwei totalitären Systemen aufträgt.

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